Publiziert am: Freitag, 10. November 2017

Können ganze Völker verdummen?

Tribüne

Es ist unglaublich: Die Amerikaner haben einen Präsidenten gewählt, der alles einreisst, was Generationen vor ihm aufgebaut haben. Aus dem Land der Vorsehung, in welches die europäischen Auswanderer seit gut 200 Jahren flüchteten, ist der Staat der Verzweifelten geworden. Der Enkel eines südpfälzischen Wehrdienstverweigerers, Donald Trump, ein Immobilienmagnat mittlerer Klasse, ist im Begriff, unseren westlichen Allianzpartner zu zerstören. Ehe dies geschieht, will er die Europäische Union zerstören, Nordkorea vernichten, den Iran angreifen und die reichen US-Amerikaner noch reicher machen, denn die armen Massen, die ihn gewählt haben, verstehen ohnehin weder etwas von Geld noch von Politik.

Können ganze Völker verdummen? Wie Westrom den germanischen Barbaren unterlag und Ostrom den Arabern, wie aus dem Athen der grossen Geister ein Staat wurde, der seit 200 Jahren von Pleite zu Pleite getrieben wird, wie aus den Weltmächten Portugal und Spanien globale Leichtgewichte wurden und das Weltreich Grossbritannien jetzt offensichtlich ganz vor die Hunde geht, müssen wir Schweizer uns fragen: Und wir?

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Erde, weil es sich den Weltkonzernen perfekt geöffnet hat, bestätigte uns soeben Prof. Dr. Klaus Schwab, Präsident des WEF in Davos. Grosse Teile der Schweizer Bevölkerung sind nicht ganz so reich, weshalb sie zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Krankenkassenprämien, SRG-Sondersteuer und andere Zwangsabgaben zu bezahlen. Der Schweizer Mittelstand, darunter viele Gewerbebetriebe und KMU, kämpft wie verrückt um seine Zukunft. 
Sogar die NZZ warnte in ihrer Ausgabe vom 4. Oktober vor der drohenden Verarmung des Schweizer Mittelstands, der bei einem Zins­anstieg eintreten werde.

Langsam versinkt die alte Schweiz des 19. und mittleren 20. Jahrhunderts. Es waren wohl die besten 120 Jahre, welche unser Land je erlebt und in denen es den Mythos Schweiz entwickelt hat.

Was Prof. Dr. Klaus Schwab, deutscher Herkunft, herzlich erfreut, eine Schweiz als Weltmarktführer vieler Branchen, hat zur Folge, dass jeder zweite Schweizer Konzern von Ausländern geführt wird und die Starunternehmen der Schweizer Wirtschaft zu über 50 Prozent amerikanischen Kapitalgesellschaften gehören. UBS-Chef Sergio Ermotti hat soeben deutlich gemacht, dass die grösste Schweizer Bank Ausländern (Amerikanern) gehöre und die Schweiz jederzeit verlassen könne. Bei Swatch sind es nur 43 Prozent, bei Roche nur 39,8 Prozent und bei der Swisscom nur 11,1 Prozent. Der Schweizer Landesflughafen Zürich-Kloten wird zu 75 Prozent vom deutschen Lufthansa-Konzern beherrscht, der 300 000 Anwohnern die Nachtruhe nimmt und jetzt auch tagsüber das am dichtesten besiedelte Gebiet der Schweiz überfliegen will.

Die Schweiz von heute gehört so wenig den Schweizern wie das alte Rom den Römern. Hand dazu geboten haben seit zwei Generationen unsere Politiker und Parteien. Vernebelt wurde diese Entwicklung durch eine Schweizer Elite von Anwälten, Bankiers und Bankern, von Hochschulprofessoren und Journalisten, die stets schweizerisch nannten, was heute zunehmend auch Arabern, Indern und Chinesen gehört. Ihr beliebtestes Argument, diese Öffnung oder der Ausverkauf seien notwendig, weil auch unsere Firmen dies im Ausland tun würden, sticht nicht mehr. Denn «unsere Firmen» gehören uns nicht mehr. Wer also gewinnt wirklich?

Kann ein Volk verdummen? Ja, wenn seine Eliten mit Jahreseinkommen von 150 000 bis über einer Million Franken zum ausländischen Kapital überlaufen. Wenn seine Staats- und Privatmedien nicht den Finger auf diese immer grösser werdende Wunde legen. Wenn die Universitäten darauf verzichten, Schweizer Geschichte zu lehren und die Schulen aller Stufen den Tagesbedürfnissen ausgeliefert werden und das grössere Ganze, das Land und seine Geschichte, in Vergessenheit gerät.

So war es in Athen, so war es in Rom, so ist es jetzt in den USA und in Grossbritannien. Wenn unsere Nachfahren die tausendjährige Schweiz feiern werden, das dauert nicht mehr lange, was werden wir dann sein? Ein Hub für Superreiche der ganzen Welt, wo die Appenzeller ihre Tänze aufführen und ganz Bern zu einer rotgrünen Reithalle geworden ist?

Wer heute wohlhabend ist, kann dieses Fest noch lange feiern. Wir haben noch viel Substanz, die wir teuer verkaufen können. Aber jemand sollte sich aufraffen, zu sagen, ob wir das wollen.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon, ZH.

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.