Publiziert am: 01.10.2021

Keine Klischees, sondern Authentizität

BRAUCHTUM – Roger Dörig stellt in seinem «Büdeli» in Appenzell Hosenträger, Hundehalsbänder, Schellenriemen und die weltbekannten Chueligurte her – alles in Handarbeit. Tauchen Sie ein in die Welt des letzten Sennensattlers der Schweiz und erleben Sie die gelebten Traditionen hautnah.

Das nostalgische «Büdeli» von Roger Dörig beim Schloss Appenzell ist ein Blickfang sowohl für Touristen als auch für Einheimische. «Es ist wohl die unmodernste und gerade deshalb auch die heimeligste Werkstatt im Appenzellerland», schreibt der passionierte Sennensattler auf seiner Homepage. «Alles ist wie früher, wie zu Zeiten meines Grossvaters Hans Fuchs. Schon als Bub habe ich ihm oft zugeguckt und ein bisschen ausprobieren dürfen, als Jüngling dann sein künstlerisches Handwerk erlernt. Es ist tief in der Appenzeller Brauchtumstradition verwurzelt», erzählt er. So pflegt er das Althergebrachte sorgfältig weiter und es entstehen prachtvolle Hosenträger, kunstvoll geschmückte Schellenriemen und reich verzierte Chueligurte. Die Produkte sind echte Kostbarkeiten.

Dörig ist offen für Neues und experimentiert gerne mit kreativen Neuinterpretationen des alten Handwerkes. «Man muss nicht unbedingt ein Senn sein, um an fein gearbeiteten Ornamenten in Silber, Messing, Neusilber oder gar Gold seine Freude zu haben», meint er. «Meine Arbeiten sollen in der Tradition verwurzelt bleiben, aber ich möchte mit der alten Fertigungstechnik auch das Kreative, Moderne wagen – Sennisches mit Design verbinden.»

Schweizerische Gewerbezeitung: Wieso fühlen Sie sich in Ihrem «Büdeli» so wohl?

Roger Dörig: Während in den 70er-Jahren viele Bauten hier in Appenzell renoviert und modernisiert wurden, hat mein Grossvater sein «Büdeli» nostalgisch gelassen. So ist es ein Blickfang geblieben und wie eine Stube eingerichtet, wo Werkstatt mit diversen Arbeitsplätzen und Verkaufsraum ineinander verschmelzen.

Was fasziniert Sie daran, Althergebrachtes sorgfältig weiter zu pflegen?

Besonders fasziniert mich das Ziselieren – das ist eine spannende Nische. Die Vielfalt ist hier unendlich. Ich kreiere hier nicht nur die traditionellen Sujets wie Sennen, Chueli, sondern auch immer wieder neue, moderne Ornamente – das macht grossen Spass. Mein Hobby ist mein Beruf und ich gehe sicher nicht mit 65 Jahren in Pension.

Welchen Stellenwert haben Traditionen heute noch?

Gerade im Kanton Appenzell Inner­rhoden ist das Brauchtum hoch im Kurs. Mit den Trachten der Alpabfahrten, aber auch typischen Produkten wie dem Appenzellerkäse oder Biber, dem Alpenbitter oder dem Locher Bier und dem Appenzeller Whiskytrek sowie unserer unvergleichbaren Musik gehören Traditionen zu unserem Alltag und werden von Jung und Alt täglich gelebt. Dies ergibt zahlreiche Synergien und Aufträge für das Sennenhandwerk.

Wir leben in aussergewöhnlichen Zeiten. Hat Bewährtes an Wichtigkeit gewonnen?

Absolut. Als Einmannbetrieb nach dem Motto meines Grossvaters «Bleib klein und allein! ...» habe ich aufgrund der Pandemie keine gros­sen Einbussen erlitten – zumal meine Aufträge eine längere Auslastung garantieren. Ebenso bin ich gerade jetzt mit meinem Online-Shop auf dem richtigen Weg. Die Kundinnen und Kunden legen vermehrt grossen Wert darauf, zu wissen, wer und was hinter einem Produkt steht. Sie möchten keine Klischees, sondern Authentizität.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für Ihr traditionelles Handwerk?

Allgemein noch mehr Wertschätzung, das heisst, dass das Handwerk beispielsweise auch in den Schulen wieder einen grösseren Stellenwert bekommt. Denn Handwerk hat nach wie vor goldenen Boden und wir benötigen gute Handwerker. Sie sind unter anderem das Rückgrat der Schweiz. Wichtig ist mir auch, dass Traditionen im Original beibehalten, gepflegt und weitergeführt und nicht durch die Globalisierung verwässert werden.

Interview: Corinne Remund

ZUR PERSON

Roger Dörig ist 1970 in Appenzell geboren und als Sennensattler eine Mischung aus Sattler und Goldschmied. Er hat eine KV-Lehre absolviert und war als Skirennfahrer international unterwegs. 1994 trat er in die Stapfen seines Grossvaters und hat von ihm die über 125-jährige Werkstatt übernommen. Er betreibt diese in vierter Generation und erhält damit das Appenzeller Brauchtum am Leben: Hosenträger, Hundehalsbänder, Schellenriemen oder Chueligurte verziert er mit Metallbeschlägen, die Motive aus dem Alltag der Sennen zeigen. Ein zentraler Teil ist das Ziselieren. Dabei werden die Metallteile mit Punzen und Hammer präzise bearbeitet und erhalten so ihr traditionelles Aussehen. CR

www.roger-doerig.ch

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