Publiziert am: 15.12.2017

Mit Köpfchen zur digitalen Lösung

innovation – Zwischen Rosshaarmatratze und Softwareapplikation. Analog oder digital. Der Wandel ist längst im Gange. Zwei Beispiele zeigen aber auch, dass es viel wichtiger ist, zunächst auszuloten, welche Bedürfnisse ein KMU überhaupt hat.

«Es ist immer schwierig, Erfolg zu haben», sagt Heinz Roth. Er hat es gewagt, von seinem Kerngeschäft, den Bodenbelägen, auf ein uraltes Handwerk umzusteigen. Auf die Herstellung von Rosshaarmatratzen. Von Hand, versteht sich. Auf die Digitalisierung angesprochen, meint Roth: «Bei mir ist ist fast nichts digital. Aber ich muss sagen: Ohne Internet hätte ich meine Rosshaarmatratzen nicht verkaufen können.» Roth meint damit die Werbung und den Internetauftritt. Denn seine Produkte sind so einzigartig und auch langlebig, dass er sie in der ganzen Schweiz verkaufen muss, um damit profitabel zu sein. Einmal sei sogar eine Kundin extra aus Köln zu ihm nach Niederbipp (BE) gefahren, um die Rosshaarmatratze vor Ort zu begutachten.

Heinz Roth hat Mut zur Innovation bewiesen, einen komplett digitalisierten Betrieb braucht er aber nicht, um erfolgreich zu sein.

Zuerst Erfahrungen sammeln

Von der Rosshaarmatratze zur Applikationsentwicklung. Die taktwerk GmbH aus Zwingen (BL) hat aktuell drei Mitarbeiter. Einer davon ist Geschäftsführer Daniel Fiechter (30). Das junge Team digitalisiert KMU aus Industrie und Bauzuliefergewerbe. Fiechter bestätigt, dass die Digitalisierung viele finanzielle Ressourcen erfordere. «Erfasst man aber alle Prozesse und Daten konsequent digital, ermöglichen diese neue Einsichten und Geschäftsmodelle – Innovationen eben.»

Zuerst gelte es, die Hausaufgaben der Digitalisierung zu erledigen. Erst danach lassen sich Neuerungen umsetzen. Die wenigsten KMU können es sich leisten, eine eigene Tochterfirma nur für die Innovation zu gründen, wie dies beispielsweise das bekannte Kräuterbonbon-KMU Ricola mit seinem «Ricolab» gemacht hat. Aber dies ist eben nicht zwingend nötig. Genauso wenig wie eigene Personalressourcen. Das Know-how kann eingekauft werden. Die Angebote für Digitalisierungs­hilfe sind deutlich niederschwelliger geworden. «Online gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Tools, mit welchen relativ kostengünstig sehr umfassende Lösungen möglich sind», weiss Daniel Fiechter. «Zudem muss es nicht immer eine hochentwickelte Software oder App sein.» Wenn man mit einfacheren Lösungen wie Goo­gleDocs die digitalen Strukturen kennen lerne, «gewinnt man wertvolle Erkenntnisse über die Anforderungen einer künftigen Software, bevor man viel Geld investiert.»

Adrian Uhlmann

NACHGEFRAGT BEI helpy-Experte DANIEL STUCKI

«Es gibt immer Prozesse, die nicht digitalisiert werden»

Schweizerische Gewerbezeitung: Ist die Digitalisierung eine Voraussetzung für erfolgreiche Innovationen?

n Daniel Stucki: Nicht zwingend – die Entwicklung der Menschheit wäre ohne permanente Innovation gar nicht möglich gewesen. Denken Sie beispielsweise an die Erfindung des Rads oder des Buchdrucks. Die Digitalisierung zwingt uns aber mehr denn je, innovativ zu sein. Innovation ist für Unternehmungen die Voraussetzung, um in einer digitalisierten Welt überleben zu können.

Was machen Unternehmen, die weniger digitalisiert sind, um innovativ zu sein?

n Es wird immer Prozesse geben, die nicht «digitalisiert» werden können, wie das Anbauen von Getreide und das Bauen von Häusern. Auch für Unternehmen, welche in diesen Bereichen tätig sind, bringt die Digitalisierung riesiges Innovationspotenzial. So können sie ihre Produktivität deutlich steigern oder ihre Produkte und Leistungen zeitgerechter und besser auf die Kundenbedürfnisse abgestimmt anbieten.

Haben Sie Tipps, wie ein KMU die Digitalisierung sinnvoll nutzen kann, um dann daraus neue Innovationen zu generieren?

n Bisher stellte sich ein erfolgreicher Unternehmer die Frage: «Was ist meine Kernkompetenz?» Das Erfolgsrezept lag anschliessend darin, sich auf diese Kernkompetenz zu fokussieren. Im Zeichen der Digitalisierung muss

die Frage anders gestellt werden: «Ist meine Kernkompetenz künftig noch gefragt?» Daraus ergibt sich die wegweisende Schlüsselfrage: «Welche Kernkompetenz(en) muss ich mir aneignen, um in den kommenden Jahren erfolgreich zu sein?»Interview: CR