Publiziert am: 02.06.2017

Nicht zu unterschätzender Partner

SCHWEIZ–POLEN – Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern entwickeln sich dynamisch. Polen ist die wichtigste Exportdestination der Schweiz in Zentraleuropa.

Um Polen ist es still geworden. Seitdem die konservative Partei die Regierung stellt, drängen meist negative Nachrichten über die Politik an die Öffentlichkeit. Fokussiert man aber auf das Wirtschaftliche, entsteht ein anderer Eindruck.

Im Jahr 2015 ist die polnische Wirtschaft um 3,9 Prozent gewachsen. 2016 waren es 3 Prozent plus. Für das Jahr 2017 werden 3,6 Prozent erwartet. Im Übrigen: Polen ist die einzige Wirtschaft der EU, die in den letzten zehn Jahren keine Krise durchgemacht hat. Weder im technischen noch im gefühlten Sinn.

Zu schön, um wahr zu sein?

Skeptiker werden einwerfen, die polnische Wirtschaft lebe von den EU-Transferzahlungen. Falsch ist das nicht. Ja, die polnische Politik rühmt sich, der beste Subventionsjäger in der EU zu sein. Dann kommt schnell die Selbstrechtfertigung. Die polnischen Politiker sagen, das Geld werde in Polen am liberalsten eingesetzt.

Auch das ist nicht ganz falsch. Denn in der EU – d.h. für EU-Verhältnisse – glänzt Polen durch eine liberale Wirtschaftspolitik. Der Arbeitsmarkt ist flexibel, Gesamtarbeitsverträge gibt es fast nicht, Normalarbeitsverträge nur im äussersten Ausnahmefall. Das Preisgefüge der grossen Mehrheit der Güter wird von Angebot und Nachfrage bestimmt und nur selten staatlich administriert. Und Polen gehört sogar zur kleinen Gruppe der EU Länder mit finanzpolitischer Disziplin.

Trend zum Populismus?

Sicher: Mit der konservativen Regierung sind populistische Eingriffe üblicher geworden. In einzelnen Branchen wie im Detailhandel werden ausländische Anbieter schlechter gestellt. Und auch in der Industrie macht sich ein «Polen zuerst» breit. So besorgniserregend das ist, es ist immer noch nichts im Vergleich zur massiven Industriepolitik, wie sie Deutschland pflegt, oder Ausländerdiskriminierung, wie Frankreich sie propagiert.

Immerhin wachsen polnische Importe um über 7 Prozent pro Jahr. Das ist auch logisch. Denn der Bevölkerung geht es immer besser. Die Mittelschicht expandiert, Ersparnisse – Vermögen also – nehmen zu, und auch der private Konsum wird gesteigert. Im Jahr 2017 wird erwartet, dass die Polen um 4 Prozent mehr konsumieren als im Jahr zuvor. Und schon 2016 steigerten sie den Wert der Einkäufe um 3,7 Prozent im Vergleich zu 2015.

Und die Schweiz?

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Polen und der Schweiz entwickeln sich dynamisch. Polen ist die wichtigste Exportdestination der Schweiz in Zentraleuropa. Mit einem aggregierten Handelsvolumen von 3,8 Milliarden Franken (2015) liegt Polen als Handelspartner der Schweiz vor Russland, Indien oder Brasilien. Die schweizerischen Direktinvestitionen in Polen betrugen per Ende 2014 sechs Milliarden Franken, was Polen zum drittgrössten Empfänger von schweizerischem Kapital in Zentral- und Osteuropa macht.

«DIE POLNISCHE MITTELSCHICHT WÄCHST 
IMMER STÄRKER.»

Polen ist für Schweizer Firmen besonders interessant in den Branchen Bau, Umwelttechnik, Energiegewinnung, Biotechnologie und Informatik. Schweizer Firmen investieren in Polen wiederum oft in den Bereichen Chemie, Bau, Dienstleistungen und Unterstützungsaufgaben.

Seit dem Jahr 2003 besteht bei der Schweizer Botschaft in Warschau ein «Swiss Business Hub». Polen gehört im Internationalen Währungsfonds (IWF) und bei der Weltbank zur gleichen Ländergruppe wie die Schweiz.

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv

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