Publiziert am: Freitag, 19. Mai 2017

«Gewerbe ist meine Partei»

WERNER SCHERRER – Der neue Präsident des Kantonalen Gewerbeverbands Zürich will die Zusammenarbeit mit der Politik vertiefen und so bewirken, dass der KGV noch erfolgreicher wird.

Schweizerische Gewerbezeitung: Am 11. Mai wurden Sie zum neuen Präsidenten des Kantonalen Gewerbeverbands Zürich (KGV) gewählt. Was reizt Sie an diesem Amt?

 Werner Scherrer: Das Gewerbe, die KMU sind in erster Linie gewerblich und erst dann politisch. Der Auftrag an den neuen Präsidenten ist also klar: Er hat weiterhin eine unbedingte Interessenvertretung der wirtschaftlichen Anliegen in der Politik sicherzustellen und damit die Wirkung des KGV weiter zu verstärken. Auf diesen Einsatz freue ich mich sehr. Ich will die Zusammenarbeit mit der Politik weiter vertiefen und so bewirken, dass wir noch erfolgreicher werden!

Welches sind die wichtigsten Herausforderungen, vor denen der KGV heute steht?

Die Herausforderungen sind die ähnlichen, die vor über 160 Jahren zur Gründung des KGV geführt haben. Wir setzen uns ein, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für KMU sich verbessern oder zumindest nicht verschlechtern. Verschiedene Initiativen, die diese Rahmenbedingungen oder auch den Handlungsspielraum der KMU einschränken wollen, müssen sicher auch in Zukunft pariert werden. Auch erscheint es uns wichtig, dass der Wirtschaftsplatz Zürich konkurrenzfähig bleibt. Einerseits gegenüber dem Ausland, anderseits aber auch gegenüber den anderen Kantonen. Die Unternehmenssteuerreform III muss schnellstmöglich aufgegleist werden. Und auch Investitionen in die Verkehrs-Infrastruktur müssen schnellstmöglich realisiert werden. Unsere florierende Wirtschaft ist nicht gottgegeben! Dafür müssen wir hart kämpfen und die Weichen immer wieder aufs Neue richtig stellen.

Und wo sehen Sie Entwicklungsmöglichkeiten für Ihren Verband?

Als grösster Arbeitgeberverband des Kantons hat die Stimme unseres Verbandes Gewicht. Unsere 18 000 Mitglieder geben uns die Legitimation, uns deutlich zu äussern. Das wird so bleiben. Klar ist, dass wir bei Politkampagnen noch schlagkräftiger werden müssen. Ebenfalls ist es unser Ziel, neue Berufe unter unserem Verbandsdach zu vereinen. Ich denke beispielsweise an die IT-Berufe, die auch im gewerblichen Umfeld nicht mehr wegzudenken sind.

Weshalb ist es wichtig, dass sich nicht nur der nationale Dach­verband, sondern auch die kantonalen Gewerbeverbände in der Politik engagieren?

Der Schweizerische Gewerbeverband ist auf eidgenössischer Ebene aktiv. Wir auf der kantonalen Ebene. Politische Einflussnahme ist insbesondere im Kanton Zürich, der als Wirtschaftslokomotive der Schweiz gilt, wichtig. Verschiedene Vorstösse werden hier lanciert. Bei einem Erfolg in Zürich kann es zu einem Export der Idee in andere Kantone oder auf die eidgenössische Ebene kommen. Dies haben wir unlängst wieder bei der Lohndumpinginitiative der UNIA gesehen, die der KGV im Kampagnenlead parierte. Das Aufatmen Berns war bis nach Zürich hörbar.

Über Jahre vertraten Sie die FDP im Kantonsrat und verfolgen die Politik noch heute sehr aktiv. Welches sind heute die wichtigsten gewerberelevanten Dossiers im Kanton Zürich?

Zuerst die nationalen Herausforderungen, die uns auch kantonal weiterhin intensiv beeinflussen werden: bei der USR III braucht es eine schnelle und KMU-freundliche Neuauflage, die dieses Mal mehrheitsfähig sein muss. Rechtsunsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. Das gilt auch zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Zudem ist der volkswirtschaftliche Schaden durch Staustunden definitiv zu hoch. Seit geraumer Zeit blockierte Strassenprojekte wie z.B. die Oberlandautobahn, die 
Glatttalautobahn oder die Umfahrung Eglisau müssen endlich realisiert werden.

