Publiziert am: 08.11.2019

Keine grünen Calvinisten, keine roten Zwinglianer

Wir haben das Lädelisterben erlebt, verursacht durch Migros, Coop und Volg. Es wird jetzt verstärkt durch Aldi, Lidl und Amazon. Wir haben das Bauernsterben erlebt, verursacht durch eine Landwirtschaftspolitik, die den Grossbauern zum Erfolg verholfen hat. Es wäre unsäglich schade, wenn wir jetzt auch das KMU- und Gewerbesterben erleben würden, hängt doch die Lebensqualität von uns allen mehr vom benachbarten Metzgermeister, Bäcker und Autoreparaturbetrieb ab als von einer Grossbank oder einem Maschinenbaukonzern, so wichtig diese auch sein mögen.

In den nächsten vier Jahren geht es um viel. Wir werden in Bern ein neues Parlament haben, das zu über 30 Prozent von links-grünen Parlamentariern beherrscht wird. Diese haben nicht zum Ziel, KMU und Gewerbe zu unterstützen. Sie wollen vielmehr eine Schweizer Gesellschaft, die mit einem reduzierten Lebensstandard die Welt retten soll.

Umstritten ist nur, ob wir alle nur 10 Prozent oder vielleicht sogar 30 Prozent einfacher leben sollen. Wird diese Politik umgesetzt, wird die Schweiz zu einer Stagnationsgesellschaft, aus welcher die Besten ebenso rasch fliehen werden wie die Osteuropäer seit 20 Jahren nach Westeuropa.

Mehr Umwelt- und Menschenschutz ist eine gute Sache. Daraus darf aber keine Politik werden, die alles an dieser einen Messlatte ausrichtet. Merke: Ein Braunkohlebergwerk im deutschen Ruhrgebiet stösst jedes Jahr doppelt so viel CO2 aus wie die ganze Schweiz in der gleichen Zeit. Unser Einfluss auf das Weltklima ist daher sehr beschränkt, auch dann, wenn alle Ziele, die uns von den grünen Parteien gesetzt werden, erreicht werden. Das ist unwahrscheinlich.

Es liegt daher vor allem an SVP und FDP, die Schweiz und uns Schweizer vor diesem Schicksal zu retten. Ein «gmögiger» Berner, Albert Rösti, und eine urbane Innerschweizerin, Petra Gössi, müssen samt ihren Vorständen und Fraktionschefs Wunder tun, um dies zu leisten. Wer traut es ihnen zu?

Schon höre ich die ersten Ausreden unserer bürgerlichen Spitzenpolitiker: «In vier Jahren sieht vielleicht alles anders aus, dann schlagen wir zurück.» Wer meint, mit dieser Form geistesabwesender Trägheit sich und seinen Kindern einen Gefallen zu tun, liegt grundfalsch. Die jetzt nachrückende Generation von grünen, grünliberalen und roten Politikern wird getragen von zunehmenden Ängsten im Wahlvolk. Es ist die Angst um den Arbeitsplatz, um die Sicherheit einer guten Rente (was unsere Kinder und Enkel ohnehin vergessen können), um eine Zuwanderung, welche den eigenen Leuten gerade die besten Arbeitsplätze nimmt.

Es ist paradox: Wie die Beispiele von Zürich, Basel, Genf und Lausanne zeigen, richten sich viele Konzern- und KMU-Unternehmer auf die Zusammenarbeit mit rot-grünen Politikern ein. Wie falsch dies ist, zeigen einfache Spaziergänge durch diese Stadtzentren: neben grossem Wohlstand immer mehr Armut und leere Fenster.

Bei dieser Wahl geht es nicht nur um die Umwelt, um Greta und weniger Zweitwohnungen in den Bergen, dafür mehr Luchse, Wölfe und Bären. Es geht um die Gestaltung unserer Gesellschaft. Soll diese frei bleiben, brauchen wir keine grünen Calvinisten und roten Zwinglianer. Gerade der Schweizerische Gewerbeverband mit seinen kantonalen Organisationen und zahlreichen Verbänden ist aufgerufen, einer solchen Entwicklung Einhalt zu bieten. Grün ja, aber mit Mass. Kapitalismus ja, aber mit Mass. Ausverkauf der Heimat an die EU und ausländische Investoren ja, aber mit Mass.

Wir leben in «einer Welt», und die Schweiz kann sich daraus nicht davonschleichen, als sei allein das Paradies und draussen die Hölle. Deshalb ist jede Verschlechterung der Lage der KMU- und Gewerbefirmen konsequent abzulehnen.

Mehr Rot-Grün heisst automatisch mehr Staat auf allen Ebenen. Kein Gewerbler soll deshalb mehr Steuern oder andere Abgaben leisten. Wie die meist bequeme und bestens bezahlte Verwaltung ihre Aufgaben wahrnimmt, bedarf einer intensiveren Leitung, Überprüfung und Berichterstattung. Das gilt auch für die Staatsbetriebe, die ihre Public-Private Partnership derart ausgelegt haben, dass sie zu höheren Preisen immer weniger liefern und die Selbstbedienung zur Königsdisziplin wird. Das sind grosse Aufgaben für einen schlagkräftigen Verband. Auch mit Frauen an der Spitze, aber sie müssen liefern wollen, ganz wie die besten Männer auch. Es sind grosse Aufgaben gerade für die SVP- und FDP-Spitzen, damit es in vier Jahren nicht zu spät ist.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon (ZH)

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