Publiziert am: Freitag, 10. April 2015

«Lehrabbrüche verhindern»

ANFORDERUNGSPROFILE – Der sgv hat mit dem EDK eine neue Grundlage für eine erfolgreiche Berufswahl geschaffen. Die Jungen werden so bei der schulischen Standortbestimmung unterstützt.

Schweizerische Gewerbezeitung: Mit welchen Zielen wurden die schulischen Anforderungsprofile erarbeitet?

Christoph Eymann: Das Ziel war es, Jugendlichen im Berufswahlprozess zu helfen, sich ein Bild davon zu verschaffen, was in einer beruflichen Grundbildung von ihnen erwartet wird, was sie also an schulischen Fähigkeiten mitbringen sollten, um eine Lehre gut bewältigen zu können. Dabei war es wichtig, dass Schule und Berufswelt die gleiche Sprache sprechen. Auf dieses Ziel hin haben wir jetzt bereits einen wichtigen Schritt gemacht. In einem Folgeprojekt der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK möchten wir die Profile nun noch weiter konkretisieren und mit den Zielen, so wie sie in den sprachregionalen Lehrplänen formuliert sind, in Verbindung setzen.

Wie unterstützen diese Orientierungshilfen die Jugendlichen bei der Berufswahl?

 Peter Theilkäs: Die Jugendlichen können leicht und auf einen Blick erkennen, ob die im sie interessierenden Beruf geforderten Kompetenzen in den klassischen Anforderungsbereichen Mathematik, Schulsprache, Naturwissenschaften und Fremdsprachen ihren schulischen Leistungen entsprechen. Mit den ebenfalls aufgeführten und in einfacher Sprache formulierten Arbeitssituationen können sie sich zudem einen ersten Überblick über die wesentlichen Arbeitsanforderungen verschaffen. Im Rahmen der Berufsfindung ist es so möglich, erste grobe Fehlentscheide zu verhindern.

«SCHULE UND BERUFSWELT SPRECHEN DABEI DIE GLEICHE SPRACHE.»
EDK-Präsident Christoph Eymann

Weshalb braucht es überhaupt solche Berufsprofile?

 Hans-Ulrich Bigler: Sie sind ein zusätzliches Instrument im Rahmen des Berufswahl-Informationsprozesses. Sie sollen die schulischen Anforderungen für die diversen Lehrberufe aufzeigen und die Jugendlichen bei einer schulischen Standortbestimmung unterstützen. So können sie ihr Schulwissen mit den Anforderungen der Lehrberufe abgleichen und besser einschätzen, ob sie von den schulischen Leistungen wie auch von den Anforderungen her genügend geeignet sind für ihren Wunschberuf. Das 9. Schuljahr kann in der Folge im Hinblick auf die kommende Berufslehre vermehrt dazu dienen, eigene Lücken zu schliessen. In der Konsequenz sollten dadurch Lehrabbrüche reduziert werden.

Was muss man sich konkret darunter vorstellen?

 Peter Theilkäs: Die vorne erwähnten vier Anforderungsbereiche je Berufsprofil sind einerseits in verschiedene Unterkriterien und anderseits in vier verschiedene Anforderungsgruppen aufgeteilt. So gliedert sich der Anforderungsbereich Schulsprache in die Unterkriterien Lesen, Hören, Schreiben, Teilnahme an Gesprächen und zusammenhängendes Sprechen. Arbeitsgruppen bestehend aus Fachleuten der einzelnen Berufe haben die in den einzelnen Berufen geforderten Kompetenzen auf das Niveau der Sekstufe 1 heruntergebrochen. Die vorliegenden Anforderungsprofile sind aussagekräftig und stellen ein nützliches erstes Beurteilungstool an der Nahtstelle Sek1/Sek2 dar. Es muss nun darauf geachtet werden, dass die erarbeiteten Profile laufend und seriös bewirtschaftet werden.

Wie werden diese Instrumente in den Betrieben umgesetzt?

