Publiziert am: 10.06.2016

Rentenmassaker und Milchbüchlirechnungen

VORSORGE

Eines muss man unserem Schweizer Boulevard­blatt lassen: In Sachen Titelgebung werden Trends gesetzt. Als bei der SBB-Pensionskasse die ganze Schweiz über variable Renten schrieb, prägte der «Blick» den Begriff der «Wackelrente». Die Altersreform 2020 wird im «Blick» neu zum «Rentenmassaker». Betrachtet man die ­Situation der Pensionskassen nicht aus dem Blickwinkel eines Horrorfilmregisseurs, zeigt sich allerdings eine ganz andere, nicht sehr ­titelträchtige Situation.

Die jüngst publizierte Swisscanto-Studie zur Lage der Pensionskassen ergab, dass die privatrechtlichen Kassen trotz Anlageturbulenzen (Frankenschock, Negativzinsen) im vergangenen Jahr immer noch einen durchschnittlichen Deckungsgrad von 110 Prozent haben. Die Alterskapitalien der Versicherten wurden im vergangenen Jahr im Durchschnitt mit 2 Prozent verzinst, jene der Rentner mit 2,8 Prozent. Offensichtlich haben die Stiftungsräte, paritätisch zusammengesetzt aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern, ihre Hausaufgaben gut gemacht. Der durchschnittliche Umwandlungssatz liegt bei Kassen, die umhüllend sind und nicht an die politisch festgelegten Parameter gebunden sind bei 6,2 Prozent – Tendenz sinkend.

Im Parlament wird natürlich aktuell die Altersreform 2020 verhandelt. Allerdings geht es dabei um das BVG-Obligatorium, wo der rentenbildende Umwandlungssatz noch bei 6,8 Prozent liegt. Die Debatte im Parlament über eine Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 Prozent mutet angesichts der real existierenden Sätze etwas seltsam an. Nur rund 15 Prozent der Versicherten haben eine Pen­sionskasse, deren Leistungen sich aufs gesetzliche Minimum beschränken. Nur für sie ist der gesetzliche Umwandlungssatz zur Rentenberechnung direkt anwendbar. 85 Prozent haben jedoch eine Pensionskasse mit überobligatorischen Leistungen. Solche Pensionskassen können den gesetzlichen Umwandlungssatz unterschreiten, was fast alle tun.

«die ERhÖhung des 
REntenalters zu fordern, 
ist Aktuell im TRend.»

Natürlich können die Stiftungsräte, die für die Führung der Kassen verantwortlich sind, nicht genüsslich zurücklehnen. Die Rentenzeit – die Zeit, die ein Rentner nach der Pensionierung noch lebt – ist in den letzten 25 Jahren um 
fünf Jahre gestiegen. Das ist für uns alle eigentlich eine erfreuliche Nachricht. Für die Führungsorgane in den Kassen heisst es aber, ­weitere, nicht immer ganz angenehme Entscheidungen zu fällen. Das ist nicht komplizierte Versicherungsmathematik, sondern eine Milchbüchlirechnung. Sofern nicht höhere Vermögenserträge erwirtschaftet werden können (im Moment sprechen alle von Negativzinsen, niemand von höheren Renditen), zahlen wir entweder über kurz oder lang mehr (oder länger) ein, oder wir kriegen weniger Rente – denn diese muss ja länger herhalten.

Das ist aber eine Frage, die in einer nächsten Reform gelöst werden muss, denn die Wirtschaft ist noch nicht bereit, ältere Arbeitnehmer auch zu beschäftigen. Natürlich ist es aktuell im Trend, die Erhöhung des Rentenalters zu fordern. Neulich verlangte beispielsweise ein Vertreter einer Versicherungsgesellschaft in einem Interview, die Leute müssten bis 70 arbeiten. Dem Interviewer sind nach dieser Forderung vor Schreck wohl die Fragen ausgegangen. Die logische Anschlussfrage hätte gelautet: «Wie viele Personen über 60 hat Ihr Konzern im vergangenen Jahr eingestellt?»