Publiziert am: 22.02.2019

«Ressource Wald wird unterschätzt»

«UMWELTMARKTWIRTSCHAFT» – Ökologisch, sozial und ökonomisch: In dieser Reihenfolge muss die Wirtschaft funktionieren, findet Armand Rudolf von Rohr. Und macht mit seinen Treenaps und dem Clean Forest Club vor, wie das geht – und dass es geht, wenn einer bloss will.

Der Hitzesommer 2018, die Unwetter in Italien, die Brände in den USA – für den Baselbieter Unternehmer Armand Rudolf von Rohr sind Ereignisse wie diese nur weitere Gründe, sein Engagement für eine «Umweltmarktwirtschaft» zu verstärken. Den Begriff hat er selbst kreiert. «Die Umwelt steht im Zentrum allen Wirtschaftens», betont von Rohr in seinem einfachen Büro in Bennwil (BL). «Es werden keine Güter produziert, ohne dass wir uns an der Umwelt bedienen.»

Doch nicht nur ökologisch müsse die Welt funktionieren, sondern auch sozial: «Menschen brauchen nun einmal Jobs», sagt der 62-jährige Spross einer Solothurner Dynastie. «Erst wenn diese beiden Aspekte stimmen, kommt die Ökonomie ins Spiel. Wer keinen Gewinn erwirtschaftet, wird erfolglos bleiben.»

Stoffrollen und Handtücher

Mit seiner RVR Service AG und dem Verein Clean Forest Club (CFC) setzt Rudolf von Rohr seine Idee einer «Umweltmarktwirtschaft» um. «Wir wollen die Menschen ermutigen, den Klimawandel als Chance zu betrachten und die Zukunft durch Innovation erträglicher zu gestalten.»

Konkret sieht von Rohrs Innovation wie folgt aus: Seit 1999 bietet RVR Service wiederverwendbare Stoffrollen und -tücher an – erst aus Baumwolle, heute zunehmend aus Viskose. «Treenaps» resp. «Treerolls» werden die Tücher und Rollen genannt, weil das Unternehmen – via den Clean Forest Club – pro 100 gewaschenen Stoffrollen einen Baum pflanzen lässt und damit zur Bindung des Klimagases CO2 beiträgt. Zusätzlich wird pro 50 gefahrene Lieferwagenkilometer ein Baum gepflanzt.

«ICH SEHE DINGE KOMMEN – AUCH WENN DIE MITTEL, SIE ZU ERREICHEN, NOCH FEHLEN.»

«Es gibt viel zu tun – pflanzen wir’s an!», so der Slogan von RVR und CFC. «Bis heute haben wir rund 2,4 Millionen Rollen gewaschen und insgesamt 185 272 Bäume gepflanzt», gibt der KMU-Chef zu Protokoll. Der CFC arbeitet zu diesem Zweck mit NGOs wie Helvetas (in Guatemala und Bolivien) oder dem Jüdischen Nationalfonds (Aufforstungen im Negev) zusammen, hat aber auch am Lauenensee im Berner Oberland Bäume pflanzen lassen. Erfolge, die auch in Fachkreisen auf Anerkennung stossen. So bezeugen etwa der Berner Klimahistoriker Christian Pfister, ETH-Forstingenieur Andreas Speich oder der ETH-Systemökologe Andreas Fischlin in Videotestimonials öffentlich ihren Respekt für Rudolf von Rohrs Leistungen.

Arbeit für Behinderte

Die 33-jährige Sinologin und COO Fabienne Marti arbeitet seit sieben Jahren für RVR. Der Chef und seine heutige rechte Hand sind sich im Zug erstmals begegnet. «Sie kennt sich aus mit Logistik, mit Kommunikation und Politik», lobt Rudolf von Rohr seine heutige Stellvertreterin.

Zusammen erklären sie, wie RVR funktioniert und wie der soziale Gedanke in der Firma gelebt wird. In einer Wäscherei im aargauischen Suhr werden die gebrauchten Handtücher und Rollen gewaschen und danach in Behindertenwerkstätten oder von Teilnehmern von Arbeitsintegrationsprogrammen in Pratteln (BL) zur Wiederverwendung bereit gemacht. Treenaps falten, nähen, flicken, bündeln – und die nach ca. 100 Waschgängen nicht mehr brauchbaren Treenaps zu Putzlappen verarbeiten. «Leider sind unsere Kapazitäten so auf rund 100 000 Treenaps begrenzt», sagt von Rohr. Deshalb suchen Marti und er nun «Hubs» in den Regionen – Partner, die diese Arbeit übernehmen und ausbauen können. Das Ziel lautet: Synergien in Produktion und Distribution.

