Publiziert am: 09.02.2018

Mehr Mobilität und Lebensfreude

FUSS & SCHUH – Der Verband setzt sich für eine fundierte Grundbildung sowie ein zweistufiges Modell der höheren Berufsbildung ein. Im Bereich der Digitalisierung kämpfte er dafür, dass gewisse Produktionsschritte nicht ins Ausland verlegt werden.

Die 6-jährige Brigitte hat schmerzhafte Spreizfüsse, Herr Meier einen von Narben verunstalteten Fuss, die Oma leidet an aufgeschwollenen Beinen und Michael hat die Bänder am Knöchel überstrapaziert. Ein Arbeitsunfall, ein Geburtsgebrechen, krankheits- und altersbedingte Einschränkungen und Beschwerden im unteren Bewegungsapparat machen einen Gang zum Orthopädieschuhmacher unumgänglich. Vielseitig wie seine Kunden ist der Arbeitsalltag des Orthopädieschuhmachers. Die kompetente Beratung sowie das individuelle Anfertigen der «orthopädischen» Schuhe erfordern von ihm ausgewiesenes Fachwissen und sowie eine gute Vorstellungskraft für das Problem und Bedürfnis des Kunden. Mit orthopädischen Schuheinlagen, Schuhzurichtungen, diversen Spezialschuhen, Massschuhen und Orthesen hilft er seinen Kunden, weiterhin sicher auf den Beinen zu sein. Es gibt in der Schweiz rund 350 Orthopädieschuhmacher. «Unsere Mitglieder haben sich alle in einem Nischenbereich positioniert. Dabei streben sie auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten, Podologen an», betont Marc-André Villiger, Vizepräsident des Verbandes Fuss & Schuh.

Junge Orthopädieschuhmacher haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr selbstständig gemacht und ein Geschäft eröffnet. Villiger ist jedoch überzeugt, dass hier ein Strukturwandel stattfindet oder bereits im Gange ist. «Langfristig wird es eine Konzentration der verschiedenen Dienstleistungen rund um die Orthopädie geben. Es entspricht auch einem Bedürfnis der Kunden, dass Podologie, der Verkauf von Schuhen, Bandagen, Kompressionsstrümpfen sowie eine kompetente Beratung unter einem Dach erfolgen», sagt ­Villiger, der als Orthopädieschuhmacher-Meister selber ein Geschäft im aargauischen Staufen führt. Die Arbeit geht den Orthopädieschuhmachern nicht aus, im Gegenteil: «Orthopädische Behandlungen nehmen zu. Dies hat mit dem zunehmenden Anteil an älteren Menschen zu tun, aber auch mit dem Breitensport und der allgemeinen Bevölkerungszunahme. Immer mehr Leute sind auf unsere Dienste sensibilisiert.»

Berufe mit Karrieremöglichkeiten

Die Aus- und Weiterbildung ist ein grosses Anliegen des Verbandes, wofür er sich sehr engagiert. Orthopädieschuhmacher EFZ und Schuhmacher EFZ sind Kleinstberufe. Jährlich absolvieren 10 bis 15 Orthopädieschuhmacher EFZ und zwei bis vier Schuhmacher EFZ ihre Lehre. Die kleine Nachfrage nach Lehrplätze kann abgedeckt werden. Die beiden Berufe bieten auch Karrieremöglichkeiten. So können beispielsweise Schuhmacher EFZ eine Zusatzlehre als Orthopädieschuhmacher EFZ machen und dann die Anschlussmöglichkeiten der Orthopädieschuhmacher EFZ nutzen. Die Orthopädieschuhmacher können sich zum Orthopädieschuhmacher-Meister (OSM) weiterbilden. Neu plant der Verband ein zweistufiges Ausbildungsmodell. «Wir möchten zwischen dem Abschluss der Lehre und der Meisterprüfung eine Berufsprüfung als Werkstattleiter dazwischenschalten. Hier gibt es aber momentan Verzögerungen. Wegen unseren geringen Ausbildungszahlen diskutiert das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI die Notwendigkeit dieser zusätzlichen Prüfung», erklärt Villiger. Der Verband Fuss & Schuh stellt verbandsintern jährlich auch ein Weiterbildungs­programm zusammen.

«Wir wollen eine 
zukunftsorientierte Grundbildung.»

