Publiziert am: 16.09.2016

Ohne Bodenhaftung wächst das Risiko

Tribüne

«Diesseits der Blüemlisalp»: So heisst das neue Buch des Schweizer Volksschriftstellers Albert Fischer. Darin schildert der in Olten wohnende Autor das Leben von Immigranten und Migranten in der Schweiz, wie sie es lernen, sich gegen Sturheit, Bigotterie und Heuchelei durchzusetzen. Sein Einwandererroman im Münster-Verlag, Basel, könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Die Welt des Schweizer Mittellandes, das immer für kulturelle und wirtschaftliche Strömungen aus ganz Europa offen war, entfaltet sich in der Geschichte einer Familie, die im sozialen Kampf ihre Verwirklichung erlebt.

Wie Fischer den Aufstieg eines erfolgreichen Gewerbebetriebes beschreibt, der dann doch von einem grösseren Unternehmen geschluckt wird, entbehrt nicht des Realismus. Fischer weiss, wovon er schreibt, war er doch lange Mitglied des oberen Kaders eines Schweizer Traditionsunternehmens, das dann an eine amerikanische Firma verkauft wurde.

Die von der Umdrehungsgeschwindigkeit der Globalisierung ausgelöste Verunsicherung weiter Teile des Schweizer Gewerbes, darunter auch mittelgrosse Firmen, die um ihre Zukunft kämpfen, hat den beschleunigten Verkauf vieler Unternehmen zur Folge. Wer die Füsse nicht auf dem Boden behält, den alles entscheidenden Kontakt zum Kunden nicht pflegt und ohnehin leicht die Übersicht verliert, gerät heute rascher noch als früher in den Strudel nicht des Untergangs, sondern des, oft brutalen, Übergangs.

«Diesseits der Blüemlisalp», denn jenseits liegen Italien und andere Süd- und Südoststaaten Europas, war die Welt der älteren Generation noch lange in Ordnung. Diese Zeit ist vorbei und nur wenige haben die Ausbildung in Lausanne an der Nestlé-Hochschule IMD oder der Uni St. Gallen erfahren, um die drohende Gefahr ernst zu nehmen. Der Glaube an die eigene Leistung, die typisch schweizerischen Fähigkeiten Fleiss und Präzision, verdunkelte den Blick auf die Wirklichkeit.

In der Folge fühlen sich immer mehr Menschen überfordert. Die Inhaber kleiner Firmen, Bäcker, Wirte, Hoteliers, Metzger, Coiffeure, «chrampfen» Tag und Nacht, um die Rentabilität ihrer Firmen zu erhalten. Sie vernachlässigen die Investitionen und haben dennoch zu wenig Cash in der Kasse, um den richtigen Eigenlohn zu beziehen. Die Folge sind Trennungen, Scheidungen, zwischenmenschliche und familiäre Katastrophen.

Albert Fischer, der lange auch in Paris lebte, hat einen «Roman zur Freiheit» geschrieben, der an ein Leben in Harmonie erinnert. Jede Form von Radikalität, von Rassismus, von einseitigen Herrschaftsansprüchen an das bunt gewordene Schweizer Volk lehnt er ab. Er sieht die Gefahr, die dem Volk droht. Die Schweiz, das Land, wo Milch und Honig fliessen, erstarrt aus Angst vor dem Fremden.

Es gibt auch Chancen: Jene natürliche Kreativität, Neugier und Fleiss, wie sie in jedem Menschen vorhanden sind, werden durch das duale Bildungssystem begünstigt. Wo in Ita­lien, Spanien oder den USA mangels eines solchen Systems die Zahl der Arbeitslosen gross ist, werden bei uns die Menschen integriert. Es ist sehr schweizerisch, nicht zuerst auf das Geld zu schauen, sondern auf das Werk, nicht zuerst die Karriere zu sehen, sondern die Aufgabe.

Diese natürliche Kreativität, oft aus 
Sorge um die Zukunft ausgelöst, erleben wir in den Schweizer Bergtälern. Dort kämpfen Gemeinden unter 1000 Einwohnern um das Überleben. Sie zahlen den Ärzten einen Teil des Salärs aus der Gemeindekasse, damit sie bleiben. Sie betreiben auf der Walliser Moosalp auf 2000 Metern ein 14-
Punkte-Spitzenrestaurant mit erschwinglichen Preisen. Wo der Schnee ausbleibt, locken sie Kunst und Künstler aus aller Welt auf die entfernten Wiesen, wo 500 Meter höher schon der Wolf durch den Tannenwald schleicht.

Während die Wissenschaftler von Universität zu Universität, von Kontinent zu Kontinent wandern, wachsen bei uns Peter Spuhlers heran, die Züge bauen, oder Marcel Doblers, die eine IT-Handelsfirma mit Hunderten von Mitarbeitern aus dem Boden stampfen. Während Konzernchefs mit dem Auszug aus der Schweiz drohen, wenn die Steuern nicht sinken oder Subventionen abgeschafft werden, bleiben die KMU- und Gewerbechefs im Land. Das ist die Basis unserer föderalen Struktur, welche die Schweiz wie ein Netz zusammenhält. Es zerreisst, wird zerstört, aber immer wieder neu aufgebaut.

Es ist gut, dass Albert Fischer an diese Schweiz erinnert und sie in seinem Buch lebendig macht, könnte es sonst doch sein, dass wir sie angesichts aller Bedrohungen vergessen.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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