Als Unternehmer kennen Sie die Situation der Zürcher KMU aus eigener Erfahrung. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Sorgen sind ein Frühwarnsystem der Unternehmen dafür, dass etwas verändert oder verbessert werden muss. Das heutige Problem ist aber, dass diese Sorgen in immer kürzeren Abständen und mit immer grösseren Auswirkungen auf uns zukommen. Das fordert eine gehörige Portion Fitness im Kopf. Und da mache ich mir Sorgen, dass nicht mehr immer alle KMU genug Energie haben. Damit sind wir wieder beim KGV und 
seiner Arbeit: Verbesserung der 
Rahmenbedingungen heisst zum Beispiel auch ganz direkt Reduktion der Sorgen.

«UNSERE FLORIERENDE WIRTSCHAFT IST NICHT GOTTGEGEBEN!»

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit unter den Wirtschafts­verbänden im Kanton Zürich?

Diese ist ausgezeichnet. Insbesondere mit dem Hauseigentümerverband und der Zürcher Handelskammer pflegen wir einen regen Austausch. Ebenfalls treffen wir uns regelmässig im Forum Zürich mit den weiteren Wirtschaftsverbänden des Kantons Zürich. Das hilft dabei, sich bei übergeordneten Wirtschaftsinteressen früh abzusprechen und gemeinsam zu mobilisieren.

Sie engagieren sich seit jeher auch in der Berufsbildung: Was macht einen guten Lehrbetrieb aus?

Der feste Wille, junge Menschen wohlwollend auf ihrem Weg in die Berufswelt zu begleiten. Dazu gehört die Vermittlung von fachlichem Können und, für mich matchentscheidend, die Vermittlung von Werten unserer Gesellschaft. Ich bin immer wieder fasziniert, wie junge Menschen sich innert kürzester Zeit in den Betrieben einleben und, speziell in KMU, vom ersten Tag an Verantwortung mittragen.

Als Präsident des Zürcher Lehrbetriebsverbands ICT setzen Sie sich für eine Stärkung der ICT-Ausbildung ein. Weshalb ist ICT (information and communications technology) in der Arbeitswelt so wichtig?

Soll ich antworten oder wollen Sie schnell googeln? Im Ernst: Es gibt bereits heute kein KMU mehr, das ohne IT auskommt. Es wird immer mehr und die Veränderungen kommen in immer kürzeren Abständen. Zum einen braucht es also ein Grundwissen an ICT für jeden von uns und zusätzlich braucht es natürlich Fachleute, die uns in diesen Bereichen schnell, präzise und zu fairen Preisen begleiten können. Dazu fehlen übrigens hochgerechnet bis ins Jahr 2024 rund 25 000 ICT-Fachkräfte. Das Engagement ist also für unsere Wirtschaft überlebensnotwendig.

Sie führen in 3. Generation ein Fachgeschäft für Messer: Was ist das Faszinierende an Messern?

Feuer und Stahl faszinieren die Menschen seit uralter Zeit. Heute hat sich das Kochen auch bei Männern zu einem etablierten Hobby entwickelt. Und wenn man hochwertigste Nahrungsmittel – speziell Fleisch – verarbeitet, gehört ein geniales Messer einfach dazu. Es ist ein Werkzeug, aber es ist auch ein Zeichen für Leidenschaft beim Kochen.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Der neue KGV-Präsident Werner Scherrer (56) ist Inhaber der gleichnamigen Messerschmiede im Herzen der Altstadt von Bülach. Er führt das Geschäft in 3. Generation, seit er es 1988 vom Vater übernommen hat.

Seit 2010 war Scherrer Vize-Präsident des Kantonalen Gewerbeverbands Zürich; seit 2016 ist er Mitglied der Schweizerischen Gewerbekammer, des Parlaments des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv.

2000 bis 2006 amtierte Scherrer als Stadtrat (Exekutive) von Bülach; 2006 bis 2015 engagierte er sich als FDP-Kantonsrat für die Geschicke seines Kantons. En