Publiziert am: 09.08.2019

«Greta Thunberg fürs Gewerbe»

Die Klimadebatte ist ein vermintes Gelände. Junge Klimaaktivisten treiben Politiker, die Wirtschaft und grosse Teile der Gesellschaft vor sich her. Kantone, Städte und Gemeinden rufen den «Klimanotstand» aus. Die Schulstreiks am Freitag finden selbst bei bürgerlichen Erwachsenen verschämte Zustimmung – und stossen gleichzeitig bei anderen auf beleidigten Widerstand. Schliesslich ist die Schweiz weltweit der «Musterschüler», wenn es um tiefere Emissionen geht. Vergleicht man diese mit dem Bruttoinlandprodukt, dann sind wir Weltspitze. Und überhaupt: Sollen doch die Demonstrierenden zuerst bei sich selber anfangen – bei der Abfallvermeidung am «Open Air» oder beim übermässigen Fliegen. Immerhin sind ja die Klimaaktivisten selber die grössten Profiteure unseres Wohlstandes, führen viele Erwachsene ins Feld.

Guter Mittelstand

Ist es so einfach? Nein. Die Klimaaktivisten kommen nicht von einem anderen Stern. Sie sind in der Regel Söhne und Töchter des Mittelstandes. Nicht wenige ihrer Eltern sind Gewerbetreibende, höhere Angestellte oder gar Industrielle. Und die Protestierenden verfügen über einen ordentlichen Schulsack. Sie sind zumindest teilweise durchaus imstande, die Komplexität des Themas zu durchblicken. Und trotzdem gehen sie auf die Strasse. Demonstrationen haben einen hohen Erlebniswert, sind also ein «Event» und für die Jungen seit Jahrzehnten eine Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens – und beim Klimawandel sogar des vermeintlichen «Überlebens» auf diesem Globus. Zumal dann, wenn eine ebenso globale Leitfigur im Format des Mädchens Greta Thunberg sich anschickt, unter erheblichem medialen Getöse ihren Auftritt an der nächsten UNO-Vollversammlung mit einer Segelbootfahrt über den Nordatlantik anzusteuern. Visionen brauchen Köpfe.

Zwischen Hilflosigkeit und Begeisterung

Gegenüber dem geballten Protest an unserer Hochleistungs- und Komfortgesellschaft steht eine gewisse Hilflosigkeit von Politik und Wirtschaft. Als Reflex auf die Geschehnisse ziehen sich die Bürgerlichen in den Schmollwinkel zurück, während sich das linke und grüne Lager durch ihre freudige Zustimmung Stimmengewinne verspricht.

In der Tat ist die seit einem halben Jahr befeuerte Klimadebatte nicht einfach eine Grippe, die vorüberzieht. Sie hat das Potenzial, zumindest die westliche Gesellschaft in wichtigen Fragen zu spalten. Und der Rest der Weltgemeinschaft hat ohnehin andere Sorgen. In Hongkong, Moskau oder im Sudan gehen die Menschen nicht wegen des Klimas auf die Strasse, sondern wegen Freiheit und Demokratie.

Den gordischen Knoten durchschlagen

Fazit: Wir müssen den gordischen Knoten des gegenseitigen Misstrauens durchschlagen! Gerade wir aus dem bürgerlichen und wirtschaftsnahen Lager müssen uns von den Stereotypen der letzten Klassenkämpfe lösen und damit aufhören, Andersdenkende als «tumbe Anarchisten» oder gar als «Klassenfeinde» zu etikettieren. Wie man vermeintliche Gegensätze in brauchbare Kompromisse giesst, sehen wir ja am Beispiel der Sozialpolitik. Hier streiten Arbeitgeber und Gewerkschaften am runden Tisch um Lösungen, die vor dem Volk Bestand haben.

Dass die Klimapolitik komplex ist, wissen wir nicht erst seit der «Energiewende», deren erstes Massnahmenpaket vor zwei Jahren von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wurde. Nicht nur die Bürger haben nicht alles verstanden – auch wir Politiker stossen zuweilen an unsere Grenzen. Auch in der Klimadebatte: Wir können ellenlange Listen mit Fakten auftischen, uns in die Tiefen der Materie quälen und versuchen, die Klimabewegten auf den Pfad der Tugend zu bringen. Oder aber wir holen die Jungen dort ab, wo sie sich gerade aufhalten: auf der Strasse. Wir verlassen unsere Position der «beleidigten Leberwurst» und laden die Demonstranten zu einem «Klimagipfel des Gewerbes» ein. Dort hören wir ihnen zunächst einmal zu. Dann hören sie auch uns zu.

Wer dies aus dem bürgerlichen Lager zuerst schafft, wird gewinnen! Denn wer mit Fakten überzeugen will, muss zunächst vorherrschende «Ansichten über Fakten» korrigieren – übrigens auch die eigenen. Und für unsere Interessen müssen wir Köpfe finden, die für Erfolg und Eigenständigkeit stehen – vorzugsweise aus dem Gewerbe, und «notfalls» auch aus der Politik. Erst wenn alles nicht fruchtet, können wir uns ja immer noch an die Haustüren der Klimaprotestler ketten. Wetten, dass dies Schlagzeilen und Sendestunden brächte?

* Die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller ist Vizepräsidentin des Hauseigentümerverbands (HEV) Schweiz.

www.brigitte-haeberli.ch

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