Publiziert am: 06.07.2018

«Hürden müssen weg»

RAINER RITTER – Der Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein zu den Nachteilen, die die flankierenden Massnahmen der Schweiz seinen Gewerblern gebracht haben.

Schweizerische Gewerbezeitung: Das Fürstentum und die Eidgenossenschaft stehen sich sehr nahe – und trotzdem wissen wir wenig über die Wirtschaft unseres direkten Nachbarn. Was prägt die Wirtschaftsstruktur Liechtensteins und welche Bedeutung haben die KMU für die Wirtschaft des Fürstentums?

Rainer Ritter: Die lokalen Gewerbebetriebe zeichnen sich durch ihre hohe Quali­fikation und ihre Produktivität aus. Ihre Stärken liegen vor allem in der persönlichen und professionellen Beratung sowie in den kurzen Wegen. Die Kunden kennen ihren «Gwerbler des Vertrauens», und so können allfällige Probleme schnell und unkom­pliziert behoben werden. Ich denke, dass unsere ­heimischen Betriebe gerade, was die Nähe zu den Kunden anbelangt, ihre Vorteile besonders ausspielen können. Neben den kurzen Distanzen und den persönlichen Beziehungen profitieren wir besonders von niedrigen bürokratischen Aufwendungen. So fallen beim Händler vor Ort keine Zölle an, und auch Umtausch und Garantieleistungen lassen sich bequem und mit wenig Zeitaufwand regeln. Unsere Unternehmen bieten der Bevölkerung einen starken und sicheren Wirtschaftsstandort. Die zahlreichen Betriebe schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze und bringen somit der Bevölkerung auch Wohlstand

Wie unterstützt die Wirtschaftskammer Liechtenstein die KMU?

Die Wirtschaftskammer Liechtenstein vertritt 30 Branchenverbände mit rund 1000 Mitgliedern. Im Fokus unseres privatrechtlichen Vereins stehen die Optimierung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Gewerbetreibenden in Liechtenstein, die Interessenvertretung der Mitglieder sowie die Gewährleistung verschiedener Dienstleistungen. Wir setzen uns ein für günstige Standortbestimmungen, moderne Infrastruktur sowie verträgliche, gesetzliche Rahmenbedingungen.

«Der freibetrag von 300 Franken am ­österreichischen zoll ist ein staatlich inszenierter wett­bewerbsnachteil.»

Interessensvertretung heisst, die Wünsche und Anliegen der Wirtschaft gegenüber anderen Interessensvertretungen, der Regierung oder Behörden darzulegen und zu argumentieren, um sie letztendlich durchzusetzen. Interessensvertretung erfolgt gegenüber dem Staat, etwa bei Begutachtung von Gesetzes- und Verordnungs­entwürfen, bei Mitwirkung in Arbeitsgruppen und Kommissionen, in welche die Wirtschaftskammer sachkundige Experten entsendet. Die Wirtschaftskammer Liechtenstein nimmt dort die Interessen des Gewerbes wahr und sorgt somit für wirtschaftsgerechte Lösungen. Gegenüber dem Sozialpartner erfolgt die Interessens­vertretung hauptsächlich beim Abschluss von Gesamtarbeitsvert­rägen.

Aufgrund der 2017 eingeführten 8-Tage-Regel munkeln hiesige Gewerbler, das Fürstentum wolle sich von der Schweiz abschotten. Trifft dies zu?

Das muss ich entschieden dementieren. Ein Jahrhundert leben und arbeiten wir in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum ohne Hürden und Grenzen. Leider sind seit der Einführung der flankierenden Massnahmen der Schweiz diese Hürden auch für Unternehmen aus Liechtenstein verstärkt worden. Die Wirtschaftskammer kämpfte über zehn Jahre für die Aufhebung dieser Massnahmen. Leider vergeblich! Liechtenstein hat nun lediglich die gleichen Bedingungen hergestellt, nicht mehr und nicht weniger.

Glauben Sie mir, mein Gewerblerherz schmerzt, wenn ich nun den Rhein als Wirtschaftsgrenze betrachten muss! Ein Versprechen kann ich Ihnen aber geben. Bei jeder Lockerung seitens der Schweiz hinsichtlich der Dienstleistungserbringung werde ich mich dafür einsetzen, dass wir dies hier im Land sofort auch umsetzen werden; mit dem Ziel, dass wir wieder gemeinsam einen Werkplatz ohne Hürden haben.

Liechtensteins Währung ist der Schweizer Franken. Wie hat sich Ihr Land mit dem schwachen Euro arrangiert?

