Publiziert am: 09.08.2019

«Ich erteile keine Ratschläge»

BRUNO KRUCKER – Per 1. Juli übergab er nach 35 Jahren – davon 19 als Schulleiter – auf dem Bürgenstock das Zepter der Schreiner-HF in neue Hände. Krucker über den Mythos Bürgenstock, die Weiterbildung im Wandel der Zeit und das Treffen mit Jimmy Carter.

Schweizerische Gewerbezeitung:

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, an dem Sie sich dazu entschieden haben, den Job an der HF Bürgenstock anzutreten?

Bruno Krucker: Ja, sehr gut. Ich war in einer anspruchsvollen Projektleiterposition einer Ladenbaufirma tätig. Für mich war Weiterbildung seit Abschluss meiner Lehre das zentrale Thema und ich hatte privat nach Abschluss meiner Meisterprüfung auch schon Bekannte zum Schreinermeister gecoacht. Dass mir mit knapp dreissig Jahren gleich meine Wunschdestination, das VSSM-Ausbildungszentrum auf dem Bürgenstock, diese Chance bot, war für mich schon etwas aufregend.

Was hat sich in all den Jahren am meisten verändert seit Ihrem ersten Tag auf dem Bürgenstock?

Das ist sehr schwierig, in journalistischer Kürze zusammenzufassen. Im Prinzip war einfach alles ganz anders als heute. So hatte der VSSM noch kein eigentliches Bildungssystem, das zu unterschiedlichen Abschlüssen führte. Die Eigenverantwortung jedes einzelnen Teilnehmenden war dadurch viel grösser als z.B. in den heutigen Lehrgängen. Berufliche Weiterbildung (z.B. nach eidg. Abschlüssen) war noch kein Thema, Seminare in der heutigen Form und Anzahl waren nicht existent. Das ganze Bildungsvolumen hat sich in dieser Zeit auf dem Bürgenstock wohl verzehnfacht.

Heute sind Unternehmen viel mehr interessiert, ihre Mitarbeitenden zu fördern, um die eigene Firma vorwärts zu bringen. Und, grundsätzlich hatte man viel mehr Zeit. War ein Kurs im laufenden Jahr ausgebucht, hat man seine Planung einfach neu ausgerichtet und auf die nächste Durchführung im kommenden Jahr gewartet. Heute ist das kaum noch vorstellbar.

Muss ein Schreiner heute mehr können als vor 35 Jahren?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Die Anforderungen waren vor 35 Jahren auch sehr hoch, z.B. für das Erlangen einer Meisterprüfung. Im Vergleich zu früher hat sicher die Themenbreite zugenommen, ganz neue Bereiche sind dazugekommen, die Hilfsmittel und Instrumente haben sich aber parallel ebenso entwickelt. Bestimmt darf man festhalten, dass die Belastbarkeit der Bildungswilligen früher höher war. Unterlagen durften an Prüfungen kaum verwendet werden, man musste am Tag X alles aus Erfahrung und dem eigenen Wissen abrufen können. Eine Meisterprüfung über acht Tage (Mittwoch bis Mittwoch) mit nur dem Sonntag als Unterbruch, und das auch noch neun Stunden am Tag – heute ist das unvorstellbar.

Dafür fokussiert man sich heute sehr auf das Teilgebiet, das prüfungsmässig abgefragt wird. Das begrüsse ich übrigens sehr. Durch die Modularisierung der Weiterbildung wurden überblickbare Einheiten geschaffen. Was für die Bildung aktuell ist, spiegelt sich auch im Arbeitsalltag wider. Spezialistentum ist auch hier sehr verbreitet, obwohl «Hausärzte», also Personen mit einem breiten Horizont, auch im heutigen Gewerbe immer noch gefragt wären.

Gerade Handwerker stehen Diplomen – Stichwort «Papierfötzel» – manchmal kritisch gegenüber. Wie überzeugen Sie die Berufsleute in unterschiedlichen ­Altersklassen vom lebenslangen Lernen?

Das ist wohl eine der wichtigsten Aufgaben eines Verbandes in der heutigen Zeit. Nicht umsonst hat der VSSM mit der Bildungslegislatur 2015 – 2018 die Weiterbildung über alle anderen Ziele gesetzt, weil ein stetes sich Entwickeln für das Unternehmen und damit auch für seine Mitarbeitenden ein unaufhaltsamer Prozess sein sollte.

