Publiziert am: 04.09.2015

Interessant, aber oberflächlich

Buchkritik – Urs Schoettli legt in seinem Buch «Aufbruch aus Europa: Die Schweiz im asiatischen Zeitalter» eine kritische – aber nicht neue – Analyse der Beziehung Asien-Schweiz vor.

Urs Schoettli ist ein «old Asia hands»: Er gehört zu den ersten, die sich systematisch mit Asien in Asien auseinandersetzen. Wenn er in seinem kurzweiligen Buch von China, Indien und Japan schreibt, dann spricht er aus eigener Erfahrung. Und genau deshalb mag man sich fragen, warum das Buch derart oberflächlich bleibt.

Nun aber vom Anfang an: In «Aufbruch aus Europa: Die Schweiz im asiatischen Zeitalter» plädiert Schoettli für einen Blick nach Asien. Den Schweizer Unternehmen, ob Grossfirmen oder KMU, empfiehlt er die asiatischen Märkte. Freilich: Das Risiko dieser Märkte ist ihm bewusst, doch auch die Chancen. Und weil diese so gross sind und gleichzeitig die EU oder Europa höchstens auf Stagnation hoffen können, ist Asien nicht nur die Alternative, sondern die echte Zukunft.

Asien als reale Zukunft

Dieses Plädoyer wird im Buch in drei Teilen gehalten. Im ersten, den «Standortbestimmungen», geht es um die Geschichte des Austausches der Schweiz mit Asien, um die Schweizer Trümpfe und um die allgemeinen Risiken in asiatischen Märkten. Im zweiten, schon viel kürzeren Teil, analysiert Schoettli länderspezifische Risiken von Japan, Indien, China und Südostasien. Der dritte Teil, die Handlungsaufforderung, sich in asiatische Märkte zu begeben, wird in einem kurzen Kapitel abgehandelt.

Schoettli geht auf alle relevanten Sachverhalte ein: Die Schweiz war nie Kolonialmacht in Asien; das ist ein Vorteil. Die Schweizer Marke, verbunden mit Toblerone, Jungfrau und Swatch, aber auch mit Banken und Tourismus, ist bekannt und positiv besetzt; noch ein Vorteil. Die Schweizer Mentalität, manifestiert in Qualität und Neutralität, wird hoch geschätzt; auch ein Vorteil. Der Autor spricht ebenso die Risiken Asiens an: unterschiedliche Kultur, schwierige Suche von lokalen und Expat-Mitarbeitenden, verschiedene Bildungsvorstellungen oder besondere Anforderungen an die Marke Schweiz. Dies sind seiner Meinung nach alles Risikofaktoren.

Unterhaltend und 
doch enttäuschend

Es gibt keinen Grund, nicht mit Schoettli einverstanden zu sein. Sowohl seine Beurteilung der Rolle der Schweiz in Asien als auch seine Einschätzung bezüglich der Attraktivität des östlichen Kontinents können getrost geteilt werden. Seine Analyse ist unterhaltsam, umfassend, klar – und doch enttäuschend.

Enttäuschend ist sie, weil Schoettli die oben erwähnten Sachverhalte nicht vertieft. Innovative Aspekte, neue Informationen, einzigartige Perspektiven sucht man in «Aufbruch aus Europa» vergeblich. Oft eifert Schoettli allzu lange über allzu winzige Details. Und die Fakten, die diesen Details zu Grunde liegen, sind zwischendurch schlicht falsch. Zusammenfassend kann man sagen: Ja, die These stimmt. Ja, ein Aufbruch aus Europa tut den Schweizer Unternehmen gut. Aber um auf diese Idee zu kommen und sie weiterzuverfolgen muss man nicht dieses Buch gelesen haben.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv

Das Buch «Aufbruch aus Europa: Die Schweiz im asiatischen Zeitalter» des Verlags NZZ erhalten Sie für 38 Franken. ISBN: 978-3-03810-020-1.