Publiziert am: Freitag, 10. November 2017

Genuss darf nicht verboten werden

Tribüne

Als Vorstandsmitglied der Informationsgruppe Erfrischungsgetränke (IGEG) kann man davon ausgehen, dass ich in Sachen Zuckersteuer eine ablehnende Haltung einnehme. Es lässt sich nicht alles via Strafsteuern regeln. Themen wie «Genusskompetenz» und Wahlfreiheit liegen mir allerdings auch aus persönlicher Überzeugung am Herzen, übereinstimmend mit meinen Vorstellungen von einem sinnvollen Bildungsangebot in Schulen, mit meiner Leidenschaft für ausgewogene Ernährung sowie mit einem vernünftigen Verständnis für Genuss.

Bei der IGEG handelt es sich um eine gemeinsam mit Wirtschaftsvertretern und nationalen Parlamentariern gegründete Dialogplattform. Wir fördern einen kontinuierlichen Austausch zwischen Wirtschaft und Politik. Gleichzeitig gibt uns der jährlich unter der Schirmherrschaft der IGEG publizierte 
Monitor zu Ernährung und Bewegung des gfs.bern wichtige Denkanstösse. Gemäss gfs.bern ist einer grossen Mehrheit der Schweizer, nämlich 91 Prozent, das Thema Ernährung wichtig. Zugleich ist es aber so, dass dieses Bewusstsein im mittleren und oberen Einkommenssegment ausgeprägter ist. Bei tieferen Einkommen ist dies oft schwieriger, weil die Ernährung auf günstige Produkte ausgelegt ist. Die Idee, durch eine Zuckersteuer Abhilfe zu schaffen, halte ich aber für völlig falsch.

Das Problem bei solchen Steuern ist, dass sie auch diejenigen Konsumenten strafen, die zuckerhaltige Getränke mit Augenmass konsumieren. Zugleich glaube ich nicht, dass ein Verbot oder eine Steuer vom Kauf abschreckt. Ich habe generell Mühe mit Verboten, sei es nun bei Nahrungsmitteln oder in anderen Lebensbereichen. Dies gilt auch für die im Kanton Waadt diskutierte Steuer auf Erfrischungsgetränken, bei welcher die Abgabe in eine Zahnversicherung fliessen soll. Ist jemandem eine Zahnversicherung wichtig, so steht es jedem frei, eine solche für sich und seine Kinder freiwillig abzuschliessen. Anstelle einer Steuer glaube ich vielmehr, dass das Bewusstsein für ausgewogene Ernährung gefördert werden muss.

Ich weiss heute noch, wie die Ernährungspyramide aussieht, die wir in der Schule gelernt haben. Ich koche deshalb mit frischen Zutaten – im Sommer mit Gemüse aus unserem eigenen Garten. Das haben auch meine Kinder so gelernt. Wo, wenn nicht zu Hause oder in der Schule, können wir unseren Kindern diese Werte mitgeben? Die wichtigste Massnahme ist darum für mich zuerst einmal, dass die Hauswirtschaft unter keinen Umständen zusammengekürzt wird. Ich bestreite nicht, dass wir in den Schulen Mathematik und Sprachen vermitteln sollen. Wir müssen aber auch Wissen vermitteln, das unsere Kinder zum Leben brauchen. Es wird mir bange, wenn ich sehe, dass mit dem Lehrplan 21 die praktischen Fächer keinen Stellenwert mehr haben. Die Hauswirtschaft, die wir bis anhin kannten, könnte durch kopflastige Theorie ersetzt werden. Die Jungen lernen dann nirgends mehr, wie man sich richtig ernährt. Das müssen wir unbedingt verhindern.

Das Bild von einer Flasche Cola und einem Berg Zucker daneben sah man oft – es hat sich bei uns eingeprägt. Dass die Branche vorwärts macht und die Getränke mittlerweile eine andere Zusammensetzung haben – davon redet niemand. Ich erlebe die Hersteller als verantwortungsvolle Arbeitgeber mit grosser Innovationskraft. Sie müssen hierfür nur einmal einen Blick in die Regale von Migros und Coop werfen. Jüngst hat beispielsweise Ram­seier mit «Zisch» ein neues kalorienreduziertes Produkt lanciert. Und auch Coca-Cola hat der IGEG anlässlich einer Präsentation gezeigt, dass die durchschnittliche Kalorienzahl im Produktportfolio seit 2006 um knapp 19 Prozent gesenkt wurde.

Ich bin der Meinung, dass Ernährung den Menschen Spass machen soll. Ich habe meinen heute erwachsenen Kindern nie ein Glas Cola verboten. Wichtiger war es mir, ihnen beizubringen, wie sie damit umgehen sollen. Konsumiere ich ein Produkt bereits mit einem schlechten Gewissen, so kann das nicht gesund sein. Der Genuss muss im Zentrum stehen. Bei einem schönen Essen soll ein feines Glas Wein, ein Bier oder eben ein Erfrischungsgetränk seinen Platz haben.

*Die Luzerner CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann-Hunkeler ist seit neun Jahren im Parlament und seit Beginn in der Sicherheitspolitischen und in der Geschäftsprüfungs-kommission. Sie ist Präsidentin der LU Couture AG, eines Lernbetriebs für Bekleidungsgestalterinnen, und Präsidentin der Pro Senectute des Kantons Luzern.

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.