«Bildung auf Vorrat» ist heute nicht mehr aktuell. Es kommt deshalb darauf an, dass die Mehrwerte einer möglichen Bildung plausibel aufgezeigt werden. Als VSSM-­Bildungscoach ist dies genau eine meiner Aufgaben, Unternehmen wie Mitarbeitenden diesen Nutzen aufzuzeigen. Die Sensibilisierung auf die Möglichkeiten und den Ertrag der Weiterbildung ist glücklicherweise aber nur beim ersten Mal anstrengend, denn – und das dürfen Sie mir glauben – für alle, die eine richtig abgestimmte Weiterbildung für das Unternehmen oder sich selber gewählt haben, bleibt Weiterbildung auch für die Zukunft ein stets aktuelles Thema.

Sie behaupten, auf dem Bürgenstock sei es wie in einem Klassenlager. Hilft dieses Feeling auch dabei, die heute so wichtig gewordenen Softskills und Sozialkompetenzen zu vermitteln?

Was heisst hier behaupten! Dies war eine meiner Aussagen, die ich immer wieder gemacht habe, weil ich feststellen durfte, dass durch unsere Lage und unser drauf abgestimmtes Schulsystem Weiterbildung an der HF Bürgenstock fast automatisch dieses Klischee bekommt. Und dies ist für eine Schule ein unbezahlbarer Mehrwert! Entscheidend ist heute doch nicht nur bei der Weiterbildung, dass wir das, was wir machen, mit Freude angehen. Dann stimmt die Motivation und alles geht viel einfacher.

Dass in der heutigen Arbeitswelt die Softskills und damit die Sozialkompetenz schon beim Bewerbungsgespräch über das Fachwissen gestellt wird (Fachwissen setzt man einfach voraus…), verdeutlicht, dass Personen, die sich dessen bewusst sind, sich in gute Positionen bringen können. Ja, diesbezüglich haben wir mit unserem Schulsystem mit Wochenkursen, unserer Philosophie und natürlich unserem Bürgenstock schon einige Trümpfe in der Hand.

Zum Mythos Bürgenstock können Sie sicher einige Anekdoten zum Besten geben. Sticht eine heraus?

So auf die Schnelle bestimmt das überraschende Aufeinandertreffen mit dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, natürlich umgarnt mit seiner Schar von Leibwächtern, auf dem Wegstück zum Waldhotel anlässlich einer Bilderberg-Konferenz auf dem Bürgenstock.

Konnten Sie sich mit ihm unterhalten?

Nein, aber es hat mindestens zu einem kurzen «Hello»-Gruss gereicht.

Die HF Bürgenstock wird eine erfolgreiche Zukunft haben, ­wenn …?

Einer meiner Grundsätze seit langer Zeit ist, dass ich keine Ratschläge erteile. Ich habe immer versucht, aktiv das zu gestalten, was ich selber und mit dem ganzen Team auch beeinflussen konnte. Dies hat sich in all den Jahren gut bewährt. Da die HF Bürgenstock gut aufgestellt in die Hände meines Nachfolgers und bisherigen Stellvertreters Michi Gnos übergegangen ist und das tolle Team sich weiter für die Bildung engagiert, bin ich diesbezüglich guten Mutes.

Aber wenn Sie meinerseits doch einen verbindlichen Tipp erwarten: Ich bin mir sicher, der Stellenwert der Weiterbildung für erfolgreiche Unternehmen wird bestimmt nicht geschwächt!

Interview: Adrian Uhlmann

ZUR PERSON

Bruno Krucker(65) war 35 Jahre lang an der Höheren Fachschule Bürgenstock tätig, ab Mitte 2000 in der Funktion des Schulleiters. Zuvor arbeitete er als Projektleiter in einer Ladenbaufirma und hatte die Schreinerlehre, die Meisterprüfung sowie Weiterbildungen in den Bereichen Unternehmerschulung und Weiter­bildungsmanagement absolviert. Per 1. Juli 2019 ist er in den Ruhestand getreten. Bruno Krucker prägte fast die Hälfte der bisherigen Geschichte der HF Bürgenstock. Das Bildungszentrum für Schreiner hatte der Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM 1944 eröffnet. Es feiert in diesem Jahr sein 75-Jahr-Jubiläum. Krucker ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter.

www.hfb.ch