Publiziert am: 13.05.2016

Rund 40 Millionen Schaden jährlich

Betrugsbekämpfung – Immer wieder versuchen Betrüger, durch gestellte Unfälle Geld zu erschwindeln. Dank professionell ­geschulter Experten und einer systemunterstützten Betrugserkennung fliegen viele auf.

Sägemehl an den Reifen und Rost­befall auf den Bremsscheiben eines fernab von zu Hause verunfallten Autos. Diese kleinen, aber feinen Details brachten einen Stein ins Rollen und lösten in ungeahnter Weise eine ganze Lawine aus. Dem Fahrzeugexperten der AXA Winterthur, Heinz Müller, kamen diese beiden Details bei der Begutachtung eines verunfallten Fiat Punto seltsam vor, denn allein die Fahrt vom Wohnort des Verunfallten zum Unfallort hätte sowohl das Sägemehl davongeweht als auch den Flugrost auf den Bremsen weggeschmirgelt. Also leitete er den verdächtigen Fall an die Abteilung zur Bekämpfung des Versicherungsmissbrauchs (BVM) der AXA Winterthur weiter. Publik wurde dieser Fall vor kurzem im KMU-Magazin «Meine Firma» der AXA Winterthur (Nr. 1/2016).

«Wenn uns von unseren Fahrzeugexperten ein Fall gemeldet wird, gehen wir der Sache genauer nach, lassen uns den Unfallhergang von allen Beteiligten detailliert schildern und rekonstruieren den Unfallhergang vor Ort», erklärt Samuel Klaus, der Leiter der 38-köpfigen Abteilung.

«Die Betrüger machen in aller regel kleine fehler.»

Bestehen dann berechtigte Zweifel, dass sich der Unfall tatsächlich so ereignet hat, wie es die Beteiligten angegeben haben, wird zusätzlich ein unfallanalytisches Gutachten in Auftrag gegeben. Darin werden dann im Detail Kratzspuren, Aufprallwinkel, Lackspuren, ausgelöste Airbags und noch vieles mehr analysiert.

Schulung an oberster Stelle

«Die Betrüger machen in aller Regel kleine Fehler», weiss Samuel Klaus. Die Frage sei nur, ob sie auch erkannt werden. Daher steht die Schulung und Sensibilisierung der Fahrzeugexperten ganz oben auf der Prioritätenliste der Abteilung BVM. Mehr als 3500 Ermittlungen führt die AXA Winterthur jährlich durch, in den meisten Fällen bestätigt sich der anfängliche Verdacht. Nicht nur im Bereich Motorfahrzeugversicherungen, auch bei der Krankentaggeld- oder bei der Haftpflichtversicherung machen Anspruchsteller falsche Angaben. Bei der AXA Winterthur beträgt die Summe aller aufgedeckten Fälle rund 40 Millionen Franken jährlich – Geld, das die AXA Winterthur nicht auszahlt, weil die Anspruchsteller es sich erschwindeln wollten.

Der Unfall mit dem Fiat Punto hätte die AXA Winterthur 20 900 Franken gekostet, zuzüglich Abschlepp- und anderer Nebenkosten. Der Betrag wurde aber nie ausgezahlt, denn das unfallanalytische Gutachten kam eindeutig zum Ergebnis, dass der demolierte Fiat Punto seine Beulen nicht von einem Aufprall während des Fahrens bekommen haben kann, sondern nur im stehenden Zustand. Auch hätte es bei der Heftigkeit des Aufpralls einen Personenschaden geben müssen, doch ein solcher war nie gemeldet worden. Die Experten folgerten daraus, dass der Fahrer bei dem Aufprall einen Sturzhelm getragen haben muss.

Nur drei Wochen später landete ein anderer Fall auf dem Pult von BVM-Ermittler Kurt Schmid. Diesmal handelte es sich um eine Kollision zwischen einem Mercedes-Benz E 270 CDI Kombi und einem Audi A3 mit einem Schadenvolumen von rund 40 000 Franken. Die Parallelen zum Unfall zwischen dem Fiat Punto und dem Audi S3 waren unübersehbar, aber vor allem waren wieder die gleichen Personen involviert. «Da dämmerte es mir langsam, dass es sich um eine ganze Autobumserbande handeln musste», erinnert sich Kurt Schmid, und er wusste, was zu tun war.

Software erkennt Unfallmuster

Mitunter dank einer systemunterstützten Betrugserkennung, die gewisse Auffälligkeiten und Muster zwischen landesweit geschehenen Autounfällen erkennt, entdeckte er letztlich 12 verdächtige Fälle. Diese waren geografisch verstreut auf vier Kantone, liefen aber alle nach dem gleichen Strickmuster ab, und es waren die gleichen Personen – wenn auch in anderen Konstellationen – involviert. Vor allem ein Mann, Antonio F., tauchte in jedem Fall auf und profitierte. Die Strafanzeige wegen mehrfachen vollendeten sowie versuchten Betrugs wurde nur einen Monat später seitens der AXA Winterthur bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich erhoben. Der Drahtzieher der Bande wurde mit 36 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, wovon er 10 Monate absitzen musste. Insgesamt belief sich die Schadensumme der 12 gestellten Unfälle auf 280 000 Franken. Die AXA Winterthur hat die ihr durch die Aufdeckung des Falls entstandenen Kosten zuzüglich des Bearbeitungsaufwands von 24 500 Franken über die gerichtlich verfügte Entschädigung und über diverse Rückzahlungsvereinbarungen mit den Verurteilten zurückerhalten. Und sie hat die unrechtmässigen Forderungen der aktuellen Fälle erfolgreich abgewendet.

Sandra Willmeroth

Quelle: Meine Firma, Das KMU-Magazin der AXA Winterthur.

Versicherung

Für faire Prämien

Die Arbeit der Abteilung Bekämpfung des Versicherungsmissbrauchs (BVM) kommt allen Versicherten zugute, da sie hilft, die Prämien tief zu halten. Dementsprechend hoch ist die Akzeptanz für Massnahmen zur Bekämpfung des Missbrauchs in der Bevölkerung. Gemäss einer Umfrage des Schweizerischen Versicherungsverbands befürworten über 90 Prozent der Bevölkerung, dass Versicherer bei Verdacht auf Betrug genauere Abklärungen vornehmen sollen.

TEURE LÜGEN

Ein Missbrauch kann böse Folgen haben

Im Betrugsfall darf eine Versicherungsgesellschaft einen Vertrag rückwirkend auflösen. Für den Schadenfall wird keine Entschädigung geleistet und alle nach diesem Datum erbrachten Leistungen können zurückgefordert werden. Ein Beispiel: Nach einem Einbruch in ihr Haus gibt eine Familie an, es seien Schmuck, Uhren, ein Laptop und eine Geldkassette mit 4200 Franken gestohlen worden. Im Frühling findet man auf einem benachbarten Grundstück den beschädigten Laptop und die verschlossene Geldkassette. Bevor die Kassette vor den Augen der Polizei geöffnet wird, gesteht der Familienvater, dass er sich nun «erinnere», dass höchstens 200 Franken darin waren. Wegen der bewussten Falschangabe zum gestohlenen Bargeld wird der Versicherungsvertrag rückwirkend per Diebstahldatum aufgehoben und die Familie muss die Entschädigung für den Einbruchdiebstahl vollumfänglich zurückerstatten.