Das liechtensteinische Handels­gewerbe kämpft mit schwierigen Bedingungen. Der 300-Franken-Freibetrag am österreichischen Zoll ist ein staatlich inszenierter Wettbewerbsnachteil, welchen unsere Geschäfte im Land täglich zu spüren bekommen. So können Liechtensteiner in Österreich günstiger einkaufen als Herr oder Frau Österreicher. Für mich persönlich ist dies ein System, welches in dieser Form nicht korrekt ist. Es dürfen meiner Meinung nach loyale Kunden, welche das heimische Gewerbe unterstützen und berücksichtigen, nicht mit der Mehrwertsteuer gebüsst werden. Hier wäre eine Systemanpassung dringend zu überprüfen.

Was sehen Sie als künftige Herausforderungen für kleine und Binnenländer wie die Schweiz und Liechtenstein?

Die KMU stehen täglich im Wettbewerb zwischen den Mitbewerbern und vor allem mit den Angeboten im Internet. Dabei sind Qualität, Fachkompetenz und die fachmännische Beratung die Stärken der einheimischen KMU und somit muss nicht unbedingt der Preis immer an erster Stelle des Entscheidungsprozesses stehen. Vergleicht aber der Kunde nur die Preise und vernachlässigt die Beratung und Qualität, so ist es für unsere Unternehmen schwierig, mit Anbietern aus anderen Ländern mitzuhalten, da die Lohn- und Fix­kosten in unseren Ländern deutlich höher sind als beispielsweise in Deutschland oder Österreich, geschweige denn im Ver­gleich zu den Oststaaten. Ich bin aber überzeugt, dass Qualität und fachmännische Kompetenz sich langfristig auszahlen werden und auch für den Endkonsumenten schlussendlich günstiger sind, als wenn man Billigware einkauft. Zudem sichern wir mit Einkäufen im Inland wertvolle Arbeits- und vor ­allem auch Ausbildungsplätze für unsere Kinder.

Welche Trümpfe haben diese Länder in der Hand?

Es ist ganz sicher die Vielfältigkeit der Branchen, die wir in Liechtenstein und in der Schweiz haben. Unternehmen mit langer Tradition, sei es im Handwerk oder anderen Branchen, welche es schon sehr lange gibt, werden auch in Zukunft bestehen können. Für mich persönlich sind Tradition, Professionalität und Inno­vation die Stärken unserer Unternehmen. Aus genau diesem Grund ist eine sehr gute Zusammenarbeit mit kleinen, qualifizierten Betrieben immer noch gewähr­leistet. Ausserdem werden dort inländische Fachkräfte bevorzugt und ausgebildet. Wir haben sehr gute Leute und ausgebildete Fachkräfte und auch ein gutes Bildungssystem, welches im Ausland bewundert wird. Wir haben eine gute Arbeitsmentalität, und genau hier liegen auch unsere Stärken.

«Mein Gewerblerherz schmerzt, wenn ich nun den Rhein als Wirtschaftsgrenze betrachten muss!»

Staatsoberhaupt Liechtensteins ist Erbprinz Alois. Welchen Einfluss hat der Fürst auf die Wirtschaft des Fürstentums?

Erbprinz Alois prägt die liechten­steinische Wirtschaft u.a. durch die Gewährung von besten Rahmenbedingungen und ist sehr gut mit den Anliegen seitens der Unter­nehmen vertraut. Er ist ein Garant für Verlässlichkeit, Stabilität und die kurzen Entscheidungswege in Liechtenstein. Zudem bringt das Fürstenhaus mit ihren Familienbetrieben nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch eine nicht zu unter­schätzende Wertschöpfung für das Land Liechtenstein.

Interview: Gerhard Enggist

www.wirtschaftskammer.li

Zur Person

Rainer Ritter (48) ist seit 2017 Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein. Der eidg. dipl. Automechaniker und Geschäftsführer der Ritter Auto AG im liechtensteinischen Mauren arbeitete nach seiner Lehre bei einem Fahr­zeug­importeur in Zürich. Nach dem sechsjährigen «Auslandsaufenthalt» zog es ihn zurück in seine Heimat, wo er den elterlichen Betrieb übernahm. Heute beschäftigt er sechs Mitarbeiter und einen Lehrling. Ritter war viele Jahre Lehrlingsobmann des Autogewerbes. Er ist Prüfungsexperte und als Vertreter Liechtensteins Vorstandsmitglied der ESA (Einkaufsorganisation des Schweizerischen Auto- und Motorfahrzeuggewerbes).