Publiziert am: Freitag, 13. Mai 2016

Heizöl: Totgesagte leben länger

HEIZÖLHANDEL – Zwischen der Behörden-Strategie und der Realität öffnen sich tiefe Gräben. Deutlich wird dies im Heizungsmarkt. Während es in der Energiestrategie 2050 keinen Platz mehr für Ölheizungen hat, werden sie sich im Markt noch lange behaupten.

Der Heizölabsatz in der Schweiz schwankt von Jahr zu Jahr um einige 100 000 Tonnen. Die Gründe dafür sind in erster Linie bei den jeweiligen Witterungsbedingungen zu suchen sowie bei der tatsächlichen, respektive der von den Kunden erwarteten Preisentwicklung beim Rohöl. Trotz dieser starken Schwankungen, die aus der Sicht des Heizölhandels mal für ein vergleichsweise gutes, dann wieder für ein schlechtes Geschäftsjahr sorgen, ist der langjährige Abwärtstrend nicht zu übersehen. Wurden zwischen 2001 und 2005 im Jahresdurchschnitt noch über 4,7 Millionen Tonnen Heizöl abgesetzt, waren es in der Fünfjahresperiode 2011 bis 2015 noch knapp 3,3 Millionen Tonnen. In Klammern sei bemerkt, dass damit auch der CO2-Ausstoss durch Brennstoffe um knapp ein Drittel zurückgegangen ist. Die Gründe für den Absatzrückgang mögen überraschen: Einzelne Nutzer haben von Öl auf andere Energieträger umgestellt; der Minderverbrauch kommt aber vor allem vom Ersatz von älteren Heizungsanlagen und der energetischen Sanierung der Gebäude. Von einem eigentlichen «Ausstieg» aus der Ölheizung kann jedenfalls keine Rede sein, wie ein genauerer Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigt.

Die Ölheizung verliert 
an Gewicht …

Ein Rückblick auf die Marktanteile der Heizungsenergieträger bei Gebäuden mit Wohnnutzung zeigt, dass Heizöl auf dem Schweizer Markt schon seit einigen Jahren an Gewicht verliert. In den 1980er-Jahren lag der Anteil der mit Öl beheizten Gebäude zwischen 60 und 70 Prozent. Von 2009 bis 2014 fiel er von 52 auf 48 Prozent. In diesem Zeitraum stieg der Anteil der Gasheizungen von 15 auf 16 Prozent. Wärmepumpen konnten ihren Marktanteil sogar von 8 Prozent auf 11 Prozent erhöhen. Holz und Elektrizität sowie andere Energieträger verharrten dagegen bei etwa 12, 10 und 3 Prozent (Abbildung 1). Ein Blick auf die Bauperioden verdeutlicht, dass sich ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Ölheizungen in Gebäuden findet, die zwischen 1946 und 1980 erstellt wurden. Und dort behaupten sie sich auch: Vergleicht man den Anteil der Ölheizungen in diesen Gebäuden in den Jahren 2009 und 2014, ist nur ein geringer Rückgang von einem oder zwei Prozenten zu verzeichnen. Kurz: Wo eine Ölheizung drin ist, bleibt sie in der Regel auch. Bei den neueren Gebäuden (Baujahr 2006 und jünger) ist das anders: Hier wird nur noch zu 6 Prozent mit Öl geheizt, den Löwenanteil tragen hier Wärmepumpen mit 60 Prozent Marktanteil, Erdgas kommt auf 20 Prozent.

