Publiziert am: 08.09.2017

Schule und KMU zusammenführen

LIFT – Das Projekt integriert Jugendliche mit erschwerter Ausgangslage in die Arbeitswelt. Über 4000 KMU sind als Partner daran beteiligt. Für seine Nachhaltigkeit wurde das Präventionsprogramm mit dem Milizpreis 2017 von Swiss Re ausgezeichnet.

Ivan Lazarewic fühlt sich wohl in der Werkstatt der Firma TECTON im aargauischen Neuenhof. Er schnuppert hier während zehn Wochen jeweils am Mittwoch Handwerksluft. «Dieser Einblick hier in den Handwerksbetrieb ist eine gute Sache. Die Arbeit ist sehr vielfältig und entspricht mir sehr», freut sich der 16-Jährige. «Langsam fühle ich mich hier heimisch, und ich kann mich immer mehr einbringen.» Daniel Richard, Bauführer TECTON Neuenhof und LIFT-Projektverantwortlicher, sowie Werkstattchef Jörg Quaas betreuen den Jungen. «Wir erklären ihm die Arbeitsabläufe, wofür die einzelnen Produkte verwendet werden sowie die handwerklichen Fertigkeiten», so Quaas. Nach und nach kann Ivan auch selbst Hand anlegen respektive Bleche an der Maschine biegen, löten und andere Spenglerarbeiten ausführen. Er ist mit grosser Begeisterung bei der Arbeit: «Dies ist ein toller Job, genau mein Gebiet. Für mich ist klar, ich werde nach der Schule eine Spenglerlehre absolvieren.»

Begleiteter Einstieg 
ins Berufsleben

Die Firma TECTON unterstützt als sozial engagierte Unternehmung das Jugendprojekt LIFT seit rund zwei Jahren. Die Familienunternehmung ist schweizerische Marktführerin für die Ausführung und den Unterhalt von Dachsystemen bei Neu- und Sanierungsprojekten im Hochbau. «Wir haben den Versuch mit dem LIFT-Projekt bewusst in unserem Pilotbetrieb am Standort Neuenhof angesiedelt. Doch künftig wollen wir aufgrund der ersten positiven Erfahrungen dieses Projekt an allen 14 TECTON-Standorten umsetzen», erklärt Gabriel Tschümperlin, geschäftsführender Inhaber von TECTON.

Beim Pilotbetrieb werden zwei Jugendliche beschäftigt. Auf die Gruppe hochgerechnet können jedoch maximal 14 Jugendliche pro Jahr engagiert werden. «Die beiden jungen Männer haben sich beim Arbeiten im Betrieb positiv entwickelt. Am Anfang waren sie eher zurückhaltend, mit der Zeit haben sie sich jedoch geöffnet. So konnten wir sie in zunehmendem Mass in die Produktion miteinbeziehen», freut sich Richard.

Tschümperlin und Richard sind sich einig, dass LIFT ein echter Beitrag zur Nachwuchsförderung in handwerklichen Berufen ist. «Das Projekt bietet Jugendlichen mit einer schwierigen Ausgangslage (vgl. Kasten) einen begleiteten Einstieg ins Berufsleben», betont Tschümperlin. Und Richard ergänzt: «Wir stossen bei den Oberstufenlehrern durch unser LIFT-Engagement auf erhöhte Aufmerksamkeit und Sympathie. Dadurch haben wir auch sonst vermehrt Anfragen für Schnupperlehren. Dies führt uns zu mehr Lehrlingen.»

«Dank dem Projekt haben wir auch sonst vermehrt 
Anfragen für 
Schnupperlehren.»

Voll hinter dem Projekt steht auch Reto Geissmann, LIFT-Koordinator an der Schule Neuenhof. Er akquiriert die Betriebe, betreut die Schüler und führt auch Coaching-Gespräche durch. «Dieses Projekt hat Hand und Fuss. Die Jugendlichen kommen damit aus dem Aquarium Schule raus», so Geissmann. Und er konkretisiert: «Schülerinnen und Schüler können bei LIFT längere Zeit und nachhaltig einen Beruf mit den verschiedenen Alltagssituationen kennenlernen. Sie erhalten so nicht nur einen kurzfristigen Einblick wie beispielsweise in einer Schnupperwoche. So können sie viel besser beurteilen, ob dieser Beruf ihren Vorstellungen entspricht oder nicht.» Dies bestätigt auch Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Verantwortliche für die Berufsbildung: «LIFT setzt an der Basis an und führt Schule und Betriebe in der Nähe des Schulhauses zusammen. Wenn jemand schon jung einen Betrieb kennenlernt, steigt die Chance, dass er eine Lehre macht.»

