Publiziert am: 20.03.2020

Lebensfreude statt Existenzängste

ÄLTERE ARBEITNEHMENDE – Im Alter von 57 Jahren die erste Kündigung im Leben zu erhalten war für Michael Buchmann ein Schicksalsschlag. Der Optimist kämpfte sich jedoch rasch zurück. Mit 61 folgte dann die zweite Kündigung. Ein Porträt über einen Mann, der sich sein heutiges Glück hart erarbeitet hat.

Ältere Arbeitslose ohne Job. Gründe dafür gibt es viele, Meinungen noch mehr. Wie die der SVP, die mit ihrer Begrenzungs-Initiative dagegen ankämpfen will, dass billige ausländische Arbeitskräfte unseren erfahrenen Fachleuten den Job wegnehmen. Ein anderes Bild zeichnen Fälle aus der Praxis. Wie derjenige von Michael Buchmann. Er wird bald 62 Jahre alt. Mit 57 wurde der treue, langjährige Mitarbeiter entlassen. Buchmann kämpfte sich zurück und erhielt als 61-Jähriger wieder die Kündigung. Eine harte Zeit.

Doch Buchmann gibt nie auf, sagt: «Positivität ist das A und O.» Er ist wieder berufstätig und dabei topmotiviert.

«Nicht strukturlos versumpfen»

Nach über 25 Jahren beim gleichen Arbeitgeber im agronomischen Umfeld wurde Michael Buchmann entlassen. «Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Es kam ohne Vorwarnung.» 57 Jahre alt war Buchmann damals.

«Was der da vorne erzählt, daskann ich auch.»

Noch heute kann er, der sich als Generalist sieht, nicht begreifen, warum man ihm keine andere Stelle im Betrieb anbot. Dass er es nicht versteht, heisst aber nicht, dass er haderte. Buchmann ist ein positiver Mensch. Das hilft ihm in diesen schweren Zeiten enorm. «Diese acht Jahre überlebe ich auch noch», habe er sich damals gesagt. Ihm sei wichtig gewesen, «nicht strukturlos zu versumpfen».

In einem RAV-Kurs sagte er sich: «Was der da vorne erzählt, das kann ich auch.» Er bekam einen Teilzeitjob als Kursleiter für RAV-Kurse. Das war ihm aber nicht genug. Er suchte weiter und fand dank gutem Netzwerk wieder einen Vollzeitjob. Damit war die schwierigste Phase seines Lebens aber noch nicht zu Ende. Nach drei Jahren, Buchmann war inzwischen 61 Jahre alt, wurde ihm aus wirtschaftlichen Gründen wieder gekündigt. «Es war einfacher als beim ersten Mal», erzählt Buchmann. Im Gegensatz zum «grossen Schock» bei der ersten Kündigung habe er es diesmal kommen sehen. Die Geschäfte liefen einfach nicht so, wie sie sollten.

Nicht gut lief es für Buchmann zunächst auch auf dem RAV. So wurde ein Gesuch für den Besuch des «My Way 50Plus»-Seminars des Verbands SAVE 50Plus (vgl. sgz vom 6. März 2020) abgelehnt. Doch Buchmann kämpfte. «Ich habe mir den Kurs dann selber bezahlt und mich damit wieder selber aufge­richtet.» Dabei liess er es nicht bewenden.

Buchmann wird erster Lizenznehmer der «My Way 50Plus»-Seminare und bringt diese in den Grossraum Zürich und in die Ostschweiz. Heute bietet er gemeinsam mit einer Kollegin in seinem Resilienz-Atelier noch weitere Kurse an. Stellensuchenden werde dort geholfen, «den psychischen Tiefschlag nach einer Kündigung nachhaltig und raschmöglichst zu verarbeiten».

Im Arbeitsalltag im Resilienz-Atelier trifft Buchmann so manch einen Schicksalsschlag an. Meistens hätten die Leute Angst, dass sie nichts mehr wert seien. «Der psychische Knacks ist das Schlimmste», erzählt Buchmann. Es sei in dieser Situation wichtig, den Glauben an sich selbst wiederzufinden. Man müsse von sich selbst überzeugt sein. «Es braucht Entschlossenheit. Sie müssen wollen und sich mit ihren Kompetenzen in den Markt bringen. Wer beim Vorstellungsgespräch ein ‹Buckeli› macht, wird es schwer haben.»

Jura statt Malediven

Buchmann arbeitet nun im Jobsplitting. Nebst den Seminaren arbeitet er als Klassenassistent. Er arbeitet mit Lehrern in einer Kleinklasse mit verhaltensauffälligen Kindern. Nach eigener Aussage verdient Buchmann noch rund die Hälfte von seinem ehemaligen Lohn. Für ihn ist Geld nicht das Wichtigste. «Klar hat man zu Beginn Existenzängste. Aber die Freude an der Arbeit ist ein echter Mehrwert, den ich jetzt auch spüre.» Seine soziale Ader könne er nun voll ausleben, da ihn beide Aufgaben sehr erfüllen.

«Der psychische Knacks ist das Schlimmste.»

Geld lasse sich zudem vielerorts einsparen, wenn man sich damit auseinandersetze. «Statt zum x-ten Mal auf die Malediven zu gehen, kann man auch im Jura Ferien machen. Da ist es auch sehr schön.»

Adrian Uhlmann

www.resilienz-atelier.ch

www.save50plus.ch

Kommentar

«Fast alle haben eine Stelle gefunden»

Wir haben viele positive Beispiele wie Michael Buchmann. Nur die wenigsten wollen damit aber an die Öffentlichkeit. Unser Selbstintegrationsprogramm «My Way 50Plus» ist gerade in der aktuellen Corona-Zeit eine sinnvolle arbeitsmarktliche Massnahme (AMM) für die RAV, denn das Programm findet im Einzeltraining und nicht in Gruppen statt. Mich persönlich ärgert es sehr, dass Menschen wie Michael Buchmann von den RAV kaum eine Chance gegeben wird. Nur punktuell wird ein «My Way 50Plus»-Seminar finanziert. Warum nicht immer? Wenn jemand, der sich von uns beraten lassen hat, topmotiviert zum RAV-Berater geht und unsere Alternative umsetzen will, sollte dies auch bewilligt werden. Diese Menschen brennen darauf, diese Schulung zu machen! Diejenigen, die die Kurse umsetzen, sind nämlich sehr erfolgreich. Die von den RAV finanzierten Aufträge (Fachseminare) haben in insgesamt acht verschiedenen Kantonen eine beinahe hundertprozentige Erfolgsquote. Fast alle haben eine Stelle gefunden! Es ist arrogant, unser grosses Engagement zur Professionalisierung der klassischen Hilfe zur Selbsthilfe zu ignorieren. Gerade bei schwervermittelbaren Über-50-Jährigen.

Daniel Neugart,

Geschäftsführer Save 50Plus Schweiz

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