Publiziert am: Freitag, 23. März 2018

Ohne KMU wäre die Schweiz arm

WERT DER KMU – Mehr als 99 Prozent der Schweizer Unternehmen sind KMU. Sie stellen 70 Prozent aller Jobs und 87 Prozent aller Lehrstellen. Sie stellen mehr ältere Arbeitnehmer an als Grossunternehmen – und dennoch wird ihr Wert oft nicht anerkannt.

«Der Staat soll ja keine Statistiken führen. Was er zählt, reguliert er auch.» Sir John Cowperthwaite (1915–2006), der legendäre Finanzminister Hongkongs, war für seine direkte Art bekannt. In seiner gesamten Amtszeit hat er nie ein Budget für ein statistisches Amt bewilligt. Ganz generell hat er nur selten Staatsausgaben erlaubt.

Trotz Cowperthwaites Skepsis: Einige Statistiken sind dennoch erfreulich. Namentlich wenn sie aufzeigen, wie stark die KMU in der Schweiz sind.

KMU: bis 250 Beschäftigte

Es gibt in der Schweiz keine offi­zielle Definition des Begriffs KMU. Die meisten Schweizer Behörden legen ihrer Praxis ein einziges Kriterium zugrunde: die Zahl der Beschäftigten. Jedes marktwirtschaftliche Unternehmen wird unabhängig von seiner Rechtsform und seiner Tätigkeit als KMU angesehen, sofern dort weniger als 250 Personen, also zwischen 1 und 249 Angestellte beschäftigt sind. KMU machen über 99,2 Prozent aller Unternehmen aus. Mehr noch: Die Schweiz ist ein Land der Mikrounternehmen. Von den circa 578 000 Unternehmen machen jene Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden 92,4 Prozent aus. Die Kleinunternehmen – also die Firmen, die zwischen 10 und 49 Mitarbeitende beschäftigen – kommen auf 6,2 Prozent. Die mittleren Unternehmen mit zwischen 50 und 249 Mitarbeitenden machen dann noch 1,2 Prozent aus.

70 Prozent aller Jobs in KMU

Ein ähnliches Übergewicht der KMU zeigt sich bei der Anzahl der angebotenen Arbeitsplätze. Zusammen stellen sie genau 70 Prozent aller Jobs in der Schweiz. Interessanterweise gibt es zwischen dem Durchschnittsalter der Mitarbeitenden einen markanten Unterschied zwischen KMU und Grossunternehmen in der Schweiz. Im Allgemeinen gilt: je kleiner die Firma, desto höher das Durchschnittsalter der Angestellten.

Soziale Arbeitgeber

Während dieses Durschnittsalter bei den industriellen KMU um die 50 Jahre ist, beträgt es bei den industriellen Grossunternehmen 47 Jahre. Ein ähnliches Verhältnis herrscht bei den Dienstleistungen. Das mittlere Alter der Angestellten von KMU beträgt dort beinahe 50 Jahre und jenes der Grossunternehmen wieder 47. Statistisch gesehen, sind das signifikante Unterschiede. Dieses Verhältnis – und auch die Unterschiede – gelten im Übrigen sowohl für Mitarbeitende als auch für Führungskräfte.

87 Prozent der Lehrstellen

Ebenfalls sticht heraus, dass die KMU neben den 70 Prozent der Arbeitsplätze auch 87 Prozent der Lehrstellen stellen. Mikrounternehmen bieten 27 Prozent der Schweizer Lehrstellen an, Kleinunternehmen sogar 35 Prozent. Grossunternehmen fallen mit 13 Prozent der Lehrstellen eindeutig ab. Zum Vergleich: Noch vor circa 20 Jahren stellten sie etwa einen Drittel der Ausbildungsplätze.