Auf politischer Ebene ist die Bildungsstrategie ein zentrales Thema für den Verband. Dazu Villiger: «Wir wollen eine zukunftsorientierte Grundbildung und höhere Berufs­bildung. Deshalb haben wir auch das Revisionsprojekt der höheren Berufsbildung lanciert.» Die Berufsleute heben sich heute im Vergleich zum Ausland – was das handwerkliche Know-how betrifft – ab. «Das soll auch so bleiben. Die Schweiz und Deutschland sind in der Orthopädieschuhtechnik weltweit unter den ­führendsten Ländern. In der Theorie sind Nachbarländer, die eher universitäre Bildungssysteme haben, aber auf der Überholspur», so Villiger. Ein besonderes Anliegen ist dem Verband in der Berufsbildung die Gleichwertigkeit zwischen beruflichem und akademischem Weg. «Es kann nicht sein, dass unsere Meisterprüfungen zu Lasten der Kandidaten gehen, währenddem der Staat die universitäre Bildung gegenüber der Berufsbildung viel stärker fördert», ärgert sich Villiger. Ein weiteres Hauptanliegen ist das Bestreben für einen fairen und nachhaltigen Versicherungstarif. Wer gemäss OSM-Tarif abrechnen darf, soll dafür fair entschädigt werden. «Hier ist ein ständiger Dialog mit den Versicherungen nötig», sagt Villiger.

Digitalisierung, aber ohne
Auslagerung ins Ausland

Eine grosse Herausforderung ist die Industrie 4.0. «Hier ist die entscheidende Frage, wie viel Handwerk es noch braucht und wie viel der Arbeit digitalisiert wird», so Villiger und er betont: «Ganz wichtig ist, dass trotz der Digitalisierung gewisse Produktionsschritte nicht ins Ausland verlegt werden. Das über Jahrzehnte aufgebaute Know-how in der Schweiz würde in diesem Moment verloren gehen.» Und weiter: «Die Ausbildung wäre direkt davon betroffen. Wir sind überzeugt, dass es im Bereich der Schuhe eine Kombination von Technik und handwerklichem Know-how braucht. Gewisse Arbeitsschritte können nicht automatisiert werden.» Letztlich gehe es dabei um das Patientenwohl. Der Patient sei sozusagen das letzte, aber wichtigste Glied in der Kette. «Er erhält das Hilfsmittel, das ihm die benötigte Unterstützung bringt», so Villiger. Doch für die Zukunft hat die Branche gemäss Villiger gute Karten. «Unsere Dienstleistungen werden immer gefragter gerade in Verbindung mit artverwandten Dienstleitungen wie Podologie etc. Immer mehr Menschen sind sensibilisiert darauf, dass ihnen bei ihren Leiden im unteren Bewegungsapparat effizient geholfen werden kann und sie so mehr Mobilität und Lebensfreude haben», stellt Villiger fest. Corinne Remund

Der Verband Fuss & Schuh kurz erklärt

Wirtschaftliche und berufliche Interessen fördern

Der Verband Fuss & Schuh wurde 1874 gegründet. Damals schlossen sich die Schuhmacher zusammen, um eine gemeinsame Basis für ihre Branche zu schaffen. Seit 2016 sind der Schweizerische Verband Fuss & Schuh sowie die beiden Vereinigungen Orthopädieschuhmacher-Meister OSM und Schuhmacher in einem einzigen, starken Verband organisiert. Der Verband Fuss & Schuh ist heute die Non-Profit-Organisation für die Schuhmacher- und Orthopädieschuhmacherbranche der Schweiz. Der Verband bietet für seine Mitglieder eine Dienstleistungsplattform und vertritt ihre wirtschaftlichen Interessen. Als Tarifpartner der Sozialversicherer (IV, Militärversicherung MV und Unfallversicherung UVG) bestrebt der Verband einen fairen und nachhaltigen Versicherungstarif. Zudem fördert «Fuss & Schuh» die Zusammenarbeit mit Ärzten, staatlichen und privaten Versicherungsträgern sowie mit anderen berufsverwandten Organisationen und Verbänden im In- und Ausland.

Aus- und Weiterbildung

Eine zentrale Aufgabe ist die Aus- und Weiterbildung. Hier setzt sich der Verband für die Grundbildungen der Schuhmacher EFZ und Orthopädieschuhmacher EFZ ein und fördert den beruflichen Nachwuchs. Zur beruflichen Weiterbildung gehören Erfahrungsaustausch und Veranstaltungen von Fachtagungen und Kursen. Der Verband zählt rund 200 Mitglieder, dies sind hauptsächlich Schuhmacher- oder Orthopädieschuhtechnik-Geschäfte, alles KMU. Die Branche beschäftigt rund 1000 Personen.
CR