Publiziert am: 15.05.2020

Plötzlich diese tiefen Gräben

BERUFSBILDUNG – In einer Krise zeigt sich, ob das Bildungssystem funktioniert – und in der Berufsbildung ganz speziell, ob die Verbundpartnerschaft zwischen Bund, Kantonen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern hält. Das tat sie auch schon besser.

Das duale Berufsbildungssystem ist ein wichtiger Schlüssel für den anhaltenden Erfolg der Schweizer Wirtschaft. Darüber sind sich die allermeisten «Player» einig. Umso wichtiger, dass das System auch in einer Krise, wie sie die Schweiz – und die Welt – derzeit durchlebt, Bestand hat. Momentan gerät diese Gewissheit jedoch ins Wanken.

So sollte es laufen …

Klar ist: Berufsbildung ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt, also der Sozialpartner, der Berufsverbände, anderer zuständiger Organisationen und anderer Anbieter der Berufsbildung. So will es das Berufsbildungsgesetz. Zur Verwirklichung dieser Ziele arbeiten einerseits Bund, Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt ­zusammen. Andererseits arbeiten auch die Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt je unter sich zusammen.

Mit Blick auf die Durchführung von Qualifikationsverfahren – also den Lehrabschlussprüfungen – besagt das Gesetz klipp und klar: Die Kantone sorgen für die Durchführung der Qualifikationsverfahren.

Diese Verfahren wiederum richten sich an den Zielen der massgebenden Bildungserlasse aus. Das bedeutet: Bewertet und gewichtet werden die mündlichen, schriftlichen und praktischen Teile der entsprechenden Ausbildung, dazu die Erfahrungsnoten der Lehrabgänger aus Schule und Praxis. Für die Durchführung der Abschlussprüfungen der beruflichen Grundbildung setzt die kantonale Behörde Prüfungsexpertinnen und -experten ein. Die zuständigen Organisationen der Arbeitswelt haben ein Vorschlagsrecht.

… und so läufts derzeit

«So weit, so gut, und in den letzten 15 Jahren geschah diesbezüglich auch nichts Aussergewöhnliches», erinnert sich die beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv für Bildungsfragen zuständige Expertin Christine Davatz. Die Maschine lief gut, die Mechanismen hatten sich bestens eingeschliffen.

Doch dann kam die Corona-Krise. Und damit eine grössere Krise im bisher so geschmiert laufenden ­Bildungssystem. Plötzlich taten sich tiefe Gräben auf. Kantonsvertreter – allen voran die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren (EDK) unter der behäbigen Präsidentin ­Silvia Steiner – verschärfen die ­Krise, indem sie sich ganz plötzlich weigern, den erfolgreichen Weg ­weiter zu beschreiten. Geleitet von Angst, wollen sie partout keine ­Prüfungen durchführen, weder bei den Gymnasien (Matura) noch bei den Lehrabschlussprüfungen. Die Berufsverbände ihrerseits wollen am gewohnten Erfolgsrezept festhalten – und der Bund steht dazwischen.

«Dank der guten Zusammenarbeit der Arbeitgeberseite mit ihren Mitgliedsorganisationen konnten übers erste Corona-Wochenende Lösungsvorschläge erarbeitet werden, damit trotz allem die Wirtschaft ihre Verantwortung in der Berufsbildung wahrnehmen kann», erinnert sich sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler. Es seien die OdA, welche die Inhalte sowohl der beruflichen Grundbildung als auch der Prüfungen bestimmten, ja bestimmen müssten, sagt Bigler. «Sie und nur sie kennen und vertreten den Arbeitsmarkt.» Die Verbundenheit der OdA mit dem Arbeitsmarkt sei «das zentrale Element unseres funktionierenden Berufsbildungssystems», so Bigler weiter. «Wenn nun – ausgerechnet in einer Zeit der Krise – die Kantone den Anspruch anmelden, ihre spezifischen Eigenheiten seien trotz allem zu berücksichtigen und sie seien verantwortlich für das Prüfungswesen, obwohl die Berufsbildung national geregelt ist und von den OdA nationale Lösungen gefordert werden, so zeigt dies vor allem eines auf: Derzeit spielt die Verbundpartnerschaft nicht zwischen gleichberechtigten und gleichwertigen Partnern.»

Gemeinsame Verantwortung

Für Bigler ebenso wie für Davatz ist klar: «Dass die Kantone für die Durchführung der Qualifikationsverfahren ‹sorgen›, bedeutet nicht, dass sie auch bestimmen können, ‹wie› dies getan werden soll.» Vielmehr solle der Begriff «sorgen für» die gemeinsame Verantwortung ausdrücken, die Staat und Wirtschaft für die Berufsbildung übernehmen. «Dies müsste gerade auch – und ganz besonders – in einer Krise gelten», stellt Bigler fest. «Die kantonalen Behördenvertreter pflegen ihre ‹Gärtli› derzeit fast schon übersorgfältig – und wehe, jemand versucht reinzutreten. Wenn aber der Begriff ‹Verbundpartnerschaft› so ausgelegt wird, dass der Staat – konkret: die EDK – sagt, wo’s langgeht, kommt immer einer unter die Räder. Und das sind nun einmal die OdA.»

Tatsache ist: In einer Situation wie der heutigen zeigt sich, ob das Bildungssystem zum Wohl der Allgemeinheit auch wirklich funktioniert. Ganz speziell in der Berufsbildung stellt sich in schwierigen Zeiten heraus, ob die Verbundpartnerschaft zwischen Bund, Kantonen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern tatsächlich hält. Die Verantwortlichen auf allen staatlichen Ebenen tun gut daran, sich an diese Fakten zu erinnern – in der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten umso mehr.

Saubere Analyse steht an

Klar ist auch, dass die Verbundpartner nach der Krise eine saubere Analyse der positiven und negativen Erfahrungen machen und die Konsequenzen daraus ziehen müssen. Vielleicht so, dass die Verantwortung künftig vermehrt zu den OdA verlagert wird. Die Kompetenz dazu haben sie.

«Ein gut funktionierendes Berufsbildungssystem ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Schweiz ohne allzu grosse Schäden aus der Corona-Krise herauskommt», resümiert Gewerbedirektor Bigler. «Dass die Zusammenarbeit nun rasch wieder verbessert werden und der obrigkeitliche Dirigismus endlich aufhören muss, sind wir der arg gebeutelten Schweizer Wirtschaft und unseren künftigen Fachkräften schuldig.»

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