In allen Branchen in der Mehrheit

Es überrascht wenig, dass KMU in allen Branchen in der Mehrheit sind. Während es im ersten Sektor fast nur KMU gibt, sind die KMU in den Dienstleistungen eindeutig überrepräsentiert. Im zweiten Sektor hingegen sind sie im Vergleich zur Schweizer Wirtschaftsstruktur tendenziell unterrepräsentiert, d. h., sie machen dort «nur» etwa 95 Prozent der Unternehmen aus.

Was aber vielen nicht geläufig sein mag: Auch was die Unternehmensrechtsformen betrifft, stellen KMU in der Schweiz die Mehrheit. 57 Prozent der KMU sind als Einzelunternehmen konstituiert. Und: Alle Einzelunternehmen sind KMU.

20 Prozent der KMU sind als Aktiengesellschaften organisiert. Quasi alle Aktiengesellschaften sind gleichzeitig auch KMU. Gleiches gilt für Gesellschaften mit beschränkter Haftung. 17 Prozent der KMU sind als GmbH aufgebaut; 99 Prozent aller GmbH im Land sind KMU.

Eher kleine Umsätze, aber…

Die Umsätze der KMU sind meist eher klein. Circa 76 Prozent der Unternehmen erwirtschaften einen Jahresumsatz, der geringer ist als 500 000 Franken. Etwa neun Prozent erzielen einen Jahresumsatz zwischen einer halben und einer Million Franken. Elf Prozent der Firmen erwirtschaften zwischen einer und fünf Millionen Franken pro Jahr. Die nächste Stufe, zwischen 5 und 20 Millionen Franken im Jahr, erreichen drei Prozent der Unternehmen. Weniger als ein Prozent aller Firmen kommen auf mehr als 20 Millionen Umsatz pro im Jahr.

…grosse Wertschöpfung

Mögen die einzelnen Jahresumsätze der KMU auch klein erscheinen: Alle KMU zusammen sind doch für über 60 Prozent der Wertschöpfung der Schweizer Wirtschaft verantwortlich. Interessantes Detail: Auch im internationalen Vergleich ist eine KMU-dominierte Wirtschaft nichts Ausser­ordentliches. In den meisten Ländern – ob EU, USA, Südkorea oder Japan – ist dies der Fall. Doch im Unterschied zu diesen Ländern machen in der Schweizer Wirtschaft die KMU mehr als die Hälfte der wirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Zum Vergleich: Üblicherweise beträgt die KMU-Wertschöpfung in anderen Ländern zwischen 30 und 50 Prozent des Totals.

Der Wert der KMU

Wenn also gesagt wird, die Schweiz sei ein Land der KMU, dann geht es nicht nur um die schiere Masse der Unternehmen. Es geht vor allem um ihre vielfältigen Funktionen in der Schweizer Wirtschaft. KMU schöpfen viel Wert, sie bilden aus und sorgen für einen Arbeitsmarkt, der auch ältere Arbeitnehmende beschäftigt.

Der Wert der KMU wird im internationalen Vergleich noch offensichtlicher. In der Schweiz sind es die KMU, die einen Teil des Ausbildungssystems tragen. Das ist mit Ausnahme weniger europäischer Länder nirgendwo sonst der Fall. Die KMU in der Schweiz schaffen mehr Umsätze und sind auch viel internationaler als anderswo. Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihren Platz in der internationalen Wertschöpfungskette – dieser Platz wird auch von KMU behauptet.

Und die Anerkennung?

Doch in der Schweizer Politik wird dieser Wert selten anerkannt, geschweige denn gewürdigt. Auch das wusste schon Cowperthwaite: «Unternehmen, insbesondere die kleinen, entwickeln sich nicht wegen oder mit der Politik. Sie bestehen im Markt und trotzen jeglicher politischer Einmischung. Geben wir zu: Es hat noch nie eine Wirtschaftspolitik gegeben, die den unternehmerisch Denkenden und Handelnden je geholfen hat.» Auf das Hier und Heute übertragen, bedeutet dies: KMU schaffen Werte – trotz der Politik.

Henrique Schneider, Stv. Direktor sgv