Publiziert am: 18.05.2018

Hohe Ziele für das Hochland

ANDENGEMEINSCHAFT – Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru wollen wirtschaftlich,
politisch und sozial enger zusammenarbeiten. Doch die hehren Absichten scheitern nicht selten an den Realitäten 
im Nordwesten des südamerikanischen Kontinents.

Auf dem amerikanischen Kontinent bestehen viele Interessengruppen. Neben den beiden grossen Handelsblöcken – Mercosur im Süden (vgl. Seite 5) und NAFTA im Norden – sind weitere Räume für den Austausch von Gütern entstanden. Die Andengemeinschaft ist einer von ihnen. Die Gemeinschaft aus den Mitgliedstaaten Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru hat die wirtschaftliche, politische und soziale Integration dieser vier Länder im Nordwesten des Kontinents zum Ziel. Inte­gration bedeutet dabei, eine gemeinsame Aussenpolitik zu erarbeiten und gute Zusammenarbeit in Sachen Polizei und Justiz zu ermöglichen. In Regionen, wo Drogenkartelle stark sind, ist dieser zweite Schwerpunkt besonders wichtig.

Hochgesteckte Ziele, aber…

Auf der wirtschaftlichen Seite wird ein gemeinsamer Binnenmarkt angestrebt. Ziel ist die Einführung eines gemeinsamen Aussenzolls, die Schaffung einer gemeinsamen 
Agrarpolitik, die Angleichung von Rechtsvorschriften in ausgewählten Bereichen (Wettbewerb, Investitionsschutz, Doppelbesteuerung) 
sowie die Einhaltung bestimmter 
makroökonomischer Konvergenz­kriterien (ähnlich dem Stabilitäts- und Wachstumspakt in der EU). Nicht nur die Waren, sondern auch die Personen sollen frei verkehren können.

«PAPIER IST GEDULDIG – 
DOCH DIE WIRKLICHKEIT LATEINAMERIKAS
IST OFT KOMPLIZIERT.»

Auf dem Papier gehen die Bekundungen der Andengemeinschaft sehr weit. Es soll sogar eine Wirtschafts- und Währungsunion entstehen, in der quasi die schrittweise Verschmelzung der vier Mitglieder 
geschieht. Die Gemeinschaft hegt zudem den Wunsch, mit der EU Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen aufzunehmen.

…bescheidenere Wirklichkeit

Auch wenn die Ziele hochgesteckt sind, die Wirklichkeit sieht doch zum Teil bedeutend anders aus. Zwar sind der Waren- und Personenverkehr weitgehend frei – aber nur in jenen Gebieten, wo es keine vorbehaltenen nationalen Regelungen gibt. Nationale Regelungen gibt es beispielsweise bei der Landwirtschaft, den Lebensmitteln, den Industriegütern und den Dienstleistungen. Bei fast allem also…

Auch in der internationalen Wirtschaftspolitik gehen die vier Staaten häufig nicht einig. Zum Beispiel konnten sie sich nicht darauf einigen, ob mit den USA ein Freihandelsabkommen zu verhandeln wäre. Kolumbien, Peru und Ecuador nahmen dann Verhandlungen auf. Doch die Regierungen waren nicht in der Lage, durch die Erarbeitung gemeinsamer Positionen ihre Verhandlungsposition zu stärken. Peru schloss im Jahr 2005, Kolumbien 2006 jeweils bilaterale Freihandelsabkommen ab. Seitdem sind keine weiteren erfolgt.

Schweizer Interesse

Zugegeben: Die Andengemeinschaft ist nicht das Schwergewicht auf dem internationalen Handelsparkett. Aber sie ist traditionell ein Kooperationspartner der Schweiz in Lateinamerika. In verschiedenen Bereichen sind die Schweizer Positionen und jene der Andengemeinschaft ähnlich, zum Beispiel in Sachen Freihandel oder Klimapolitik.

Und mindestens zwischen der Schweiz und Kolumbien sowie zwischen der Schweiz und Peru wächst das Handelsvolumen stetig um circa drei Prozent im Jahr. In beiden Ländern sind Schweizer Firmen unter den Top-10-Direktinvestoren.

Henrique Schneider, stv. Direktor sgv