… aber nicht an Bedeutung

Der Umstand, dass in Neubauten seit einigen Jahren kaum noch Ölheizungen eingebaut werden, mag massgeblich zum irreführenden Bild beitragen, dass Heizen mit Öl ausgedient hat. Die absoluten Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache und zeigen, dass Ölheizungen nach wie vor eine herausragende Rolle spielen und diese noch für viele Jahre behalten werden. Zwischen 2009 und 2014 ging der Bestand der mit Öl beheizten Gebäude lediglich von rund 841 000 auf etwas unter 819 000 (also um 2,6 Prozent) zurück. Noch deutlicher wird die Bedeutung der Ölheizung, wenn man sich vor Augen hält, dass 2014 in unserem Land beinahe 2,3 Millionen Wohnungen mit Öl beheizt wurden. Während die Zahl der mit Öl beheizten Wohnungen in den letzten 5 Jahren in einigen Kantonen wie Zürich, St. Gallen, Baselland und in der Waadt rückläufig war, blieb sie andernorts ziemlich stabil oder nahm sogar leicht zu, so etwa in den Kantonen Wallis und Bern.

Öl für die Kleinen, 
Wärmepumpen für die Grossen

Gehen wir noch weiter in die Tiefe der Daten: Die Analyse der Energieträger in Abhängigkeit von der Wohnungsgrösse fördert interessante Erkenntnisse an den Tag. Vereinfacht lässt sich festhalten: Je weniger Zimmer eine Wohnung hat, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von einer Ölheizung gewärmt wird. 63 Prozent der Einzimmerwohnungen in der Schweiz werden mit Öl beheizt, ebenso mehr als die Hälfte der 2-, 3- und 4-Zimmer-Wohnungen. Umgekehrt nimmt der Anteil der Wärmepumpen und Holzheizungen mit steigender Zimmerzahl zu (Abbildung 2).

Selten manifestieren sich Zielkonflikte der Energiepolitik deutlicher als anhand solcher Zahlen: Preisgünstiger Wohnraum in 30- bis 40-jährigen Gebäuden wird heute vorwiegend mit Öl beheizt. Wer einen radikalen Technologiewandel fordert, kommt also nicht um die Frage herum, wie sozialverträglich die Forderung radikaler und entsprechend kostspieliger Energiespar- und CO2-Reduktionsziele ist – oder wer die enormen Kosten für einen baldigen Heizölausstieg tragen würde.

Dabei zeigen die Absatzzahlen, dass der Zielkonflikt einfach umgangen werden könnte, indem alte Ölheizungen durch moderne Heizsysteme mit Brennwerttechnik ersetzt würden. Energiesparen, Klimaschutz und preisgünstiger Wohnraum stellen in der Praxis keine Widersprüche dar. Die Brennwerttechnik ist heute im Schweizer Markt durchgehend etabliert. Sie nutzt die in den Abgasen enthaltene Wärme, indem sie sie auf dem Weg durch das Abgasrohr und den Kamin durch einen Wärmetauscher leitet. Die Abgase kühlen dabei von ca. 120 °C auf etwa 30 °C ab. Die dadurch zurückgewonnene Wärme senkt den Brennstoffverbrauch zusätzlich um bis zu 10 Prozent.

Heizöl funktioniert überall

Die Option Brennwerttechnik drängt sich auch bei einem Blick auf die regionale Verbreitung der unterschiedlichen Energieträger auf. Im Gegensatz zu allen anderen Systemen sind Ölheizungen im ganzen Land und so gut wie überall vorhanden (Abbildung 3). Diese Dominanz – oder sollte man besser von Beliebtheit sprechen? – lässt erahnen, welcher enorme technische und finanzielle Aufwand betrieben werden müsste, um die Ölheizung aus dem Markt zu drängen. Dazu kommt, dass es in manchen Gegenden praktisch keine technisch umsetzbare und gleichzeitig wirtschaftlich vertretbare Alternative zu Ölheizungen gibt. Entscheidungsträger bei Bund und Kantonen sind gut beraten, der Realität ins Auge zu sehen und bei der Formulierung ihrer energiepolitischen Pläne und Zielsetzungen von der unrealistischen Forderung abzusehen, wir könnten in wenigen Jahren auf Heizen mit Öl verzichten.

Roland Bilang,

Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung