Publiziert am: 04.10.2019

«Möge die Türe mit euch sein»

FRANK TÜREN AG – Das Familienunternehmen in Buochs/NW erfindet sich immer wieder neu, ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen. Über mehr als 120 Jahre entwickelte sich ein KMU, das zwar mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, aber nur den Himmel als Limit kennt.

Das knallrote Gebäude an der Bürgerheimstrasse 12 in Buochs/NW ist nicht zu übersehen. Der Anstrich ist auffällig, ja, vielleicht sogar ausgefallen – aber nicht übertrieben oder deplatziert. Es passt zur Familie Frank, die schon immer gerne alles ein bisschen anders gemacht hat. Hauptsache, es funktioniert. «Die Franks sind halt ‹Stieregrinde›», sagt Marcel Frank, Geschäftsführer und Taktgeber (vgl. Nebenartikel).

Rhythmus hat Frank im Blut, war er doch Profimusiker. Instrument: Schlagzeug. Irgendwann musste er sich entscheiden und so kam er 2003 zurück in den 1897 gegründeten Betrieb. Vor neun Jahren übernahm er ihn mit seinem Bruder Benno. Und wie es zu einem «Stieregrind» Frank gehört, so kam auch Marcel nicht zurück in die Firma, um alles unverändert weiterzuführen. Er hatte eigene Visionen.

Eine davon war die Spezialisierung auf Türen. Als die Brandschutznormen verschärft wurden, sah Marcel Frank eine Chance darin. «Zudem wollte ich eine Marke erschaffen», erklärt er die Umbenennung im Jahr 2010 in den heutigen Firmennamen. Das sei ihm gelungen. Frank Türen seien heute ein Begriff in der Branche. So entwickelte sich das Unternehmen von einer Schreinerei zu einem spezialisierten Türenhersteller.

Nutzen vor Ästhetik

Türen haben im Prinzip eine Trennfunktion. Je nach Standort, müssen sie aber noch viele Eigenschaften mehr erfüllen. Dann sind die Frank Türen an der Reihe. Es geht weniger darum, wie eine Türe aussieht, sondern was sie kann. «Eine Türe muss funktionieren», sagt Marcel Frank. Diese simple Aussage ist die goldene Regel, die im Katastrophenfall Leben retten kann. Hauptkunden seien Architekten und ihnen überlasse man auch gerne die ästhetische Komponente. «Unsere Elemente sollen nicht stören oder auffallen», sagt Frank. Hingegen müsse eben die Funktion klar sein: Eine Tür kann Räume abtrennen, aber auch einen Brandschutz darstellen, einen Bereich sichern, Besucherströme leiten oder Geräusche vermindern.

Eigene Werkstatt als Testlabor

Durch eine Glastür blickt man vom Bürobereich in die Werkstatt. Marcel Frank drückt die Klinke runter. Die Tür schwingt selbstständig auf und sofort dringt Maschinenlärm ins Ohr. Erst jetzt merkt man, wie angenehm ruhig es zuvor war. Marcel Frank schmunzelt. Er hat die Reaktion erwartet und weiss, wie er seine Produkte präsentieren kann: Mit Live-Demonstrationen. Im gesamten Gebäude werden die eigenen Entwicklungen eingebaut. «Ich kann die Türen nicht nur eins zu eins vorführen, sondern auch unsere Mitarbeiter können sich immer wieder etwas anschauen und fühlen, statt auf Pläne zu gucken.» Dabei kommen immer wieder neue Ideen auf.

Eine Art Baukastenprinzip helfe beim Konzipieren einer Türe. «Der Kunde sagt uns, was die Türe können muss. Zum Beispiel soll sie leicht sein, sich auf beide Seiten öffnen lassen und Geräusche mindern. Unser Know-how besteht darin, all diese Eigenschaften in einer perfekten Tür zum Ausdruck zu bringen.»

Lieber 007 als 0815

Marcel Frank streckt seine Hand aus. Ein Pieps, ein von Rot auf Grün wechselndes LED-Lämpchen und die Tür geht auf. Ein Hauch von James Bond. «Das ist der Rolls Royce unter den Türen», sagt Frank nicht ohne Stolz. Es handelt sich um einen Venenscan. Es ist die höchste Sicherheitsstufe. «Wir sind die einzigen, die das können.» Patente dafür hat das KMU auf der ganzen Welt. Das System misst mit 5 Millionen Punkten pro Sekunde die Venenbiometrie und würde sogar erkennen, wenn man eine tote – oder eine abgetrennte – Hand hinhalten würde. Die Lizenz zum Töten hilft in diesem Fall nicht, um sich Zutritt zu verschaffen.

Der Kniff mit den Gummibärli

Der Venenscan ist das beste Beispiel für die Innovationskraft des Unternehmens. Ständig wird Neues ausprobiert. Türen mit integriertem Computerchip zeigen an, ob das WC frei oder besetzt ist. Animationen und gar Videos lassen sich auf der Tür anzeigen. Das Licht schimmert dabei durch eine perforierte Holzplatte.

Holz, der Werkstoff schlechthin eines jeden Schreiners, hat trotz High-Tech seine wichtige Bedeutung nicht verloren. «Die Elektronik entwickelt Wärme und das hat einen Einfluss auf das Holz. Wir lernen immer wieder dazu, wie das Holz arbeitet, und gewinnen so weiter an Know-how dazu», erklärt Frank.

Apropos Know-how-Gewinn: Da gibt es einen transparenten Kunststoff-Türgriff, der mit Gummibären gefüllt ist. «Auf Augenhöhe der Kinder, damit es auch für sie spannend ist bei uns», schmunzelt Frank. Er sorgt sich eher um die Risse in diesem Griff. «Die Tür ist eindeutig zu schwer für diese Art von Türgriff. Hätten wir den Griff nicht hier eingesetzt, hätten wir das nie erfahren. Wir lernen jeden Tag dazu.»

Mitarbeiter müssen auch Mitdenker sein

Neues lernen. Frank lebt die Firmenphilosophie täglich vor. «Du bist ­einer stetigen Veränderung ausgesetzt», erzählt er. «Mein Vater hat in den 70er-Jahren die Automation vorangetrieben. Vom Wohnungsboom inspiriert, konzentrierte er sich auf Türen und Simse. Ich treibe heute die Digitalisierung und die Spezialisierung auf Türen voran.» Durchgehend und verknüpft soll der Betrieb funktionieren. Und doch ist es wichtig, dass gerade auch der Mensch funktioniert. «Es darf nie zu ruhig werden», sagt Frank. Das führe zu Lethargie. «Ich habe schon Automationsvorgänge zurückgenommen, weil ich wollte, dass die Mitarbeiter weiter selbstständig denken.»

Das familiäre Umfeld werde sehr geschätzt. «Wir sind ein familiengeführtes Unternehmen und ich stelle fest: Die Leute finden das super. Die vielen Blindbewerbungen zeigen mir, dass wir spannend sind.» Kurze Wege sorgen für ein ausgeglichenes Betriebsklima. Viele Mitarbeiter sind jahrelang dabei, haben teils gar die Lehre im Betrieb absolviert.

Immer wieder trifft man auf Sepp Ambauen. Er ist die Identifikationsfigur schlechthin. Gesichtsausdruck des lieben Grossätis, die Postur eines Kriegers. Ambauen ist noch immer Rekordhalter im Steinstossen. Ein Nidwaldner Original, seit über 35 Jahren im Betrieb. Und: für jeden Spass zu haben. Das zeigen die witzig inszenierten Firmenvideos auf der Website, in welchen er auch mal das Laserschwert schwingt und die Star-Wars-Saga parodiert: «Möge die Türe mit euch sein.»

Firma lebt von Machertypen

Mit aussergewöhnlichen Herausforderungen fördert und fordert Marcel Frank seine Angestellten. Wer neu ist, arbeitet sich in verschiedenen Bereichen ein. «Auch der Büromensch soll erfahren, wie es ist, in der Produktion anzupacken.» So entstehe ein Verständnis für durchgehende Abläufe und die Arbeitsgebiete der Kollegen. «Wir brauchen Leute, die ständig etwas Neues lernen wollen.» Der Patron nimmt sich dabei nicht aus: «Wie sollen sich Mitarbeiter mit Herzblut engagieren, wenn sie nicht wissen, wo der Chef hinwill?»

Wo er hinwill, dieser Entscheidung musste sich der Unternehmer Marcel Frank, der zudem Präsident des Unterwalder Schreinerverbands ist, schon oftmals stellen. «Was soll ich jetzt nur tun?», habe er sich damals während der Eurokrise gefragt. Die Antworten darauf geben die heutigen Produkte: technische Innovationen, die aktuell im Venenscan gipfeln, sind aus der anfänglichen Verzweiflung heraus entstanden. Aufgeben kommt für Frank ohnehin nicht infrage. Er setze sich für Werte wie Familientradition, das Handwerk und den Werkplatz Schweiz ein. Man sieht: Er tut es mit Herzblut.

In Buochs wird fast alles aus der hauseigenen Werkstatt geliefert. Nicht nur das Hölzige, sondern auch das Elektronische. «Diese Abwechslung ist gut für den Lustfaktor und macht unsere Jobs attraktiv.» Hilfe holt sich Frank gerne mit branchenfremden Fachpersonen. Dadurch soll Betriebsblindheit vorgebeugt werden. Trotz ständiger Veränderungen seien seine Mitarbeiter noch immer allesamt «Machertypen». Typen wie Sepp Ambauen. Viele vom Land. Früher Generalisten, heute Spezialisten im Türenbau.

Adrian Uhlmann

www.frank-tueren.ch

handwerk seit 122 jahren

Die Nummer 7

Das Familienunternehmen hat eine spannende Geschichte, die viel zur Identität des Betriebs beiträgt. Marcel Franks Urgrossvater, Josef Frank sen., gründete 1897 die Schreinerei am heutigen Platz. Direkt gegenüber der Gipserei, die seine Familie seit Jahren führte. Ein sehr ungewöhnlicher Entscheid für damalige Verhältnisse, sich so direkt von der Familie abzunabeln und das Handwerk zu wechseln. An dieser Stelle im Gespräch hatte Marcel Frank die «Stieregrind»-Bemerkung angebracht (vgl. Hauptartikel).

Der Urgrossvater wollte mehr sein als die klassische Dorfschreinerei, was gerade im schlecht erschlossenen Buochs eine grosse Herausforderung darstellte. Es musste ein Auto her. Als es geliefert wurde und der Garagist wieder weg war, das grosse Rätselraten. Wie um Himmels willen startet man diese Kiste? Weil es schon dunkel wurde, schob man den Wagen in den Unterstand.

Am nächsten Morgen wurde das Auto mithilfe des aufgebotenen Garagisten gestartet und es folgte eine ausgiebige Beizentour. Natürlich nicht um zu trinken, sondern um Geschäfte abzuwickeln. So, wie man das zu dieser Zeit eben machte. Nur, dass das ausserhalb des Dorfes und sogar ausserhalb des Kantons geschah, was für die damalige Zeit sehr aussergewöhnlich war. So kam es, dass Urgrossvater Frank die Autonummer «NW 7» erhielt. Er war einer der ersten im Kanton überhaupt, der sich ein Auto zulegen konnte. Die Nummer 7 ist noch heute die Glückszahl der Frank Türen AG und die Autonummer im Besitz der Franks.

Die Beizentour mit dem neuen Auto dauerte übrigens den ganzen Tag und als es schon zu eindunkeln begann, sah sich Grossvater Frank mit dem nächsten Problem konfrontiert. Er hatte das Licht nicht eingeschaltet. Aber gut, woher sollte er auch wissen, wie man das macht?