Publiziert am: Freitag, 4. Mai 2018

«Hände weg vom Teller»

ROLF BÜTTIKER – Der abtretende SFF-Präsident hat sich immer mit klaren Worten für Schweizer Werte in der Branche eingesetzt. Die Erhaltung des Cervelats war eines seiner politischen Ziele.

Schweizerische Gewerbezeitung: Seit 2007 waren Sie Präsident des Schwei­ze­rischen Fleisch-Fachverbands SFF, nun treten Sie zurück. Wie geht es den Schweizer Metzgern heute?

  Rolf Büttiker: Wir machen in der Fleischbranche schwere Zeiten durch und kämpfen an mehreren Fronten zugleich: Der Margendruck, der Einkaufstourismus, der Fleischschmuggel sowie Probleme mit dem Nachwuchs beschäftigen uns stark. Ebenso müssen wir uns mit den Angriffen von Vegetariern und Veganern intensiv auseinandersetzen. Bürokratie und hohe Gebühren machen unseren Metzgern das Leben schwer. Selbstkritisch ausgedrückt: Sogenannte Schwarze Schafe haben uns mit unnötigen Skandalen beim emotionalsten aller Lebensmittel, dem Fleisch, arg zugesetzt.

Die Branche kämpft mit Nachwuchsproblemen, gleichzeitig eilen junge Fleisch­fachleute bei internationalen Wettbewerben von Erfolg zu Erfolg. Wie geht das zusammen?

 An den Europameisterschaften 2016 bis 2018 verteidigten unsere jungen Fleischfachleute ununterbrochen den 1. Platz. Dabei haben auch immer mehr Frauen ein gutes Händchen für den Metzgerberuf und behaupteten sich an der Spitze. Dies ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass unser Nachwuchs im modernen Aus- und Weiterbildungszentrum in Spiez auf höchstem Niveau ausgebildet wird. Allerdings haben wir viel zu wenig Lehrlinge. In der Branche arbeiten zwischen 24 000 und 25 000 Personen, davon sind knapp 300 Lehrlinge. Man rechne: Das macht rund ein Prozent aller Beschäftigten aus. Das ist viel zu wenig! Wir brauchen doppelt so viele Lehrlinge, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Was kann die Branche tun, um junge Menschen zum Einstieg in den Beruf zu motivieren?

 Wir haben letztes Jahr eine neue Stelle geschaffen und mit Markus Roten einen Nachwuchsrekrutierer angestellt. Er nimmt unter anderem mit den Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen sowie den Berufsberatern Kontakt auf und organisiert Schnupperlehren.

«Die Bedingungen für KMU-Unternehmer werden in der Schweiz immer schwieriger.»

Der Schweizer Fleisch-Fachverband SFF will aber auch mit der aktiven Teilnahme seines Nachwuchses an Wettkämpfen für die Berufe in der Fleischfachbranche werben und sensibilisieren. Ein wichtiges Angebot für uns sind die sogenannten Gelegenheitsbeschäftigungen für Schüler. Dabei helfen die jungen Menschen am Samstagmorgen in der Metzgerei mit und erhalten so einen spannenden ersten Einblick in den Arbeitsalltag. Das Nachwuchsproblem müssen wir dringend in den Griff bekommen, denn damit gehen wichtige Kompetenzen und Ressourcen ver­loren. Zu wenig Nachwuchs erschwert die Nachfolgeregelungen von etablierten Metzgereien.

Der Einkaufstourismus schadet den Metzgereien nicht nur in Grenznähe stark. Haben kleinere Metzgereien überhaupt noch eine Zukunft?

