Publiziert am: Freitag, 3. Oktober 2014

«Kein Abschluss ohne Anschluss»

HÖHERE BERUFSBILDUNG – An der Sonderschau «Bildungsstadt» wurde eindrücklich demons­triert, wie mit einer Berufslehre Karriere gemacht werden kann.

Jährlich absolvieren 26 000 Berufsleute eine höhere Berufsbildung. Sie schliesst an die berufliche Grundbildung an und richtet sich an Berufsleute, die Karriere machen wollen. An diejenigen, die sich Spezialwissen, Fach- und Führungskompetenz aneignen wollen. An Profis, die im Beruf nach oben streben. Der höheren Berufsbildung wurde an den Swiss Skills Bern 2014 eine ganze Sonderschau gewidmet. Diese wurde vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB organisiert. Dabei konnten sich die Besucherinnen und Besucher in einer Bildungsstadt über die Karrieremöglichkeiten nach dem Lehrabschluss informieren.

«Die Berufslehre ist keine Sackgasse.»

«Kein Abschluss ohne Anschluss», fasst der Bildungsexperte Rudolf Strahm zusammen. Die Berufslehre sei keine Sackgasse, vielmehr öffne sie die Türen zur höheren Berufsbildung oder zu Fachhochschulen. Für ihn ist es absehbar, dass die Grundbildung, die Allgemeine Weiterbildung und die höhere Berufsbildung immer mehr zusammenspannen müssten. Dieser Trend basiere auf einem Zwang der Wirtschaft, denn «die höhere Berufsbildung ist das wichtigste Instrument, neue Technologien in KMU zu bringen, begründet Strahm, für den die höhere Berufsbildung eine Herzensangelegenheit ist. Während die Fachhochschulen unterrichtsmässig eher Richtung Uni driften würden und der KMU-Wirtschaft zu theoretisch seien, richte sich die höhere Berufsbildung auf KMU-freundliche Spezialisierungen aus, konkretisiert der Ökonom. Allerdings müsse die Durchlässigkeit, welche das Umsatteln oder das Aufsteigen im Beruf möglich mache, noch viel besser bei Eltern und angehenden Lernenden propagiert werden. Dieser Pluspunkt des dualen Bildungssystems sei leider noch zu oft nicht bekannt», bedauert der SGZ-Kolumnist und Buchautor.

«Die Maturität kann nicht länger der 
Königsweg sein!»

Auch für Christoph Eyemann, Regierungsrat des Kantons Basel, muss die höhere Berufsbildung in Zukunft noch mehr gefördert werden. «Bund, Kanton und die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) ziehen alle am gleichen Strick und fördern unser durchlässiges Bildungssystem», betont der Präsident der Schweizerischen Erziehungskonferenz EDK im Rahmen eines Mediengespräches an der nationalen Berufsschau in Bern. «Die Maturität darf nicht mehr länger als Königsweg bezeichnet werden», so Eyemann. Dies sei eine Daueraufgabe. Hier seien auch die Berufsverbände gefordert, die Berufsmaturität bekannt zu machen. «Ganz wichtig bezüglich der höheren Berufsbildung ist der Dialog mit der gewerblichen Wirtschaft», stellt der Vorsteher des Basler Erziehungsdepartements fest. Corinne Remund

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ZAHLEN & FAKTEN

Weiterbildung 
grossgeschrieben

In der Schweiz besteht ein umfangreiches Weiterbildungsangebot. Über zwei Drittel (68 Prozent) der Weiterbildung finden aus beruflichen Gründen statt. Bei einem Drittel (32 Prozent) der Weiterbildung spielen berufliche Motive keine Rolle. In der Schweiz gibt es rund 2500 Weiterbildungsanbieter – öffentliche und private Organisationen, Betriebe, selbstständige Trainer, gemeinnützige, politische, sozialpartnerschaftliche oder weltanschauliche Organisationen. In der berufsorientierten Weiterbildung spielen die Berufs- und Branchenverbände eine zentrale Rolle. Jährlich finden in der Weiterbildung rund 2,6 Millionen Kursbesuche statt. Davon entfallen fast neun Zehntel (88 Prozent) auf private und gut ein Zehntel (12 Prozent) auf öffentliche Träger. Die Weiterbildungsausgaben belaufen sich jährlich auf 5,3 Milliarden Franken, wovon rund 85 Prozent von den Teilnehmenden selbst und den Arbeitgebern getragen werden. Der Bund investiert jährlich rund 600 Millionen Franken für Weiterbildung. Künftig sollen Vorbereitungskurse zu eidgenössischen Prüfungen stärker unterstützt werden. Dafür plant der Bund, künftig zusätzlich 60 bis 100 Millionen Franken zu investieren. CR

NACHGEFRAGT BEI RUDOLF STRAHM

«Frühe berufliche Orientierung notwendig»

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie gefällt Ihnen der Auftritt der höheren Berufsbildung an den SwissSkills Bern 2013?

Rudolf Strahm: Die Sonderschau «Höhere Berufsbildung und Weiterbildung machen Profis zu Experten» ist gut eingebettet in den SwissSkills Bern 2014. Die höhere Berufsbildung und die allgemeine Weiterbildung sind unter dem Dach der Bildungsstadt zusammengefasst. Diese Aufteilung hat für mich eine symbolische Bedeutung, zeigt es doch, dass die Allgemeine Weiterbildung und die höhere Berufsbildung sich näher gekommen sind und einander auch brauchen. Das Schicksal unseres Berufsbildungssystems entscheidet sich nämlich mit den Perspektiven in der höheren Berufsbildung. Ebenso spielen Titel eine wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt.

Was erhoffen Sie sich vom Auftritt der höheren Berufsbildung?

Es ist wichtig, dass die Bevölkerung versteht, wie unser duales Berufsbildungssystem funktioniert, welche Karrieremöglichkeiten und beruflichen Perspektiven es dank der höheren Berufsbildung und ihrer Durchlässigkeit ermöglicht. Besonders Jugendliche aus Akademikerfamilien oder Schulabgänger mit ausländischen Eltern, welche die Berufslehre nicht kennen, müssen besonders darauf aufmerksam gemacht werden.

Wie kann man Jugendliche und ihre Eltern für die höhere Berufsbildung und ihre Durchlässigkeit sensibilisieren?

Der Schlüssel, wenn Eltern in dieser Beziehung versagen, ist das neue Fach «Berufliche Orientierung, welches unbedingt im Lehrplan 21 enthalten sein muss. Bereits in der 7. bis 9. Klasse müssen sich die Schülerinnen und Schüler umfassend mit ihrer beruflichen Zukunft befassen und ihre beruflichen Neigungen kennen lernen. Dazu gehört beispielsweise auch der Umgang mit Absagen bei Lehrstellenbewerbungen usw.

Interview: Corinne Remund

LINK

www.rudolfstrahm.ch

*Rudolf H. Strahm ist Nationalökonom und Chemiker, ehemaliger Preisüberwacher und alt Nationalrat. Der bekannte Bildungspolitiker der Schweiz hat im Rahmen des Jahrs der Berufsbildung das Buch «Die Akademisierungsfall – Warum nicht alle an die Uni müssen» herausgegeben.