Publiziert am: Freitag, 24. Februar 2017

Mit Farben zum Wohlfühlbüro

FARBBERATUNG & DESIGN – Der Chamer Farbdesigner Martin Tanner setzt Farben bewusst ein. Am Arbeitsplatz können Farben für ein produktiveres Umfeld sorgen. Allerdings wird von den KMU noch zu wenig Augenmerk auf die Farbgestaltung im Büro gelegt.

Farben bringen Abwechslung ins Leben und beeinflussen die Psyche: Rot regt an, während Grün eher beruhigt. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. «Wir machen sie uns täglich zunutze, wenn wir Kleider kaufen oder ­einen Blumenstrauss zusammenstellen», sagt der diplomierte Farb­berater/-designer IACC Martin Tanner. Weit weniger bekannt sei dagegen, dass Farben auch psychologische und physiologische Reaktionen erzeugen könnten. «Farbreize beeinflussen beispielsweise die Bereitschaft des Gehirns, Informationen zu verarbeiten.

«Noch viel zu häufig werden die Wände fantasielos weiss 
gestrichen.»

Auch auf die Funktion des vegetativen Nervensystems und die Ausschüttung von Hormonen wirken sich Farbwahrnehmungen aus», so Tanner. Die wissenschaftlich gestützte Farb- und Materialberatung ist sich dieser Vorgänge bewusst und lässt sie bei Gestaltungsprojekten einflies­sen. «Noch viel zu häufig werden die Wände bei Neubau- und Renovationsvorhaben fantasielos weiss gestrichen», stellt Tanner fest. «Dabei lässt man ausser Acht, dass sich eine solch vermeintlich neutrale Gestaltung sogar negativ auf die Konzentration und das Leistungsvermögen auswirken kann.»

Die wissenschaftlich gestützte Farb- und Materialberatung arbeitet auch mit den Erkenntnissen der Farbpsychologie, indem sie die emotionale Wirkung von Farben, ihre Symbolik und auch ihre assoziative Kraft gezielt einsetzt. «Den Ausgangspunkt des Planungsprozesses bilden aber immer die Bedürfnisse der künftigen Raumnutzer», sagt Tanner.

Produktiver arbeiten

Wie wichtig es ist, die Bedürfnisse der künftigen Nutzer zu erheben, zeigt sich auch bei der Gestaltung von Arbeitsräumen. «Wer acht Stunden oder länger im Büro sitzt und auf weisse Wände blickt, der wird sich in der Arbeitswelt nicht sonderlich wohlfühlen», so Tanner. Und er ergänzt: «Vorherrschend sind heute oft coole, technoide Industrie- und Büroräume, die durch raue und harte Materialien, wie Stahl und Beton, ästhetizistisch erscheinen wollen. Aber in Wahrheit sind solche Räume sowohl ergonomische als auch psychologische Fehlentscheidungen.»

Ob der Raum blau, rot oder grün gestrichen ist, hat unterschiedliche Auswirkungen. «Ein Büro ist nicht einfach ein Büro. Farben besitzen einen grossen Einfluss auf das Ambiente am Arbeitsplatz. Sie wirken inspirierend, belebend und beruhigend. Mit einfachen Schritten können wir der Monotonie in den Räumen entgegenwirken und Ambiente schaffen», bringt es Tanner auf den Punkt. Ein Buchhalter beispielsweise verlange eher einen geschlossenen und ruhig gestalteten Raum. Für einen Kreativraum dagegen empfiehlt sich gemäss Tanner ein hoher, offener Raum, in dem die Gedanken freien Lauf erhalten. Hier dürfe die Farbstimmung kräftiger sein. Wichtig sei auch, dass die Farbgestaltung des Arbeitsplatzes in das Gestaltungskonzept des gesamten Betriebsorganismus sowie das räumliche Umfeld eingebunden sein müsse.

«Farben besitzen einen 
grossen Einfluss 
auf das Ambiente am 
Arbeitsplatz.»

«Damit fördert ein wissenschaftlich gestütztes Farb- und Materialkonzept nicht nur das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern auch deren Produktivität», stellt Tanner fest. Und er verweist auf eine Studie aus Schweden von 2006. Dabei wurde herausgefunden, dass farbige Büroräume positivere Auswirkungen auf Mitarbeiter haben als Räume mit neutralen oder gar keinen Farben. «Insgesamt trägt ein professionelles Farb- und Materialkonzept erheblich dazu bei, Personalkosten sowie den Aufwand für den Gebäudeunterhalt zu senken», so Tanner. Dieser hohe Nutzen stehe einer Zusatzinvestition gegenüber, die im Vergleich zu den Baukosten verschwindend klein ist. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten könnten davon kluge Investoren und Bauherren profitieren. «Diese Aspekte der Kosten und des Mehrwertes der Farbgestaltung zählt leider für die KMU noch wenig», stellt Tanner fest.

Architekten setzen im privaten Eigentum wie auch in Schulen, Spitälern und Heimen oder Verwaltungseinrichtungen, Hotels sowie Restaurants die Farben sehr nüchtern und neutral ein. «In anderen Ländern wie den USA, Kanada oder auch Australien hat man den Mehrwehrt der Farbgestaltung schon längst erkannt und baut darauf», betont Tanner. So werden in Alterseinrichtungen, Kinderspitälern usw. Farben bewusst und planmässig eingesetzt, um Angst abzubauen sowie Entspannung und Erholung zu fördern.

KMU sensibilisieren

Martin Tanner hat sich mit seiner Farbberatung & Design im Frühling 2008 offiziell selbstständig gemacht. Der gelernte Malermeister hat sich bereits in früheren Jahren in Australien auf Naturfarben spezialisiert, die er auch heute bei seinen Projekten einsetzt. Er wendet die Designphilosophie der ICC an, einer internationalen Vereinigung von Farbberatern und Designern. Seine Dienstleistungen sind breit gefächert und reichen von Projektgrundlageermittlung über Analysen, Entwicklungen von Farb- und Materialkonzepten bis hin zur Projektbegleitung. «Die Privatkunden beziehe ich wenn möglich immer sehr stark in das Konzept mit ein. Das heisst, ich leite sie an und wir setzen es gemeinsam um», so Tanner. Dies funktioniere immer sehr gut. Zu seinen Kunden gehören viele Private, aber auch Firmen, Alterseinrichtungen und Gemeinden in der ganzen Schweiz.

Martin Tanner hofft, dass eine wissenschaftlich gestützte Farb- und Materialberatung künftig mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommt. «Es wäre wünschenswert, dass vor allem Firmen und Unternehmen dafür sensibilisiert werden und den Mehrwert der Farbgestaltung erkennen.» An Auftritten an Designmessen im Grossraum Luzern/Zürich will er zudem seine Dienstleistungen vorstellen und auch seine innovative Erfindung, das Raumgestaltungssystem Ambience mobile™ (siehe Nebenartikel), promoten.

Corinne Remund

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