 Einkaufstourismus und Fleischschmuggel schmerzen uns sehr. Gemäss einer Studie von Professor ­Mathias Binswanger an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW in Olten entgeht uns damit ein Umsatz von 1,2 bis 1,6 Milliarden Franken. Dies kommt bei einem inländischen Umsatz von rund 10 Milliarden Franken für Fleisch bereits jedem ­7. bis 8. Franken gleich, den die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten für ihre Fleischeinkäufe ennet der Grenze ausgeben. Es wäre an der Zeit, wenn Bundesrat und Parlament gegen diesen Missstand endlich wirksame Massnahmen ergreifen würden wie beispielsweise die Absenkung der MWST-Freigrenze oder die Erhebung der MWST in der Schweiz.

Regulierungen, immer mehr Bürokratie – und dann noch ­der Hang zum Swiss Finish: ­Wie kann die Schweiz, das «Land der Cervelats», wirtschaftlich erfolgreich bleiben?

 Wir haben in der Schweiz zunehmend eine Diktatur der Verwaltung mit Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger, Bürokratie, Steuern und Gebühren. Dieser Zustand ist für KMU fast nicht mehr tragbar. Man hat im Parlament das Problem erkannt und es wird viel darüber diskutiert. Doch leider ist bis jetzt in der Praxis noch nicht viel dagegen unternommen worden. Die Bedingungen für KMU-Unternehmer werden in der Schweiz immer schwieriger und das ist sehr schade …

«Wir brauchen ­doppelt so vielE ­Lehrlinge, um für die Zukunft gerüstet zu sein.»

Skandale wie jener ums ­«Gammelfleisch» schaden der Branche massiv. Was kann der SFF dagegen tun?

 Jeder Skandal ist einer zu viel. Wir haben in unserer Branche leider auch sogenannte Schwarze Schafe. Wir haben mit der Fachhochschule Olten und in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Konsumentenforum kf in Bern eine «Charta für eine saubere Fleischbranche» lanciert und eine Ombudsstelle einge­richtet. Damit sollen Mitarbeiter die Möglichkeit haben, Missstände im Betrieb melden zu können, ohne befürchten zu müssen, ihre Stelle zu verlieren. Bis jetzt bewährt sich dieses System gut.

 

Wie gehen Sie als Liberaler damit um, dass das Thema «Essen» immer mehr zur Religion wird?

Für mich zählt der liberale Standpunkt, das heisst jede Schweizerin und jeder Schweizer soll selber entscheiden können, ob sie oder er generell Fleisch, wie viel Fleisch und welches Fleisch essen wollen. Kurz gesagt: Für den Staat gilt, Hände weg von unseren Tellern.

«Jeder 7. oder 8. Franken wird für Fleischeinkäufe ennet der Grenze ausgegeben.»

Auf den Gewerbekongress vom ­16. Mai hin verlassen Sie auch den Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbands, dem Sie seit zehn Jahren angehören. Was wünschen Sie dem sgv für die Zukunft?

 Es braucht den Schweizerischen Gewerbeverband sgv mehr denn je, um gegen uferlose Bürokratie, zu ­hohe Steuern und Gebühren, Bevormundung sowie zu geringe Wertschätzung gegenüber den KMU zu kämpfen. Wir haben in der Schweiz zu viele Bürokraten, Fiskalisten und «Sonntagsliberale», die von den täglichen Sorgen unserer KMU keine ­Ahnung haben.

Interview: Corinne Remund

ZUR PERSON

Der Solothurner Rolf Büttiker (67) war von 1991 bis 2011 FDP-Ständerat; zuvor amtierte er ab 1987 als Nationalrat. Der dipl. Naturwissenschafter gilt als FDP-Urgestein und als volksnaher Politiker alter Schule, der nie ein klares Wort scheut. Bekannt geworden ist der «oberste Metzger» auch als «Cervelat-­König», der 2008 wegen eines Importstopps der Europäischen Union für Rinderdärme aus Brasilien im Parlament eine Rettungsaktion für den Schweizer Cervelat lancierte. Sein designierter Nachfolger als Präsident des Schweize­rischen Fleisch Fachverbandes SFF ist der Glarner CVP-Ständerat Ivo Bischofberger.