Publiziert am: Freitag, 18. September 2015

Märkte widerstehen dem Staat

BÖRSEN IN CHINA – Die Börse in Shanghai ist in den letzten 90 Tagen um über 40 Prozent gefallen. Doch sie liegt immer noch 50 Prozent höher, als dies zu Beginn des Jahres 2014 der Fall war.

Ist China am Ende? Die Nachrichten der letzten Wochen legen diese unbequeme Frage nahe. Eine Schreckensbotschaft nach der anderen über das Land der Mitte macht die Runde. Aber das Reich der Mitte ist nicht am Boden. Die Lage präsentiert sich gleichzeitig besser und komplizierter, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Ja, es stimmt: Die Shanghaier Börse ist in den letzten 90 Tagen um über 40 Prozent gefallen. Was auch zutrifft: Die Regierung hat versucht, die Kurse zu stützen – und das ist ihr nicht gelungen. Sie nahm sogar um die 45 Prozent der Titel aus dem Handel. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn die gleiche Börse liegt immer noch 50 Prozent höher, als dies zu Beginn des Jahres 2014 der Fall war.

Tatsache ist: Börsen können nicht grundlos ununterbrochen stärker abschneiden als der weltweite Durchschnitt. Nach einer gewissen Zeit setzt die sogenannte Mittelwertrückkehr ein. Die Aktien lassen nach, bis sie zurück etwa auf den weltweiten Durchschnitt gefallen sind.

Bloss: Wenn das so ist, was erklärt dann die anhaltende Panik der Investoren? Börsen sind extrem kurzsichtig, d.h. sie tendieren, zu vergessen, was länger als einige Tage zurück liegt.

Hohe Renditen an den Börsen lassen sich langfristig nur dann erzielen, wenn die Realwirtschaft stark ist. Das ist in China derzeit nicht der Fall. Das klarste Zeichen dafür ist der Rückgang der Exporte um etwa acht Prozent im Vergleich zum letzten Jahr. Während die Industrie zu teuer ist, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, hat sich der inländische Konsum noch nicht als Konjunkturmotor etabliert. Beides hat den gleichen Grund. China schafft es derzeit nicht, produktiver zu werden.

«KEIN STAAT KANN KONJUNKTURZYKLEN UNTERBINDEN – NOCH NICHT EINMAL CHINA.»

Teurere Exporte können durch Produktivität kompensiert werden. Etwa wenn die produzierte Menge grös­ser wird oder die Produkte besser werden. Oder wenn die Wirtschaft innovativ ist. Gleichzeitig kann nur dann Konsum entstehen, wenn genügend freies Einkommen vorhanden ist. Dieses lässt sich nur anhäufen, wenn einzelne Angestellte und Arbeiter selbst produktiver werden und damit von Lohnerhöhungen profitieren.

Eine Erhöhung der Produktivität steht auf dem Programm. Der chinesische Zentralstaat weiss, dass er sich aus der Wirtschaft zurückziehen muss. Langsam – aber eben langsam – werden unproduktive Staatsunternehmen zurückgebunden. Durch den Anstieg des allgemeinen Bildungsstandes der Bevölkerung werden die Arbeitstätigen auch produktiver.

Unruhe ist nicht schlecht

Eines muss aber klargestellt werden: Produktive Wirtschaften unterliegen zyklischen Schwankungen. Es wird weder dem chinesischen Staat noch irgendeinem anderen Staat gelingen, Konjunkturzyklen zu unterbinden. Eine Wirtschaft, die selbst Risiken und Verantwortung trägt, muss auch mit Rezessionen umgehen können. Gerade in Rezessionen werden oft Ideen entwickelt, welche das Fundament für das künftige Wachstum sind. Oder anders gesagt: In Krisen lernt man.

Für China wird gerade dieser Lernprozess die grosse Herausforderung sein. Denn bisher sah sich das Reich der Mitte von einer langandauernden Wachstumsphase verwöhnt. Auch die Regierung bekundet ihre liebe Mühe mit ökonomischen Schwankungen. Deshalb versucht sie derzeit auch in den Märkten zu intervenieren. Sie greift sowohl in die Börsen als auch in die Industrie ein – und bleibt erfolglos...

«MÄRKTE OFFENBAR FREIER ALS GEDACHT.»

Doch genau das könnte die gute Nachricht sein. Die Märkte scheinen freier zu sein, als angenommen. Sie widerstehen der staatlichen Intervention. Doch selbst wenn dies kurzfristig wehtun kann, sind freiere Märkte immer schneller in ihrer Selbstheilung als staatlich gelenkte. Die Frage ist nur, ob Unternehmen und Staat jene Lerneffekte auch nutzen, die sich derzeit anbieten.

Also: China ist natürlich nicht am Ende. China lernt, was es heisst, eine entwickelte Wirtschaft zu haben. Das bedeutet, mit Unruhe in Märkten umzugehen und daraus zu lernen. Wenn das Land der Mitte es auch schafft, die Produktivität zu steigern, kann es sogar noch stärker wachsen als bisher.Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv