Publiziert am: Freitag, 24. Januar 2014

«Ich gehöre wieder zu einer Gruppe»

HEKS – Das Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz bietet in Genf und Waadt das Spezialprogramm «Mentorat Emploi Migration» für gut qualifizierte Migrantinnen und Migranten an.

Léa Ferreira Granchamp kam durch die Heirat mit einem Romand in die Schweiz. In ihrem Heimatland Brasilien arbeitete sie zuvor als Dozentin für didaktische Methoden an der Universität und als pädagogische Koordinatorin einer Primarschule. Hierzulande eine Arbeit zu finden, die ihren Kompetenzen entsprach, erwies sich als sehr schwierig. Das vom HEKS angebotene Programm «Mentorat Emploi Migration» half ihr, die Hindernisse zu überwinden und ihren Platz in der neuen Heimat zu finden.

Schweizerische Gewerbezeitung:

Wie erlebten Sie Ihre Ankunft in der Schweiz?

  Léa Ferreira Granchamp: Ich glaubte, hier Bildungsmöglichkeiten vorzufinden, um in meiner Karriere vorwärtszukommen. Doch die Migration erwies sich als sehr schwierig. Nach sechs Monaten wurde mir klar, dass ich hier nicht dieselbe Arbeit wie in Brasilien ausüben konnte. Mit 30 Jahren musste ich mein Berufsleben von vorne beginnen; ich hatte das Gefühl, sehr viel verloren zu haben.

Welcher Art waren die Barrieren?

  Der schulische Kontext in der Schweiz kam mir sehr komplex und unzugänglich vor. Auch die Sprache erwies sich als Hindernis, obwohl ich gute Grundkenntnisse in Französisch hatte. Ich besuchte also Französisch-Kurse und war sehr motiviert, doch es war sehr anstrengend. Zur Krönung des Ganzen wurden meine Diplome in der Schweiz nicht anerkannt.

«Mit 30 Jahren musste ich mein Berufslebben von vorne beginnen.»

Konnten Sie Ihre Diplome hier valorisieren?

  Ich musste verschiedene Examen ablegen, damit meine Diplome Gültigkeit erlangten. Für Personen aus Drittländern dauert das über ein Jahr. Der Prozess dauert umso länger, je mühsamer es ist, die notwendigen Dokumente aus Brasilien zu erhalten.

Sie nehmen am Programm «Mentorat Emploi Migration» teil; wie hat Ihnen Ihre Mentorin geholfen?

  Sie half mir, meinem Berufsleben eine Richtung zu geben und das Bildungssystem des Kantons Waadt besser kennenzulernen. Mit ihr konnte ich mein Profil bestimmen, es valorisieren und anpassen, um so mögliche Arbeitsstellen auszuwählen, die mich interessieren. Zusammen haben wir meinen Lebenslauf und einen sprachlich einwandfreien Bewerbungsbrief ausgearbeitet. In Brasilien läuft das komplett anders: Geschriebenes hat dort keinen Wert, man will die Kandidaten persönlich sehen! Sie hat mir auch aufgezeigt, wo ich eine Lehrerinnenstelle finden könnte. Als ich zu einem Gespräch mit dem Rektor eingeladen wurde, hat sie mich gecoacht und vorbereitet. So habe ich eine Vollzeitstelle erhalten als Lehrerin für neu in der Schweiz angekommene fremdsprachige Schüler der 5. bis 9. Klasse. Für die Integration dieser Schüler habe ich Hilfsmittel entwickelt – doch in erster Linie müssen sie Französisch lernen!

Hat diese Arbeit Ihr Leben verändert?

  Komplett. Zuvor mochte ich die Schweiz nicht; ich verstand die Verschlossenheit der Menschen und der Gesellschaft nicht. Doch dank dieser Arbeit hat es bei mir «Klick» gemacht. Endlich gehöre ich wieder zu einer Gruppe. Es gibt mehr als 150 Lehrer in meinem Institut, und ich wurde sehr gut aufgenommen.

Interview: Joëlle Herren Laufer