Publiziert am: Freitag, 24. Juni 2016

Grosse Chance für Logistikgewerbe

DIGITALISIERUNG – Die Logistik ist eine der Schlüsselbranchen des digitalen Zeitalters. Eine Branche, die wie keine andere zahlreiche Schnittstellen zwischen Realität und Virtualität bietet. Drei Unternehmer erzählen, wie sie diesen Umbruch im Betrieb erleben.

Die Digitalisierung erfasst auch die Logistik mit voller Wucht. Die Branche ist im Umbruch und wird sich in wenigen Jahren fundamental verändert haben. «Eine enge Vernetzung mit Kunden, Dienstleistern und Kooperationspartnern ist bereits heute ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit», betont Jürg Sulser, Inhaber der Sulser Group in Otelfingen. Gerade mobile Endgeräte bieten Logistikern die Möglichkeit, Frachtinformationen jederzeit an jedem Ort zu verarbeiten. Neue Technologien wie Mobility, Data Analytics oder Cloud Computing treiben die Logistikunternehmen an, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken. «Die globale Lieferkette bedingt, dass auch der Informationsfluss verbessert werden muss. Wir als Transporteure sind ein Teil davon und müssen daher die nötigen Informationstools bereitstellen und diese so effizient wie möglich nutzen», stellt Sulser fest. Als «vielfältig und breitgefächert» erlebt auch Markus Lötscher, CEO der Pistor AG in Rothenburg, die digitale Transformation. «Wir haben viele Massnahmen im Verwaltungsrat beschlossen und dann in der Firma umgesetzt. Sie betreffen das Warenumschlagszentrum, die Dispositionen sowie Verwaltung und Administra­tion.» Auch für Philipp Bachmann, Inhaber der Bachmann AG Transporte Schweiz in Kölliken, ist der elektronische Datenaustausch mit Kunden und Partnern ein zentraler Faktor, um in Zukunft Schritt zu halten. «Es ist unsere Aufgabe, eingespielte Abläufe zu hinterfragen, anzupassen und sich den Veränderungen im Transport- und Logistikmarkt zu stellen.»

Flexibilität und Kostenreduktion

Von zentraler Bedeutung in diesem digitalen Zeitenwandel ist für Sulser Cloud Computing: «Die Auslagerung von IT schafft Flexibilität und kann die Kosten erheblich reduzieren.» Das Erkennen der strategischen Relevanz, das Change Management, die Anpassung an die Geschäftsprozesse sowie die Schulung der Mitarbeitenden erachtet Lötscher indessen als grösste Herausforderung. Nicht immer einfach sei das Überzeugen jedes einzelnen Mitabeiters. «Dabei darf der Faktor Mensch nicht zu kurz kommen, denn trotz aller digitalen Hilfsmittel verkörpert er das Unternehmen», gibt Bachmann zu bedenken.

Neue Dienstleistungen entstehen

Die neuen intelligenten Technologien verändern Arbeitsweise und Struktur der Arbeitsplätze. «Für die Synchronisierung der mittels Digitalisierung gewonnenen Daten sind entsprechende Rechnerkapazitäten, Datenspeicher, Softwareanwendungen und vieles mehr nötig. Demzufolge sind zunehmend qualifizierte Mitarbeiter erforderlich», bringt es Sulser auf den Punkt. Ein Chauffeur brauche heute auch umfangreiches mechanisches Wissen und müsse gleichzeitig mit den neuen Medien umgehen können, um digitalisierte Frachtbriefe sowie Verpackungs- und Versandformulare bearbeiten zu können, sagt der Zürcher SVP-Kantonsrat. Auch für Lötscher gehört das «stetige Schritthalten» mit neuen Technologien zum «daily business».

Alle drei Unternehmer sehen in der Digitaliserung grosse Chancen für das Logistikgewerbe: Die Wertschöpfung mit dem Kunden kann vertieft werden, es entstehen neue Dienstleistungen, und ein zeitnaher Informations- und Datenaustausch wird ermöglicht. Dazu Sulser: «Mit Hilfe entsprechender Technologien können Chauffeure heute beispielsweise Informationen über Frachtdetails und Fahrtrouten in Echtzeit erhalten und ihre Routen dementsprechend flexibel anpassen.» Für alle drei Unternehmer haben Investitionen in die neuen Technologien auf der Kostenrechnung eine immer gewichtigere Stellung. Die Sulser Group hat vor zwei Jahren ihre Logistikplattform im aargauischen Brunegg komplett umgebaut und für einen zweistelligen Millionenbetrag modernisiert. «Hier haben wir modernste Informations- und Automatisierungstechnik integriert, um beispielsweise die Logistikprozesse von globalen Kunden abbilden zu können. Wir haben eine eindeutige Rückverfolgbarkeit durch das gesamte Lagerhaus und auf allen unseren Lastwagen», so Sulser. Das seien für ein KMU grosse finanzielle Herausforderungen. Doch gelte: «So viel wie nötig – man muss nicht auf jeden Hype aufspringen», konkretisiert Sulser. Manchmal könne man teure Lösungen etwas später kostenlos auf einer App herunterladen.
Corinne Remund

NACHGEFRAGT BEI NILS PLANZER

«Daten noch einfacher managen»

Schweizerische Gewerbezeitung: Wo kommt spezifisch die Digitalisierung in Ihrem Business zum Zug?

Nils Planzer: Die Digitalisierung kommt schon heute in vielen Bereichen zum Zug – beispielsweise beim Datenaustausch mit unseren Kunden in den Bereichen Transport und Lagerlogistik. Die Herausforderung liegt darin, richtig zu fokussieren und priorisieren.

Was sind die grössten Herausforderungen im Transportwesen bezüglich der Logistik?

Die effiziente Handhabung der vielen Daten mit den passenden Systemen ist eine grosse Herausforderung.

Werden aufgrund der neuen Technologien Arbeitsplätze wegrationalisiert?

Im Bereich Lagerlogistik wird dies wohl kaum der Fall sein. Schliesslich fliesst der Aspekt Digitalisierung auch in die Ausbildung ein – diesbezüglich haben wir die Strategie nicht geändert. Wir versuchen mit internen und jungen Arbeitskräften – vom Lehrling bis zum Quereinsteiger – sowie mit den bewährten älteren Generationen mit gezielter Aus- und Weiterbildung auf diese Themen einzugehen.

«Wir müssen Chancen und Risiken richtig priorisieren.»

Welche Chancen ergeben sich durch die Digitalisierung für das Transportwesen und Speditionsgewerbe?

Im Outsourcing-Bereich – im Transport- und Lagerlogistik-Geschäft – werden wir noch einfacher und transparenter Daten für unsere Kunden managen können. Diesbezüglich ­sehen wir ein grosses Potential mit der zunehmenden Digitalisierung im Logistikgewerbe.

Eröffnet die Digitalisierung im Transportwesen neue Märkte?

Ja, jedoch muss die Unternehmenskultur darauf ausgerichtet und gesund entwickelt sein, um mit dieser Geschwindigkeit mithalten zu können. Zudem führt kein Weg daran vorbei, die Chancen und Risiken richtig zu priorisieren. Wir arbeiten täglich daran.Interview: CR

LINK

www.astag.ch

www.planzer.ch