Publiziert am: Freitag, 4. November 2016

«Noch Potenzial für KMU»

Patrick Warnking und Daniel Küng – Die CEOs von Google Schweiz respektive von S-GE sehen die Digitalisierung als Chance für KMU – gerade beim Erschliessen von neuen Exportmärkten.

Schweizerische Gewerbezeitung: Wo steht die Schweiz in Sachen Digitalisierung heute?

Patrick Warnking: Die Schweiz steht beim Thema Innovation international an der Spitze. In Sachen Digitalisierung gibt es jedoch noch Potenzial. Dies sowohl in der Schweiz als auch international vor allem im Bereich E-Commerce. Zudem müssen unsere KMU die Verfügbarkeit und Optimierung von mobilen Webseiten, das Know-how rund ums Thema Digital und der Einsatz von Videos noch gezielter angehen. Optimierungen gibt es zudem auch noch im Bereich Start-ups und vorhandenes Risikokapital für Start-ups.

Wie vereinfacht die Digitalisierung für KMU den Einstieg in den Exportmarkt?

Daniel Küng: Ein Markt lässt sich besser durch die Analyse digitaler Daten verstehen. Marketing und Verkauf lassen sich mit Online-Werbung und E-Commerce zielgerichteter betreiben. Insbesondere bei fernen Märkten bieten digitale Tools einen Mehrwert, da sie weniger einfach zugänglich sind. Ein Markteintritt bleibt jedoch ein kompliziertes Vorhaben, es braucht eine Gesamtstrategie.

«Ein Markt lässt sich besser durch die 
Analyse digitaler 
Daten verstehen.»

Was muss ein KMU tun, um digital gut aufgestellt zu sein?

Patrick Warnking: Die Digitalisierung ist ein Muss auf der Agenda jeder Geschäftsleitung: Erstens sollte der Mehrwert mit Kunden via Digitalisierung konzeptionell neu definiert werden – mit Kennzahlen für Neukunden und Bestandskunden. Zweitens sollte eine Fortbildungsoffensive im Bereich Digital für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lanciert werden. Drittens sollten Digitale Plattformen sehr gut aufgestellt werden, und zwar mit folgenden Prioritäten: Reichweite über Digital, Nutzerfreundlichkeit von mobilen Webseiten und relevante Videoinhalte.

«Die Digitalisierung ist ein Muss auf der Agenda jeder Geschäftsleitung.»

Switzerland Global Enterprise (S-GE) und Google bieten zusammen seit rund einem Jahr die Plattform Export Digital an, um Unternehmen mit Hilfe des Internets neue Absatzmärkte aufzuzeigen. Welche Bilanz können Sie ziehen?

Daniel Küng: Mit Export Digital haben wir KMU ein wirklich praktisches Tool in die Hand gegeben. Wir haben gemeinsam mit Google zudem eine Veranstaltungsreihe organisiert und haben Workshops in allen Landesteilen gehalten. Und nicht zuletzt: Export Digital hilft uns, immer mehr KMU aufmerksam zu machen auf ihre digitalen Optionen.

Patrick Warnking: Wir erhalten gutes Feedback zum Mehrwert der Plattform – erstens um als Betrieb die Nachfrage und das Potenzial für Neukunden prüfen zu können, und zweitens zu den Fortbildungsangeboten im Bereich Digital. Beides ist relevant und kommt sehr gut an.

Wo liegt die grosse digitale Herausforderung für KMU im Exportmarkt?

Daniel Küng: Digitale Tools dürfen kein Selbstzweck sein. Insbesondere im Export kommt es letztlich auf eine Strategie und ein Geschäftsmodell an, das neue Technologien sinnvoll einbezieht und abgestimmt ist auf jeden einzelnen Markt. Das fordert viel gute Vorbereitung – eine Herausforderung in Zeiten hohen Margendrucks.

