Publiziert am: 05.07.2019

«Ich habe einen KMU-Filter»

UNTERNEHMER IM PARLAMENT – Der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David Zuberbühler setzt sich fürs Gewerbe und gegen Regulierungen ein. Als Unternehmer spüre er, wo der Schuh drückt. Umso wichtiger seien deshalb in Bern «Politiker, die konsequent KMU-freundlich handeln».

Schweizerische Gewerbezeitung: Als Gewerbler bringen Sie unternehmerisches Denken ins Parlament. Was haben die KMU davon?

David Zuberbühler: Sie haben einen glasklaren Vertreter ihrer Interessen im Nationalrat. Wir haben derzeit zwar eine bürgerliche Mehrheit, aber die ist je nach Vorlage durchaus sehr brüchig. Umso wichtiger sind Politiker, die konsequent KMU-freundlich handeln. Eine einzige verpasste Mehrheit, und schon ist eine Bestimmung in Kraft, die dem Gewerbe schadet. Zudem bringe ich eine zentrale Voraussetzung mit: Ich weiss, wie wichtig die KMU für unser Land sind. Nur wer sich dessen bewusst ist, setzt sich auch entschieden ein. Die KMU sind das Rückgrat unserer Wirtschaft – aber bei Abstimmungen scheint das plötzlich vielen nicht mehr bewusst zu sein.

Was konnten Sie in den drei­einhalb Jahren in Bern für das Gewerbe erreichen?

In erster Linie habe ich jedes Geschäft auf seine Gewerbefreundlichkeit überprüft und entsprechend abgestimmt. Ich habe gewissermassen einen persönlichen KMU-Filter: Wenn eine Vorlage den Unternehmen Nachteile bringt, die man ver-meiden könnte, kann ich ihr nicht zustimmen. Zudem habe ich mich konsequent gegen jede neue unnötige Regulierung gewehrt, die den administrativen Aufwand der Unter-nehmen vergrössert. Dort liegt für mich der grösste Stolperstein für einen erfolgreichen Wirtschaftsstandort.

Dazu kommen persönliche Vorstösse. Eine aktuelle Motion, die ich in Zusammenarbeit mit dem sgv eingereicht habe, verlangt beispielsweise, dass der Start der Rekrutenschule auf den Berufslehrabschluss abgestimmt wird. Denn sonst geht den Lernenden wie auch den Betrieben wertvolle Ausbildungs- und Einsatzzeit verloren.

Das Schweizer Milizsystem bröckelt – auch im Parlament. Warum ist Ihnen die steigende Zahl der Vollzeitpolitiker ein Dorn im Auge?

Weil nur Politiker, die in der Wirtschaft verankert sind, die echten Probleme der Schweizerinnen und Schweizer nachvollziehen können. Wer ausschliesslich im Bundeshaus sitzt, verliert die Bodenhaftung und den Kontakt zum Volk. Als Mitin­haber zweier KMU erlebe ich die Auswirkungen der politischen Entscheide hautnah und ganz praktisch. Deshalb weiss ich, wo der Schuh drückt und kann mich entsprechend engagieren. Würde mir diese Erfahrung fehlen, hätte ich kein Verständnis für die Anliegen des Gewerbes. So wie es leider bei einem grossen Teil des Parlaments der Fall ist.

«Wer ausschliesslich im Bundeshaus sitzt, verliert die Bodenhaftung.»

Was können Sie als Unternehmer besser als ein Vollzeitpolitiker?

Als Unternehmer weiss ich, dass jeder Franken verdient sein muss, bevor man ihn ausgeben kann. Das klingt vielleicht banal, aber wer den Ratsbetrieb beobachtet, sieht schnell, dass das vielen Politikern nicht bewusst ist. Da werden unnötige Mehrkosten verursacht und gleichzeitig Entscheide gefällt, welche jene behindern, die für Steuereinnahmen sorgen. Einem Unternehmer passiert das nicht, weil er jeden Tag vor diesen Fragen steht. Zudem sind Unternehmer daran gewöhnt, schnell zu entscheiden, Risiken einzugehen und Verantwortung zu tragen. Ich denke, das sind Merkmale, die einem Politiker durchaus gut anstehen.

Wie wollen Sie die Situation ändern? Sie können ja niemanden zu Milizarbeit zwingen…

In erster Linie ist es an den Wählerinnen und Wählern, das zu ändern, indem sie Unternehmer wählen. Aber natürlich müssen sich diese auch als Kandidaten zur Verfügung stellen. Ich weiss selbst, dass es eine Herausforderung ist, Politik und Geschäft zu verbinden, aber langfristig lohnt es sich für uns alle. Es ist gut, wenn Firmeneigentümer aktiv Politik betreiben, anstatt nur Statist zu sein. Natürlich muss man im Betrieb auch die Möglichkeit haben, so viel Zeit zu investieren. Aber einfach über Bürokratie und die Verschleuderung von Steuergeldern zu jammern, bringt nichts. Man muss schon selbst aktiv werden.

Sie führen zusammen mit Ihrem Bruder ein KMU mit fast 70 Angestellten. Welche Voraussetzungen für die Wirtschaft möchten Sie in Bern verbessern?

Es braucht aus meiner Sicht keine einzelnen grossen Massnahmen, sondern vor allem keine weiteren Hindernisse. Es wäre schon ein riesiger Schritt, wenn nicht fortlaufend noch mehr Papier produziert würde, das Mehraufwand für die Unternehmen mitbringt. Die beste Form der Wirtschaftsförderung besteht darin, den Unternehmen möglichst viel Spielraum zu geben. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmer geht damit verantwortungsvoll um. Und nicht zu vergessen: Jeder Franken, der nicht für unnötige Bürokratie eingesetzt werden muss, kann in den Betrieb und in Arbeitsplätze investiert werden. Leider wächst die Verwaltung personell schneller als die meisten Unternehmen…

Welche Anforderungen stellen Ihre Mitarbeiter an Sie als KMU-Chef?

Dass ich das selbst einlöse, was wir von ihnen verlangen: Zuverlässigkeit, Einsatzwille und eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen. Aber auch bei flachen Hierarchien, wie sie unsere Firma lebt, muss letztlich jemand führen und entscheiden. Unsicherheit ist Gift für ein Unternehmen, es braucht jemanden, der vorangeht. Zudem gilt in der Firma das, was ich auch als Politiker lebe: Meine Tür ist immer offen, und man kann mit jedem Anliegen zu mir kommen.

Sie hatten es zuvor angetönt, Politik benötigt viel Zeit. Wie bringen Sie als Mann Familie, Job und Politik unter einen Hut?

Es ist schön, dass diese Frage auch mal einem Mann gestellt wird… Ich gebe zu, als ausgeprägter Familienmensch musste ich mich an die vielen Abwesenheiten gewöhnen. Mein Amt bedeutet auch Verzicht aufseiten meiner Frau und unserer Kinder. Meine Rolle im Unter­nehmen habe ich in Absprache mit meinem Bruder, der als Geschäftsführer operativ tätig ist, für die Zeit als Nationalrat angepasst und zeitlich reduziert. Das fordert Flexibilität von allen Seiten, hat sich aber gut eingespielt.

«Es ist schön, dass diese Frage auch mal einem Mann gestellt wird.»

Als Ihre beiden Söhne geboren wurden, hatten Sie keinen Vaterschaftsurlaub. Sie sagen, dass die Familie bei Ihnen im Zentrum steht. Wie geht das zusammen?

Das ist kein Widerspruch. Ich lebe meine Vaterrolle sehr bewusst und aus vollem Herzen, bin aber überzeugt, dass sie nicht von einigen Wochen mehr oder weniger abhängt. In erster Linie sollen sich die Eltern gemeinsam über ihre jeweilige Rolle in der Familie einig werden, das ist nicht Sache des Staates. Die Gesellschaft ist im Wandel, es haben sich neue Familienformen gebildet, aber nicht jede neue Entwicklung kann und soll von zusätzlichen Begehrlichkeiten begleitet werden. Das ist leider eine starke Tendenz: Jede Gesellschaftsgruppe glaubt, zu kurz zu kommen und ruft nach dem Staat. Die Gesellschaft als Ganze wird früher oder später darunter leiden.

Aber die Schweiz ist ein Land mit hohem Wohlstand. Weshalb wollen Sie trotzdem nichts von einem Vaterschaftsurlaub wissen?

Wohlstand kann tückisch sein. Man kann ihn nämlich auch wieder verlieren, er ist nicht selbstverständlich. Wenn wir auch morgen noch Wohlstand haben wollen, müssen wir heute überlegt handeln. Forderungen wie der Vaterschaftsurlaub klingen zunächst einmal gut und edel. Aber man blendet gerne aus, dass jemand dafür bezahlen muss. Es wäre eine weitere Belastung für die Wirtschaft und damit eine Schwächung des Standorts Schweiz. Die Zeche dafür bezahlen wir alle. Zumal wir hier nicht von einer einmaligen Investition, sondern von laufenden Ausgaben sprechen.

Interview: Adrian Uhlmann

ZUR PERSON

Der 40-jährige David Zuberbühler sitzt seit 2015 für die SVP im Nationalrat. Im Herbst möchte er seinen Sitz verteidigen. Er ist der einzige Nationalrat des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Zuber-bühler – bekannt als «dä Zubi» – ist Unternehmer und leitet das Fami-lienunternehmen zubischuhe.ch AG mit seinem Bruder Thomas in dritter Generation. Der Urherisauer ist verheiratet und hat zwei Söhne.

www.zubischuhe.ch