Publiziert am: 06.06.2014

«Gute Bildung ist unser Rohstoff»

BERUFSBILDUNG – Die Gewerbliche Berufsschule Chur gilt als beste Berufsschule in der Schweiz. Dahinter stehen die Motivation zu Spitzenleistungen und der Wille, die Berufsbildung in der Schweiz fest zu verankern.

«Jede Schule behauptet von sich, die Beste zu sein», sagt Peter Andres. Er ist seit 13 Jahren Direktor an der Gewerblichen Berufsschule Chur. Die Schule positioniert sich leistungsmässig an der Spitze. Sie hat gemeinsam mit rund 30 Schulen aus den Kantonen Basel, Zürich und Solothurn an einem Benchmarkt-Projekt der Fachhochschule Nordwestschweiz teilgenommen – und entschied den Wettbewerb für sich. «Das Feedback von Lernenden, die ihre Ausbildung seit zwei Jahren abgeschlossen haben, hat uns zum Spitzenreiter gemacht», so Andres. Die meisten Rückmeldungen seien dabei vor allem auf die Arbeit der Lehrpersonen zurückzuführen gewesen. «Das liegt sicher auch daran, dass wir untereinander einen sehr kollegialen Umgang haben. Bei uns im Lehrerzimmer wird noch jeden Tag gelacht.» Andres ist stolz auf diese Auszeichnung. «Ich werde dafür kämpfen, dass wir uns weiterhin an Spitzenleistungen orientieren.»

Auf den Lorbeeren ausruhen wolle man sich aber nicht, betont Andres. Die Gewerbliche Berufsschule Chur befindet sich seit dem Jahr 2007 auf dem Weg zur EFQM-Qualitätsauszeichnung. «Mit dieser Anerkennung werden Unternehmen in der Schweiz ausgezeichnet. Im externen Assessment konnten wir bis jetzt 441 Punkte erreichen. Eine solch hohe Punktzahl wurde bisher noch nie an eine Bildungsinstitution vergeben.» Die Schule wolle sich deshalb bewusst von einem ursprünglich für Unternehmen konzipierten Qualitätssiegel auszeichnen lassen, damit man sich besser mit anderen Unternehmungen vergleichen könne.

Guter Austausch

«In Chur befinden wir uns in einem wirtschaftlich kleinstrukturierten Umfeld», bemerkt Andres. In den vielen KMU – meistens mit 10 bis 15 Mitarbeitenden und zwei bis drei Lernenden – gehöre es zum Alltag, miteinander zu diskutieren und zu kommunizieren: «Man kennt einander.» Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und den KMU sei dementsprechend sehr direkt. «Der enge Austausch ist sehr wichtig, denn die Projekte, die wir in der Schule erarbeiten, werden im jeweiligen Lehrbetrieb produziert und realisiert.» Andres betrachtet die Schule als Dienstleister im Auftrag der Lehrmeister. Dementsprechend hoch sei auch die Motivation der Jungen. «Uns ist es wichtig, den Schülern zu zeigen, dass es eine geteilte Ausbildungsverantwortung gibt. Das heisst, dass die Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrbetrieb einerseits, wie auch diejenige zwischen Schülern und Schule andererseits funktionieren muss.»

«Die Förderung der Gleichwertigkeit ist unglaublich wichtig.»

Die grössten Herausforderungen in der Organisation mit rund 3000 Lernenden aus sieben Ostschweizer Kantonen und 57 eigenständigen Berufen mit 160 Lehrpersonen sei es, in den nächsten Jahren mit strukturellen, gesellschaftlichen und technischen Veränderungen sowie dem demografischen Wandel umzugehen. «Wenn es so weitergeht, werden hier in sechs Jahren ein Drittel weniger junge Berufsleute zur Schule gehen. Deshalb ist es wichtig, eine breitgefächerte Palette an Ausbildungsmöglichkeiten an der Gewerblichen Berufsschule zu bieten.» Essentiell sei auch das gegenseitige Vertrauen der Lehrpersonen, denn mit einem nur dreiköpfigen Leitungsgremium sei die Hierarchie relativ flach. «Und trotzdem funktioniert es», betont Andres.

Fatal ungleiche Mittel-Verteilung

«Die Stärkung der Berufsbildung und somit die Förderung der Gleichwertigkeit ist mir unglaublich wichtig, denn die Bildung ist unser Rohstoff», so Andres. Seiner Meinung nach sei es fatal, wie die finanziellen Mittel zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung heute verteilt würden. «Noch immer werden Studienabgänger mit beruflichen Titeln denjenigen vorgezogen, die bereits jahrelang im jeweiligen Beruf arbeiten. Das darf nicht sein! Zudem muss die internationale Anerkennung der Abschlüsse der höheren Fachschulen unbedingt erreicht werden.» Der dualen Berufsbildung als zentralem Eckpfeiler des Erfolgsmodells Schweiz müsse dringend ein höherer Stellenwert beigemessen werden: «In der Schweiz werden die Jungen im Vergleich zu anderen Ländern am besten in den ersten Arbeitsmarkt eingeführt. Das zeigen auch die tiefen Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit.»Stéphanie Jenzer

BENCHMARKSTUDIE

Die GBC ist top

n Auftraggeber war die Nordwestschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz NW EDK.

n 36 Berufsfachschulen aus den Kantonen ZH, GL, 
AG und SO nahmen teil.

n Befragt wurden 6140 ehemalige Lernende (davon 766 von der Gewerblichen Berufsschule Chur GBC) zwei Jahre nach ihrem Berufsabschluss.

n In 25 Indikatoren belegte die GBC den Spitzenwert.

n Die GBC hat sich gegenüber der gleichen Befragung aus dem Jahre 2009 um11 Prozent gesteigert.