An der Schnittstelle zwischen KMU und Kunde scheint derzeit der grösste digitale Nachholbedarf zu sein. Was können Schweizer KMU hier vom Börsengigant Google erwarten?

Patrick Warnking: Wir zeigen mit aggregierten und anonymisierten Daten, wo und wie sich Nachfrage für ein Produkt oder eine Dienstleistung entwickelt. Wir stellen damit sehr relevante Tools für KMU kostenlos zur Verfügung. Zweitens bieten wir passende Fortbildungen kostenlos an. Drittens können KMU Google AdWords und YouTube sehr zielgenau steuern. KMU können mit kleinen Investitionen starten und jederzeit den Erfolg messen, optimieren sowie skalieren. Dafür gibt es kostenlose Beratung am Telefon. Wir sind gemeinsam mit den KMU erfolgreich, wenn die Werbung via Google zusätzliches Geschäft bringt.

Die Wettbewerbssituation der Exportindustrie hat sich drastisch verschärft. Kann hier auch das «Allerheilmittel» Digitalisierung helfen?

Daniel Küng: Die digitale Transformation ist eine Chance für KMU, weil sie es ihnen leichter macht, neue Exportmärkte zu erschliessen, Währungs- und Konjunkturrisiken auszugleichen und sich so wettbewerbsfähiger aufzustellen. Doch ich wiederhole: Online-Aktivitäten müssen immer Teil einer Gesamtstrategie sein.

«Mit Export Digital haben wir KMU ein wirklich praktisches Tool in die Hand 
gegeben.»

Wenn wir 20 Jahre vorausblicken: Was wird Ihrer Meinung nach komplett anders sein als heute?

Patrick Warnking: Informationen für Kaufentscheidungen von Kunden werden in Zukunft noch viel stärker als heute via Smartphone und Video bezogen. KMU werden viel interaktiver via Digital mit neuen und bestehenden Kunden kommunizieren. Der persönliche Kontakt zwischen KMU und ihren Kunden bleibt aber trotzdem wichtig. KMU werden Cloud Software nutzen, Daten in der Cloud sichern und maschinelles Lernen nutzen.

Daniel Küng: KMU werden in Wertschöpfungsnetzwerken grenzüberschreitend gemeinsam Projekte managen. Sie werden international noch aktiver sein, und dies in noch mehr Ländern als bereits heute schon. Denn über digitale Wege können sie ihre Nischenkompetenz überall in der Welt optimal einbringen. Die Digitalisierung ist ein Geschenk für uns im Land der Hidden Champions.

Interview: Corinne Remund

ZU DEN PERSONEN

Daniel Küng leitet seit 2004 
als CEO die Geschicke von 
Switzerland Global Enterprise 
(S-GE, ehemals Osec). Nach Ab-
schluss seines Studiums an der HSG 
St. Gallen war Küng ab 1980 für zwei Jahre bei der Mercedes-Benz do 
Brasil in São Paulo tätig. 1982 
gründete und führte er Beratungs­gesellschaften in Brasilien und 
Portugal, spezialisiert auf grenz­überschreitendes Geschäft und 
Unternehmensansiedlungen aus 
dem Ausland. Küng engagierte sich in diversen Handelskammerorgani­sationen und präsidierte die Portu­giesisch-Schweizerische Handels­kammer.

Seit 2011 ist Patrick Warnking Country Director Google Schweiz. Von 2007 bis 2010 hat er mehrere Teams für Medien, Games, Entertainment und Classified bei Google in Deutschland geleitet. Vor Google hat er zehn Jahre den Aufbau von Digital bei der KirchGruppe und bei ProSiebenSat1 Media AG begleitet – zuletzt als Commercial Director für Digital. Stationen der Ausbildung waren Bankkaufmann, Diplom-Kaufmann, Internationales MBA in Berlin, Mailand, New York und Stanford Executive Program. Im Rahmen von Ausbildung und Jobs hat Patrick Warnking in Deutschland, USA, Italien und der Schweiz gelebt. CR