Publiziert am: 03.04.2020

«Persönlicher Kontakt fehlt»

DIGITALER UNTERRICHT – Die Berufsschulen mussten in Zeiten von Corona umstellen. Im Grossen und Ganzen gelingt dies gut. Fragezeichen gibt es vor allem bezüglich Prüfungen. Und: Lernschwache Schüler leiden derzeit am meisten.

«In dieser ausserordentlichen Situation kümmern wir uns als Erstes um die Menschen, da sonst kein Lernerfolg möglich ist», sagt Ernst Meier, Rektor des Bildungszentrums Interlaken. Bau/Elektro, Gastronomie, Gesundheit, Holz, Technik und Wirtschaft: In diesen Bereichen werden die jungen Berufsleute an der Berufsschule im Berner Oberland ausgebildet. Aufgrund der Coronakrise zurzeit ausschliesslich digital. «Dies in kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ist trotz der überberuflichen und interdisziplinären Zusammenarbeit der Berufsfachschulen im Kanton Bern eine Herausforderung», sagt Meier, der trotz allem optimistisch ist. «Es ist mir wichtig, dass wir als Schule unsere Dienstleistung aufrechterhalten und damit helfen können, das System zu stabilisieren.»

Chancengleichheit bereitet Schwierigkeiten

Optimismus ist auch wichtig, denn einfach ist die Situation nicht. Auch wenn viel von Digitalisierung und den unbegrenzten Möglichkeiten gesprochen wird, braucht es eine gewisse Anpassungszeit. Die gab es in der aktuellen Ausnahmesituation nicht. «Lehrpersonen und Lernende sind verunsichert durch die Lage», sagt Meier. Je nach Branche stünden auch nicht alle Lernenden zur Verfügung, da sie in ihren Betrieben arbeiten müssten. Überhaupt ortet Meier eines der grössten Probleme aktuell in der Chancengleichheit: «Zum Teil sind die Lernenden ungenügend ausgerüstet und können so nicht vollständig am Unterricht teilnehmen.» Weiter seien Sprachdefizite ein grosses Hindernis. «Die Chancengleichheit ist so nur beschränkt gewährleistet.»

Unterrichtet werde aktuell mehrheitlich via Office 365, vor allem Microsoft Teams werde oft genutzt. Auch E-Mail und Skype oder Whats­App komme zum Einsatz. Zudem gebe es branchenspezifische E-Lerninstrumente.

Alle Prüfungen ausgesetzt

Nach eigener Aussage gut vorbereitet war das Berufsbildungszentrum Goldau. Rektor Rolf Künzle sieht es pragmatisch: «Die Digitalisierung erlebt einen enormen Aufschwung. Es gibt keine Diskussionen, ob es nötig ist oder nicht.» Aber auch in Goldau sieht man lernschwächere Lernende in der aktuellen Situation im Nachteil. «Der persönliche Kontakt fehlt, darunter leiden schwächere Lernende mehr.» Die Selbstdisziplin werde wichtiger und auch gefördert. Dafür ist in Goldau das Internet am Anschlag, und auf Prüfungen müsse derzeit komplett verzichtet werden. «Es kann nicht überprüft werden, wer die Fragen beantwortet.»

Gefragt nach rein digitalen Abschlussprüfungen, ist man auch in Interlaken skeptisch. Rektor Ernst Meier: «Die Lernenden sind sich die neuen Lerninstrumente zu wenig gewöhnt und verfügen zum Teil nicht über die erforderliche Ausrüstung. Ich denke nicht, dass man valide die richtigen Kompetenzen überprüfen kann.» Rolf Künzle sieht das Hauptproblem nicht in der digitalen Prüfung an sich, «sondern darin, wie überprüft werden soll, wer die Prüfungsfragen beantwortet».

Viele Lehrmittel nur analog

Die digitale Infrastruktur ist bei den Berufsschulen also mehrheitlich gegeben. Wenn Nachholbedarf besteht, dann eher auf Seiten einzelner Lernender, was die Hardware betrifft. Bis digitaler Unterricht aber zur Normalität wird – falls das überhaupt gewünscht ist – dürfte es dennoch eine Weile dauern. «Der Dialog zwischen Lernenden und Lehrperson können wir durch digitale Lehrmittel nicht vollständig ersetzen», sagt Ernst Meier. Der Unterricht auf Distanz sei zudem für beide Seiten umständlich, zeit- und kräfteraubend.

Die noch zu bewältigenden Probleme beim digitalen Unterricht seien nur bedingt auf die mangelnde Vorbereitungszeit zurückzuführen. Der digitale Wandel beschäftige die Berufsfachschulen schon seit einiger Zeit. «Wir wurden also nicht auf dem falschen Fuss erwischt», stellt Meier klar. Aber «ein bis maximal zwei Jahre» hätten der Ausbau der notwendigen Infrastruktur, die Schulung der Lehrpersonen sowie der Aufbau des Lernsettings dann doch noch benötigt. Am fehlenden Willen liege dies nicht. «Es richtet sich auch nach den finanziellen Möglichkeiten und den Richtlinien in Bezug auf Datensicherheit und Datenschutz.» Dringenden Aufholbedarf sieht Meier bei den Lehrmitteln der Berufskunde, die oftmals nur analog vorhanden seien. Gut möglich also, dass die Zeit der Verlage für digitale Lehrmittel nun endgültig gekommen ist.

Aktuell aber gibt es für alle Betroffenen sowieso keine Wahl. Meier: «Da zurzeit nur noch digital unterrichtet werden kann, müssen alle gleichzeitig und gemeinsam den Sprung ins kalte Wasser wagen.»

Adrian Uhlmann

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