Publiziert am: Freitag, 20. Oktober 2017

Moral oder Rendite – was zählt nun?

POLITIK UND ETHIK — Immer häufiger werden «ethische» Finanzanlagen angeboten. Die Nachfrage scheint vor allem politisch-ideologisch motiviert zu sein. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Was ist eine «ethische» Finanzanlage – und wer entscheidet darüber?

«Es ist wie im Labyrinth», sagt Walter Eggimann, unabhängiger Vermögens­verwalter und selbst Anbieter «ethischer» Anlagen. «Man meint, man sei auf dem richtigen Weg – und schon entpuppt er sich als Sackgasse.» Die erste Schwierigkeit stellt sich gleich zu Beginn ein: Was ist eine «ethische Anlage»? Eine Definition gibt es nicht.

 

Eine Frage der Ansicht

Für die einen sind Aktienkäufe von Rüstungsunternehmen okay. Denn Waffen braucht man ja etwa, um 
sich vor Terroristen zu schützen. Für andere hingegen sind Waffen ein Werkzeug zum alleinigen Zweck des Mordens; Aktien von Rüstungs­produzenten gehören nach dieser Logik aus jedem Portfolio gestrichen.

«IST ‹ETHISCHES 
ROSINENPICKEN› 
tatsächlich ETHISCH?»

Ähnliches bei Lebensmittelkontrakten: Für die einen stillen sie Hunger und erhöhen die Produktivität der Landwirtschaft. Sind also ethisch gut. Für die anderen gilt die Devise, man solle nicht mit Lebensmitteln handeln. Folgt man dieser Logik, ist jeder Kontrakthandel schlecht.

Es wird schwieriger

«Fragen rund um Waffen oder Lebensmittel sind vergleichsweise einfach zu klären», stellt Eggimann fest und fährt fort: «Viel schwieriger wird es, wenn es nicht um Aktien und Futures geht.» Darf man einem Staat, der Schulden macht, Geld ausleihen? Darf man eine Obligation der USA unter Präsident Trump kaufen? 
Sollte man alle Immobilien in einer Stadt verkaufen, weil dort Obdachlose nicht von einem sozialen Netz profitieren? «Die Knacknuss ist 
nicht nur, welches die Kriterien für ‹Ethik› sind, sondern vor allem: Auf welchen Anlageklassen setzt man 
sie um?»

Eggimann spricht die offensichtliche Scheinheiligkeit an, sich einerseits einer «ethischen Strenge» im Kauf von Aktien zu verpflichten, aber alle Augen zuzudrücken, wenn es um 
Staaten und Gemeinwesen oder um Obligationen geht. «Ethisches Rosinenpicken» ist ja keine wirklich ethische Haltung.

Es wird anders

Doch das ist nicht alles, was sich ändert. Wer sich den «ethischen» Anlagen verschrieben hat, muss sich auch vom passiven Management 
verabschieden. Passiv nennt man 
ein Portfolio, das möglichst wenige Transaktionen tätigt. Man kauft ein Bündel von Wertpapieren und richtet sich langfristig aus. Der Vorteil daran: Passive Portfolios haben üblicherweise weniger Risiken und sind kostengünstiger.

Mit «ethischen Anlagen» ist das nicht möglich. Denn jedes Mal, wenn eine Anlage die Kriterien der Ethik verletzt, muss sie sofort verkauft werden. Damit keine Lücken entstehen, müssen neue gekauft werden. Weil die ethische Überprüfung eine Daueraufgabe ist, erhöht sich das Transaktionenvolumen. Die Überprüfung und die Transaktionen machen «ethisches» Anlegen teuer.

Es wird politisch

Und hier wird die Sache politisch: Wenn einzelne Menschen oder Firmen entlang ihrer eigenen ethischen Vorstellungen investieren und die Kosten dafür selber tragen wollen, 
ist das ihre Sache. Problematisch wird es, wenn Ideologen verlan
gen, dass dies alle tun sollen. «Derzeit wird vor allem bei Pensions
kassen massiv Druck ausgeübt», weiss Eggimann. «Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen 
organisieren Audits. Sie stellen 
jene PKs an den Pranger, die nicht ihren ethischen Vorstellungen entsprechen.»

Dabei interessiert es die politischen «Druckmacher» weniger, was effektiv umgesetzt wird. Mit der Politisierung der Altersvorsorge versuchen diese Gruppen in erster Linie, ihre eigene politische Macht zu 
vergrössern. Sie greifen bewusst zur Moral­keule, um Pensionskassen in die Knie zu zwingen. Ob aktuelle und künftige Rentnerinnen und Rentner weniger Geld erhalten, scheint nebensächlich zu sein.

Banken spielen wacker mit

Und die Banken? «Sie spielen 
das Spiel ja mit», sagt Eggimann. «Schliesslich scheuen sie Kritik 
wie der Teufel das Weihwasser. 
Aber Vorsicht: Nicht alles dabei ist schlecht. Es gibt sehr gute ‹ethische› Anlagen. Doch der Entscheid, was eine solche ist und wie viel man bereit ist, dafür zu bezahlen, muss individuell erfolgen.» Klar scheint: Wenn die Ethik politisiert wird, hört sie auf, Ethik zu sein.

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv