Publiziert am: Freitag, 6. Februar 2015

Noch härterer Konkurrenzkampf

AGVS-GARAGENTAG –Der Auto Gewerbe Verband Schweiz will die Veränderung der Mobilität als Chance packen: Die Energieeffizienz und die Digitalisierung sollen neues Potenzial eröffnen.

Nur wenige Branchen sind permanent einem Innovations- und Legitimationsdruck ausgesetzt: Die Mobilitätsbranche betrifft dies ganz besonders. «Wir alle engagieren uns täglich an mehreren Fronten: gegen die Erosion bei den Margen, gegen marktverzerrende Parallelimporte, gegen die Verlängerung der Prüfungsintervalle und für höhere Marktanteile in einem gesättigten Markt», betonte Urs Wernli, Zentralpräsident des AGVS Schweiz, anlässlich der neunten AGVS-Tagung im Wankdorf-Center Bern. Gemäss Branchenprognose würden die Verkaufszahlen sowohl bei Neuwagen als auch bei Occasionen in den nächsten Jahren nicht mehr steigern, sondern stagnieren oder leicht ruckläufig sein. «Das bedeutet, dass der Konkurrenzkampf künftig noch stärker wird. Marktanteile können nur noch in einem Verdrängungswettbewerb gewonnen werden», so Wernli. Bezüglich härterer Wettbewerbsbedingungen erwähnte der Zentralpräsident auch die aktuelle Situation mit dem starken Franken. «Der Entscheid der Nationalbank, den Euro nicht mehr zu stützen, war zwar absehbar, der Zeitpunkt hat die meisten von uns aber trotzdem überrascht», so Wernli. Morten Hannesbo, CEO der AMAG, warnte davor, jetzt freiwillig die Preise zu senken. «Wichtig ist für die Autobranche, dass wir uns überlegen, auf welchem Niveau sich die Preise einpendeln sollen, und kritisch mit unseren Kosten umgehen.» Trotz alledem müsse das Wachstum – fokussiert auf Nutzfahrzeuge und Carrosserie – das Ziel der Branche bleiben.

«Marktanteile GEwinnen wir nur noch im Verdrängungswettbewerb.»

Als Branchen- und Berufsverband sei es gemäss Wernli die Aufgabe des AGVS, seine Mitglieder zu einem möglichst frühen Zeitpunkt auf die Veränderungen hinzuweisen und ihnen eine Perspektive aufzuzeigen. Zu den Verbandsaufgaben gehöre auch auf politischer Ebene gegen mobilitätsfeindliche Vorlagen wie beispielsweise die Verlängerung der MFK-Intervalle, die Milch-Kuh-Initiative oder die neue Mediensteuer der Billag zu intervenieren. Letztere würde gerade für Garagebetriebe ungerecht hoch ausfallen, führte Wernli aus.

2015 ein entscheidendes Jahr

2015 erachtet Wernli als entscheidendes Jahr für das Schweizer Gewerbe wie auch für die Mobilitätsbranche. Das politische Gewicht der Branche müsse markant gesteigert werden, stellte er bezüglich der Wahlen im Herbst fest. Dies könne der Verband jedoch nicht alleine machen, es brauche jedes Mitglied dazu. Wegweisend für die Zukunft der Mobilitätsbranche ist auch das Tagungsthema Digitalisierung. Sie führt dazu, dass Fahrzeuge laufend umweltschonender, intelligenter und sicherer werden. «Die gesamte Automobilindustrie wird sich in den nächsten zehn Jahren nachhaltiger verändern als in den vergangenen 50 Jahren zusammen», sagte Zukunftsforscher Lars Thomsen. Parallel dazu beeinflusse die Digitalisierung das Verhalten der Kunden. Auch darauf hätten die Garagisten zu reagieren – mit einer zusätzlichen Steigerung der Beratungskompetenz.

Attraktivere Berufslehre

Dieser umfassende Wandel hat auch Auswirkungen auf die Aus- und Weiterbildung und damit auf die Rekrutierung des Nachwuchses. Dazu Dr. Christof Nägele von der Fachhochschule Nordwestschweiz an der Tagung: «Die Berufswahl geschieht immer noch im analogen Bereich. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Eltern sowie die Möglichkeit einer Schnupperlehre oder eines Praktikums. Die angehenden Lernenden benutzen jedoch häufig das Internet als Informationsquelle.» Das Autogewerbe stehe auch hier in einem zunehmend härter geführten Wettbewerb um junge Berufsleute. Diesen Nachwuchs sicherzustellen sei eine der Hauptaufgaben des Branchenverbandes. Die zu diesem Thema zusammengestellte Talk-Runde, an der auch Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler teilnahm, war sich einig, dass zur Entspannung der Nachwuchsproblematik die Attraktivität der Berufslehre weiter gesteigert werden muss. Dazu Bigler: «Vor der Tatsache, dass ein Drittel aller Schulabgänger das Gymnasium besucht, sowie im Hinblick auf die demographische Entwicklung führen wir einen Kampf um Talente.» Hinzu komme noch, dass Eltern oft von ihrem Sozialprestige getrieben seien und das Berufsbildungssystem mit der Passerelle und der vielfältigen Karrieremöglichkeiten zu wenig kennen würden. «Hier ist dringend Aufklärungsarbeit nötig», forderte Bigler. Er sieht zudem auf den sozialen Plattformen noch Potenzial, um den Nachwuchs für eine Lehre entsprechend zu sensibilisieren: «Die Branchen sind auf den sozialen Medien noch zu wenig bis gar nicht aktiv präsent. In diesem Bereich – gerade im Zusammenhang mit der Berufsbildung – haben die Verbände noch Nachholbedarf.»

Corinne Remund

ZAHLEN & FAKTEN

4000 Garagen sind Mitglied im AGVS

Das Schweizer Autogewerbe umfasst 5200 Garagen. Davon sind rund 4000 Garagen mit rund 39 000 Mitarbeitenden im 
AGVS organisiert.

Jeder 8. Arbeitsplatz in der Schweiz hängt direkt oder indirekt vom Auto ab.

In der Schweiz ist die Strasse der wichtigste Verkehrsträger. Die Schweizerinnen und Schweizer fahren pro Jahr total 102 Milliarden Kilometer auf Strassen.

Die Schweizer Autobranche umfasst insgesamt etwas über 15 000 Betriebe und beschäftigt insgesamt 84 000 Mitarbeitende mit einem gesamten Umsatz in Höhe von 90 Milliarden Franken.