Publiziert am: 24.04.2015

Gewerbe und Pharma – kein Kontrast

Tribüne

Interpharma, der Verband der forschenden Pharmafirmen der Schweiz, wird oft mit den zwei global führenden Pharmagiganten Novartis und Roche identifiziert. Der Verband gilt sozusagen als das Gesicht von «big pharma» und als echter Kontrast zum enorm breit abgestützten Schweizerischen Gewerbeverband sgv, der sich für die über 300 000 KMU in der Schweiz einsetzt.

Doch das Bild von globalen, rein auf den Export ausgerichteten und an der Schweiz immer weniger interessierten Pharmaunternehmen stimmt ebenso wenig wie die Reduktion der KMU auf die Binnenwirtschaft. Statt drei Mitgliedsfirmen (Ciba-Geigy, Roche und Sandoz) wie noch Mitte der 90er Jahre, zählt Interpharma heute 22 Mitglieder mit Stützpunkten in der ganzen Schweiz. Gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) hatten im Jahre 2012 von den total 247 Unternehmen im Bereich Pharma deren 223 weniger als 250 Mitarbeiter. Mit anderen Worten: Neun von zehn Schweizer Pharmafirmen sind KMU. Gewiss generieren grosse Pharmafirmen wie Novartis und Roche in der Schweiz mit rund 26 600 Beschäftigten die Mehrzahl an Arbeitsplätzen, doch die restlichen 15 100 Arbeitsplätze in der Pharmaindustrie entfallen auf Schweizer Filialen internationaler Firmen und auf KMU.

Noch stärker wird die Symbiose zwischen «big pharma» und KMU, wenn man zusätzlich die indirekt geschaffenen Arbeitsplätze, die wiederum hauptsächlich KMU betreffen, berücksichtigt. Die von der Pharmaindustrie abhängigen, indirekten Arbeitsplätze – Lieferanten von Laborgeräten, Präzisionsinstrumenten, Baugewerbe, Gastgewerbe etc. – übertreffen die Zahl der direkt in der Pharmabranche Beschäftigten nämlich bei weitem. Direkt in der Industrie beschäftigt waren im Jahre 2013 rund 41 700 Beschäftigte, hinzu kamen jedoch indirekt 137 600 Beschäftigte, was bedeutet, dass insgesamt fast 180 000 Arbeitsplätze in der Schweiz auf die Pharmaindustrie zurückzuführen sind – fast doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren.

Bemerkenswert an der Entwicklung der Pharmaindustrie in der Schweiz ist, dass diese heute geographisch viel breiter abgestützt ist als noch vor 20 Jahren. Damals galt Pharma als weitgehend synonym mit Basel. Das ist heute nicht mehr der Fall, denn die Schweiz hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem immer wichtigeren Standort in der globalen Pharmaproduktion entwickelt – und zwar längst nicht nur von Schweizer Firmen. In Schaffhausen bei Janssen (ehemals Cilag), in Bulle bei UCB, in Werthenstein bei MSD, in Boudry bei Celgene, in Aubonne und Corsier-sur-Vevey bei Merck-Serono produzieren internationale Pharmafirmen Medikamente für Patienten in aller Welt. Und im Raum Zürich-Zug-Luzern hat sich in den letzten zehn Jahren der neben Basel wichtigste Pharmastandort der Schweiz entwickelt mit einigen tausend neuen, hoch spezialisierten und gut bezahlten Arbeitsplätzen.

Die Zusammenarbeit mit KMU und Zulieferern, die Schweizer Präzisionsarbeit leisten, Bauvorhaben in aller Regel gemäss Zeitplan fertigstellen und bei denen Produktionsausfälle infolge von Streiks ein Fremdwort sind, ist wichtig für den Erfolg der Branche in unserem Land. Doch das Wohlstandsmodell Schweiz – sei es nun Gewerbe oder Pharma – ist nicht in Stein gemeis­selt. Beide brauchen Rahmenbedingungen, welche Selbstverantwortung und unternehmerisches Handeln belohnen und wo man sich bei Regulierungen nicht einfach an der EU orientiert, sondern bewusst auch den Standortvorteil der eigenständigen Schweiz, die «besser als...» sein will, nutzt.

Der Erfolg der Schweizer Wirtschaft basiert auf der Qualität von Bildung und Forschung – Berufsbildung ebenso wie Fachhochschulen, Universitäten und ETH –sowie einem liberalen Arbeitsmarkt mit qualifizierten und leistungswilligen Arbeitskräften. Die Möglichkeit zur Rekrutierung der benötigten Fachkräfte, auch aus dem Ausland, eine leistungsfähige Infrastruktur und Verwaltung und nicht zuletzt ein attraktives fiskalisches Umfeld gehören ebenso dazu wie die Suche nach der Quadratur des Kreises bei einer pragmatischen Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und damit der unbürokratische Zugang zum nicht nur für die Pharmabranche wichtigsten Absatzmarkt EU.

*Thomas B. Cueni ist Generalsekretär / Geschäftsführer von Interpharma, des Verbands der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz.

 

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.