Publiziert am: Freitag, 5. Juni 2015

Finanzierungslücke bleibt bestehen

VORSORGEEINRICHTUNGEN 2014 – Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge hat im Rahmen der Vorstellung ihres dritten Tätigkeitsberichtes auch die aktuellen Zahlen zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen präsentiert.

Zur Sicherstellung einer möglichst aktuellen und aussagekräftigen Daten- und Faktenbasis zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen hat die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) die erhobenen Kennzahlen der Vorsorgeeinrichtungen vereinheitlicht. Die Erhebung wird in enger Koordination mit den regionalen und kantonalen BVG-Aufsichtsbehörden durchgeführt. Bis Anfang April 2015 haben 93 Prozent (Vorjahr: 91 Prozent) der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen mit einer Bilanzsumme von 822 Milliarden Franken (Vorjahr: 730 Milliarden Franken) den Fragebogen der OAK BV ausgefüllt.

Besser ohne Staatsgarantie

Die durchschnittliche Netto-Vermögensrendite betrug im vergangenen Jahr 6,8 Prozent (gegenüber 6,2 Prozent im Vorjahr). Per Ende 2014 lag der durchschnittliche Deckungsgrad bei den privatrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen und öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie bei 113,5 Prozent (Vorjahr:110,8 Prozent). 90 Prozent (Vorjahr: 87 Prozent) dieser Einrichtungen wiesen einen Deckungsgrad von mindestens 100 Prozent aus. Anders bei den öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie: Hier betrug der durchschnittliche Deckungsgrad 86,1 Prozent (Vorjahr 80,4 Prozent).

Aufhebung Euro-Mindestkurs durch die SNB

Der Entscheid der SNB vom 15. Januar 2015, den Euro-Mindestkurs aufzugeben und das Zielband für den Dreimonats-Libor weiter in den negativen Bereich auf –1.25 Prozent bis −0.25 Prozent zu verschieben, habe die bestehende Grundproblematik der Tiefzinsphase zwar weiter akzentuiert, aber nicht fundamental geändert, so die OAK BV.

«SOLL DAS ERTRAGS­NIVEAU GEHALTEN, MUSS MIT MEHR RISIKO INVESTIERT WERDEN.»

Der überwiegende Teil der Vorsorgeeinrichtungen sei von den Wechselkursschwankungen nur in einem geringen Ausmass betroffen, da gemäss deren Anlagestrategie nur knapp 
17 Prozent der Anlagen überhaupt Fremdwährungsrisiken ausgesetzt respektive nicht abgesichert waren. Zudem bestanden Fremdwährungsrisiken nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch gegenüber anderen Währungen, von denen sich insbesondere der US-Dollar, der für die Vorsorgeeinrichtungen die wichtigste Fremdwährung darstellt, innert Jahresfrist gegenüber dem Schweizer Franken aufgewertet hat.

Tendenz zu risikoreicheren Anlagen

Risikoarme Anlagen wie Bundesobligationen werden in den nächsten Jahren aufgrund der tiefen oder zum Teil negativen Zinsen praktisch keinen Beitrag an den Anlageertrag mehr leisten können, so die OAK BV weiter. «Soll das Ertragsniveau gehalten werden, besteht also gewissermassen ein Zwang, in risikoreichere Anlagen zu investieren», sagt OAK BV-Präsident Pierre Triponez. Die Vorsorgeeinrichtungen müssten prüfen, ob sie zusätzliche Anlagerisiken tragen wollten oder ob sie ihre Risikofähigkeit durch Veränderungen bei Leistung und Finanzierung verbessern könnten.

Finanzierungslücke bleibt

In den letzten 25 Jahren sind das Zinsniveau und somit die erwarteten Anlagerenditen von Vorsorgeeinrichtungen stetig gesunken. Aktuell fallen die langfristigen Zinsversprechen, welche den Altersleistungen zugrunde liegen, im Durchschnitt 0,5 Prozent höher aus als die für die Bewertung der Verpflichtungen von der Vorsorgeeinrichtung verwendeten technischen Zinssätze. «Zu hohe Renten können im Nachhinein nicht mehr gekürzt werden, sondern müssen von Arbeitgebern und aktiv Versicherten nachfinanziert werden.»

Weiterer Anpassungsbedarf

Der Trend zu tieferen technischen Zinssätzen habe sich 2014 erwartungsgemäss fortgesetzt. Die meisten Vorsorgeeinrichtungen hätten den Handlungsbedarf erkannt und entsprechende Schritte eingeleitet. «Trotzdem konnten weder die verwendeten technischen Zinssätze noch die BVG-Mindestzinssätze mit der deutlichen Senkung des Zinsniveaus mithalten.»

Aufgrund des anhaltenden Tiefzinsumfelds und den gegenwärtig teilweise gar negativen Zinsen seien deshalb weitere Anpassungen absehbar, um die Vorsorgeeinrichtungen nachhaltig zu finanzieren, schreibt die OAK BV. «Dies betrifft insbesondere auch Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie, welche mehrheitlich hohe technische Zinsen und grosszügige Zinsversprechen verwenden. Es ist davon auszugehen, dass die betroffenen Gemeinwesen zu weiteren Anpassungen Hand bieten werden müssen.»

«Risikoorientierte Führung»

Während der Finanzkrise habe sich gezeigt, dass Aufsichtsbehörden mit einem risikoorientierten Fokus schneller agieren und qualitativ bessere Massnahmen treffen könnten. Zusammen mit den regionalen Aufsichtsbehörden hat die OAK BV eine Arbeitsgruppe initiiert, welche die Verwendung von Risikokennzahlen nicht auf den Gesamtmarkt beschränken, sondern auf die einzelne Vorsorgeeinrichtung ausdehnen will. Ziel sind «minimale Standards für eine praxistaugliche Risikoprüfung».

Die Arbeitsgruppe hat ihren Fokus dabei auf die risikoorientierte Führung gesetzt, welche in der Verantwortung des obersten Organs der Vorsorgeeinrichtung liegt. Die Aufsichtsbehörden prüfen in erster Linie, ob und inwieweit eine solche risikoorientierte Führung wahrgenommen wird.

Dazu schlägt die Arbeitsgruppe vor, dass die OAK BV bestimmte Risikokennzahlen für obligatorisch erklärt.

oberaufsicht BV

Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge OAK BV ist eine unabhängige Behördenkommission. Sie wird vollständig über Abgaben und Gebühren finanziert. Für die Direktaufsicht der Vorsorgeeinrichtungen sind die insgesamt neun kantonalen ∕regionalen Aufsichtsbehörden am Sitz der jeweiligen Einrichtung zuständig. Deren Oberaufsicht durch die OAK BV erfolgt ausserhalb der zentralen Bundesverwaltung und unabhängig von Weisungen des Parlamentes und des Bundesrates. Direkt von der OAK BV beaufsichtigt werden hingegen die Anlagestiftungen sowie der Sicherheitsfonds und die Auffangeinrichtung.

Die OAK BV will in erster Linie zu einer konsequenten Verbesserung der Systemsicherheit sowie von Rechtssicherheit und Qualitätssicherung beitragen.