Publiziert am: 03.10.2014

Pechsträhne – aber wer zahlt nun?

VERSICHERUNGSBERATER – Zur Abgrenzung Berufs- und Nichtberufsunfall in der obligatorischen Unfallversicherung.

P. St. aus M.: Unser graphisches Unternehmen hat zurzeit eine unfallmässige Pechsträhne: Wir haben einen neu gebauten Firmensitz bezogen. Auf dem Arbeitsweg verunfallte eine Mitarbeiterin, als sie auf der Zufahrtsstrasse zum Betrieb von einem Bus touchiert wurde. Wenige Tage später stolperte ein Mitarbeiter in der Dämmerung über einen Gegenstand und erlitt einen Beinbruch. Als gros­ser Basketball-Fan hat er, wie oft schon, mit seinen Arbeitskollegen nach der Arbeit trainiert: auf dem Spielfeld mit zwei Körben, welches wir beim Hintereingang des Unternehmens bauen liessen. Sind diese Unfälle nun Berufs- oder Nichtberufsunfälle – und was sind die Auswirkungen?

Sehr geehrte Frau St.: In der Tat geht es bei den von Ihnen geschilderten Unfällen um die Abgrenzung zwischen Berufs- und Nichtberufsunfall. Als Berufsunfälle gelten Unfälle, die dem Versicherten während der Arbeitspausen zustossen sowie vor und nach der Arbeit, sofern er sich befugterweise auf der Arbeitsstätte oder im Bereich der mit seiner beruflichen Tätigkeit zusammenhängenden Gefahren aufhält. Zudem muss gemäss Art. 7 Unfallversicherungsgesetz (UVG) ein sachlicher Zusammenhang zwischen dem Aufenthalt und der beruflichen Tätigkeit bestehen. Falls eine Umzäunung besteht, ist der Unfall innerhalb dieses Areals grundsätzlich als Berufsunfall zu qualifizieren. Zufahrtsstrassen und Zufahrtswege, die auch dem öffentlichen Verkehr zugänglich sind, zählen hingegen nicht mehr zur Arbeitsstätte. Beim Unfall Ihrer Mitarbeiterin handelt es sich deshalb um einen Nichtbetriebsunfall.

Unfälle vor oder nach der Arbeit und während der Pausen

Der Basketballspieler übt zwar eine Freitzeitbeschäftigung aus. Als Berufsunfälle gelten aber Unfälle während der Arbeitspausen sowie vor und nach der Arbeit, wenn die Person sich befugterweise auf der Arbeitsstätte aufhält. Wenn der Versicherte verunfallt, während er an der Arbeitsstätte isst, schläft oder sich allgemein erholt – beispielsweise mit Sport treiben –, dann handelt es sich um Berufsunfälle, sofern der Arbeitgeber diese Verrichtung erlaubt. Ihre Arbeitnehmer scheinen öfters auf dem Gelände des Unternehmens ihrem sportlichen Hobby nachzugehen – dafür sind auf dem neuen Unternehmensareal auch spezielle Einrichtungen wie ein Basketballfeld mit Körben errichtet worden. Damit ist klar, dass Sie respektive das graphische Unternehmen als Arbeitgeber davon wussten und diese Freizeit-Betätigung tolerieren. Deshalb handelt es sich hier um einen Berufs­unfall.

Leistungskürzungen nur bei Nichtberufsunfällen

Der Unterschied zwischen Berufs- oder Nichtberufsunfall kann sich auf das Kürzungsrecht des Versicherers auswirken. Ob ein Unfall grobfahrlässig verursacht wurde oder ob es sich um ein Wagnis handelte, spielt bei ­einem Berufsunfall keine Rolle, weil hier keine Kürzung der Versicherungsleistungen erfolgt. Wenn sich das Ereignis bei einem Nichtberufsunfall aber in einer Art ereignet, die so nicht passieren darf, dann wird für den Taggeldanspruch wegen Grobfahrlässigkeit eine Leistungskürzung veranschlagt. In den beiden Unfällen Ihrer Mitarbeitenden sind aber zum Glück keine Anzeichen für eine Grobfahrlässigkeit zu erkennen, so dass volle Leistungen fliessen werden.

Laszlo Scheda