Für Migranten – hier und in den Herkunftsländern

Im vergangenen September kam der Bund den Forderungen der Kantone nach und verdreifachte seinen Betrag für die Integration von Flüchtlingen auf 18 000 Franken. So will er die Sozialhilfe entlasten. Wollten die RVR Service AG respektive der Clean Forest Club von diesen Geldern profitieren und Flüchtlinge beschäftigen, so müsste der Verein CFC zur Stiftung werden. «Unser Ziel ist es, Migranten eine sinnvolle Tätigkeit zu ermöglichen – etwa bei den Förstern in den hiesigen Wäldern», sagt von Rohr. «Spätestens nach zwei Jahren aber müssen diese jungen Menschen in ihre Herkunftsländer oder in Nachbarländer zurückgeführt werden.» Dort sollten sie in der Forstwirtschaft und bei der Produktion von Treenaps eingesetzt werden. «Dabei müssten sie auch mithelfen, unsere Denkweise – ökologisch, sozial und ökonomisch sinnvoll zu handeln – zu übermitteln.» Rudolf von Rohrs Fernziel: die Etablierung seines Modells einer «Umweltmarktwirtschaft» in 40 Nationen dieser Erde.

Von Baumwolle zu Viskose:

das «Tree to Tree»-Konzept

«Unsere Baumwolle stammte früher aus Ägypten und der Türkei, heute vor allem aus China und Pakistan», sagt Fabienne Marti. Heute bestehen nur noch die Handtuchrollen aus Baumwolle; die Treenaps bestehen fast ausschliesslich aus Viskose. «Die Ressource Wald wird in der Schweiz seit der Schliessung der Zellulosefabrik Attisholz im Jahr 2008 stark unterschätzt», ist von Rohr überzeugt. Es gebe heute keinen Grund mehr, Zellstoffe zu importieren – «die Rohstoffe sind in nächster Nähe verfügbar, und sie müssen dringend besser genutzt werden.»

Die klimabedingte Verschlechterung des Waldzustandes und die Zunahme von Sturmereignissen wie «Burglind» im Januar 2018 und Südtirol/Puschlav im Oktober 2018 mit mehr als 1,2 Milliarden Kubikmetern Fallholz verhiessen nichts Gutes hinsichtlich Holzüberschuss aus Schweizer Wäldern, ist von Rohr überzeugt. Wie wollen RVR-CFC zusammen mit Revierförstern und Waldeigentümern hier Abhilfe schaffen? «Unter anderem mit einem ‹Swiss Biocell›-Produktionszentrum aus Beständen des Schweizer Waldes. Dafür liegt bereits eine professionelle Machbarkeitsstudie vor.»

Hoffen auf die Politik

Neueste Zahlen geben Rudolf von Rohr recht: Der Borkenkäfer hat 2018 in der Schweiz 738 000 Kubikmeter Holz befallen, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Diese Menge entspricht dem höchsten Stand seit 2006, wie die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) feststellt. 2018 waren das Mittelland, der Jura und die Ostschweiz besonders vom Borkenkäfer betroffen.

«Es ist höchste Zeit, den Schweizer Wald intensiver zu nutzen und die Zellstoffverarbeitung in der Schweiz wiederaufzubauen», sagt von Rohr. Hoffnungen setzt er dabei auf die politischen Vorstösse der Nationalräte Daniel Fässler (CVP/AI, Motion 18.3963) und Erich von Siebenthal (SVP/BE, Motion 18.3925, Postulat 18.3913 und Interpellation 18.3928). «Waldeigentümer, Gemeinden, Kantone und der Bund müssen zusammenarbeiten», fordert von Rohr, und nennt auch gleich sein Ziel: «Spätestens 2021 muss die Schweizer Zellstoffproduktion wieder laufen.» Woher nimmt «RVR» diesen Optimismus? «Ich sehe Gottlieb ‹Dutti› Duttweiler als meinen geistigen Mentor», sagt er ungerührt. «Ich sehe Dinge kommen – auch wenn die Mittel, sie zu erreichen, noch nicht verfügbar sind.» Und vor allem eines ist von Rohr wichtig: «Es geht darum, an einer Idee dranzubleiben und nicht aufzugeben. Erst dann steht der Weg zum Erfolg offen – ökologisch, sozial und ökonomisch.»

Gerhard Enggist

www.rvr.ch

www.cleanforestclub.ch

BREITER KUNDENSTAMM

Von der Schulebis zur Bank

Verwaltungen und Schulen, aber auch Industrie, Gewerbe sowie Banken und Versicherungen verlassen sich auf die Dienstleistungen der RVR Service AG im Bereich Betriebshygiene – sie reichen von Schmutzschleusen über Stoffrollen und Treenaps (vgl. Haupttext) bis zur Damenhygiene.

Im Mittelland gehören u. a. Teile der Stadt Bern, Burgdorf, Steffisburg, Bremgarten, Worb, Wohlen oder Grosshöchstetten zur Kundschaft. Weiter die Städte Winterthur, Luzern und Aarau.

Die Stadt Zürich – sie will nach eigenen Angaben die Umwelt schützen, die natürlichen Lebensgrund­lagen erhalten, nachhaltig sein und sich an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft orientieren – hat das umweltbewusste KMU unlängst höchst unschön abserviert, um zum Hygienegiganten Dyson zu wechseln.

Weiter setzen die Zuger Kantonalbank oder die Baloise auf die Dienste der RVR Service AG – und schützen damit das Klima im In- und Ausland tatsächlich. En