 Hans-Ulrich Bigler: Die Anforderungsprofile sind ein ergänzendes, aber wichtiges, neues Informationsinstrument zu den herkömmlichen Orientierungshilfen. Nach wie vor braucht es eine Schnupperlehre sowie Diskussionen und Gespräche mit Lehrern, Eltern, Berufsberatern sowie dem zukünftigen Lehrmeister. Hingegen sollen die bisherigen Tests wie Basic-/Multicheck damit längerfristig abgelöst und ersetzt werden. Es ist unhaltbar, dass Schulabgänger bei der Lehrstellensuche mit derartigen Tests zur Kasse gebeten werden und teure Prüfungsgebühren zahlen müssen, wenn sie in die Arbeitswelt einsteigen wollen.

Welche Bedeutung hat diese Unterstützung in der Berufswahl für die Wirtschaft?

 Hans-Ulrich Bigler: Die Wirtschaft deklariert mit den Anforderungsprofilen erstmals umfassend und vergleichbar zwischen den Berufen, was man aus ihrer Sicht mitbringen muss, wenn man beispielsweise Polygraf oder Buchbinder werden will bzw. welche Kompetenzen weniger wichtig sind in diesen Berufen. Damit können wir auch das Problem des Fachkräftemangels angehen, indem wir die Zahl der Lehrabbrüche reduzieren helfen, weil die richtigen Leute den ihnen am besten entsprechenden Beruf ausüben. Die Anforderungsprofile sind eine Lösung aus der Praxis. Sie ermöglichen den Schülerinnen und Schülern in der 9. Klasse eine Standortbestimmung bezüglich ihrer schulischen Kompetenzen und geben ihnen Klarheit, was in ihrem Wunschberuf gefordert und erwartet wird.

«DAMIT KÖNNEN WIR AUCH DAS PROBLEM DES FACHKRÄFTE-
MANGELS ANGEHEN.»
sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler

Wo liegt für Sie das Neue und der Mehrwert der Anforderungsprofile?

 Christoph Eymann: Mit den Profilen lässt sich die Frage beantworten: «Wie wichtig sind ausgewählte Kompetenzbereiche – Geometrie oder Algebra oder Schreiben – für eine bestimmte berufliche Grundbildung?» Diese Beurteilung haben Personen vorgenommen, die in der Ausbildung von Lehrlingen des jeweiligen Berufes tätig sind. Für die schulische Seite, und damit für die Jugendlichen im Berufswahlprozess, kann diese Sichtweise der Berufswelt sehr aufschlussreich sein. Und es ist wichtig, dass man sich bei der Auswahl und der Bezeichnung der Kompetenzbereiche an die nationalen Bildungsziele (Grundkompetenzen) der EDK anlehnen konnte. Dieses Instrument gibt es noch nicht so lange. Die EDK hat die ersten nationalen Bildungsziele (Grundkompetenzen) im Juni 2011 freigegeben.

«SO KÖNNEN ERSTE FEHLENTSCHEIDE VERHINDERT WERDEN.»
stv. Direktor viscom Peter Theilkäs

Ein weiteres Plus ist, dass die Berufe nach einem gleichen Raster beurteilt wurden. Man kann also sehr gut Berufe vergleichen: Welche stellen in einzelnen Kompetenzbereichen höhere respektive geringere Anforderungen? Was die Profile hingegen nicht sind, das muss man auch immer klar festhalten: es sind keine Test- und keine Selektionsinstrumente.

Interview: Corinne Remund

KURZ ERKLÄRT

Anforderungsprofile

sind auf www.anforderungsprofile.ch abrufbar;

zeigen minimale schulische Anforderungen für den Einstieg in eine berufliche Grundbildung;

zeigen, auf welche Art und Weise schulische Kompetenzen in einer beruflichen Grundbildung gebraucht werden;

sind eine Orientierungshilfe im Berufswahlprozess;

ermöglichen die frühzeitige, gezielte Förderung;

sollen Schülerinnen und Schüler motivieren, sich optimal auf den Berufseinstieg vorzubereiten;

dienen nicht der Selektion, sind kein Testsystem;

stellen lediglich einen Aspekt der Berufsausbildung dar. Andere Aspekte (z.B. Interessen) sind bei der Berufswahl nicht zu vernachlässigen;

müssen laufend bewirtschaftet werden, um ihren Nutzen zu erhalten.

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