Publiziert am: 25.10.2019

Gemeinsam gegen Fachkräftemangel

INTERNATIONALE BERUFSBILDUNG – Die deutschsprachigen Berufsbildungsexperten haben sich am Kammertreffen

in Bern und Spiez über die aktuellen Bildungsthemen ausgetauscht. Fazit: Auf europäischer Ebene wird eine verstärkte

Zusammenarbeit zwischen den sieben Ländern angestrebt. Damit will man die höhere Berufsbildung noch mehr stärken.

Seit mehreren Jahren treffen sich im Herbst regelmässig rund 40 Berufsbildungsexpertinnen und -experten aus den Kammer- und Arbeitgeberorganisationen von Deutschland, Österreich, Luxemburg, Belgien, Südtirol, Liechtenstein und der Schweiz zum traditionellen europäischen Kammertreffen. In diesem Jahr fand der Bildungsevent in Bern und Spiez statt. Hauptthema war der Austausch über die Entwicklungen in der Berufsbildung der verschiedenen Länder. Ein erster Höhepunkt war der Besuch einer Nationalratssitzung im Bundeshaus.

Die höhere Berufsbildung stärken

Im Ausbildungszentrum der Schweizer Fleischwirtschaft in Spiez wurden die Gespräche weitergeführt. Vertreterinnen und Vertreter des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ZDH sowie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK erzählten von ihren Erfahrungen mit der Einführung des Berufsabiturs oder mit neuen Marketingmethoden. So will man Berufslernende erfolgreich rekrutieren. Aufschlussreich aus Schweizer Sicht ist die geplante Entwicklung des deutschen Berufsbildungsgesetzes, in welchem neu der Begriff der höheren Berufsbildung, in Ergänzung zur Meisterausbildung, verankert wird. Auch die englischen Titel «Master Professional» und «Bachelor Professional» sollen dabei aufgenommen werden. Ein Projekt der Wirtschaftskammer Österreich WKÖ sieht vor, die Zielgruppe der Jugendlichen, die sich für eine Berufslehre eignen, sukzessiv zu erweitern. Mit einer Auslandserfahrung wird dabei die Attraktivität einer beruflichen Grundbildung gesteigert. Auch ist geplant, alle Qualifikationen im nationalen Qualifikationsrahmen NQR einzuordnen und sichtbar zu machen.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe nimmt in Liechtenstein ab. Eine erfolgreiche Massnahme dagegen ist die Aktion «100Pro» der Wirtschaftskammer. Die Luxemburger Handelskammer sowie die Luxemburger Handwerkskammer haben die World Skills zum Anlass genommen, Berufswettbewerbe im eigenen Land als Attraktivitätssteigerung der Berufsbildung zu fördern. Im deutschsprachigen Südtirol hat man in einem Erasmus-Projekt eine grosse Studie zu den Gelingensfaktoren in der Berufsbildung durchgeführt. Dabei richten die Lehrbetriebe ihren Fokus bei der Rekrutierung von neuen Lehrlingen vermehrt auf sogenannte «Soft Skills», wie beispielsweise Zuverlässigkeit oder Interesse am Beruf, und weniger auf Schulwissen oder spezielle Fertigkeiten. Auch in der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens werden die Kräfte der Partner im Bereich der Berufsbildung so gebündelt und neu strukturiert, um gemeinsam mit der Wirtschaft dem Fachkräftemangel entgegenzu­wirken.

Schweizer Berufsbildung BB 2030

Die Schweizer Bildungsexperten informierten vor allem über die Initiative «Berufsbildung BB 2030», aber auch über die Weiterentwicklung der höheren Berufsbildung, im Speziellen der höheren Fachschulen. Zudem präsentierten die KMU Frauen Schweiz ihren eigens dafür entwickelten Weg des Gleichwertigkeitsverfahrens (Validation des acquis d’expérience VAE) zum eidgenössischen Fachausweis «Unternehmensführung KMU».

Gemeinsame Initiativen lancieren

Die deutschsprachigen Bildungsexperten waren sich einig, dass auf europäischer Ebene vermehrt gemeinsame Initiativen gestartet oder weitergeführt werden müssen. «Das Beispiel der höheren Berufsbildung zeigt, dass man dank eines guten Austausches und einer engen Zusammenarbeit diesen wichtigen Bereich für die Wirtschaft stärken kann. Notabene vor mehreren Jahren wurde die höhere Berufsbildung noch in allen deutschsprachigen Ländern völlig unterschiedlich beurteilt», sagt Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche. Fazit des internationalen Bildungstreffens: Der Fachkräftemangel, der in den meisten europäischen Ländern vorherrscht, soll und kann gar nicht durch akademische Bildung gedeckt werden, sondern es braucht eine starke höhere Berufsbildung, welche in erster Linie von der Wirtschaft direkt getragen wird. Dafür setzen sich diese Organisationen ein. CR