Noch mehr aktive KMU gesucht

Für die Zukunft wünschen sich Tschümperlin und Richard, dass auch möglichst viele andere Betriebe aktiv mitmachen und profitieren. «Je mehr Betriebe mitmachen, desto grösser die Zahl der künftigen Fachkräfte», bringt es Tschümperlin auf den Punkt. Auch Davatz betont: «Wir sind gerade im Hinblick auf die Zukunft auf noch mehr KMU als wertvolle Partner angewiesen.» LIFT setze am richtigen Ort an. «Das Projekt betreibt Prävention und senkt die Jugendarbeitslosigkeit. Es gibt meines Wissens in der Schweiz kein Projekt, das so erfolgreich und nachhaltig ist», ist Davatz überzeugt.

Corinne Remund

NACHGEFRAGT BEI GABRIELA WALSER

«Die Nachfrage nach LIFT ist gross»

Schweizerische Gewerbezeitung: Letztes Jahr hat das Jugendprojekt LIFT sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Welche Bilanz können Sie ziehen?

n Gabriela Walser: Wir können eine sehr gute Bilanz ziehen. Was 2006 als kleines Pilotprojekt an vier Schulen gestartet wurde, ist mittlerweile auf ein Netzwerk mit über 200 Schulen in der ganzen Schweiz angewachsen. Ich durfte von Beginn weg dabei sein, und ich bin immer noch mit Überzeugung dabei.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den KMU respektive dem lokalen 
Gewerbe?

n Wir machen praktisch nur gute 
Erfahrungen mit den KMU. Die Bereitschaft, für die gegen 2000 LIFT-
Jugendlichen Wochenarbeitsplätze anzubieten, ist sehr gross. Dieses freiwillige Engagement von Gewerbebetrieben ist nicht selbstverständlich. Weitere interessierte Betriebe sind natürlich herzlich willkommen.

Welches ist der grösste gesellschaft­liche Nutzen von LIFT?

n Dies ist meiner Ansicht nach die Erhöhung der Chancen auf einen Ausbildungsplatz von Schülerinnen und Schülern, die eine weniger günstige Ausgangslage haben. Dies hilft mit, Jugendarbeitslosigkeit und Sozialhilfeleistungen zu verringern. LIFT kann auch einen Beitrag leisten zur Besetzung von Lehrstellen in praktischen Berufen.

Haben Sie Pläne bezüglich dem 
Jugendprojekt?

n Erfreulicherweise ist die Nachfrage nach LIFT anhaltend, und wir haben die feste Absicht, dass LIFT auch über 2017 hinaus weiter angeboten wird und wachsen kann. Wir zählen deshalb auf die Unterstützung und Partnerschaften in Wirtschaft und Politik, denn nur so ist dies möglich. Interview: CR

JUGENDPROJEKT LIFT

Milizpreis 2017 
von Swiss Re gewonnen

Das Jugendprojekt LIFT wurde 2006 als Projekt des Netzwerkes für sozial verantwortliche Wirtschaft in Bern lanciert. Seit Projektstart wird LIFT von Bund, Stiftungen und einigen Kantonen finanziert, etwa vom Bundesamt für Sozialversicherungen BVS und verschiedenen Bildungsdirektionen. Heute nehmen über 200 Schulen in 22 Kantonen teil. LIFT bietet Schülerinnen und Schülern mit erschwerter Ausgangslage (ungenügende Schulleistungen, Motivationsprobleme, zu wenig Unterstützung aus dem Umfeld) eine Chance und einen Einblick in die Berufswelt. Sie können von der 7. bis 9. Klasse jede Woche zwei bis drei Stunden in einem Gewerbebetrieb leichte Arbeiten verrichten und werden dabei begleitet. Die Jugendlichen verbessern ihre Ausgangslage bei der Lehrstellensuche so entscheidend. Auffallend sind die hohen Durchhaltequoten, die motivierte Beteiligung und das frische Selbstwertgefühl, das sich auch positiv auf den Schulalltag auswirkt. Über 4000 KMU sind als Projektpartner in der ganzen Schweiz beteiligt. Rund 60 Prozent aller Jugendlichen, die LIFT abgeschlossen haben, finden direkt nach der Schule eine Lehrstelle. Davon machen rund 40 Prozent eine EFZ-Ausbildung und ca. 16 Prozent eine EBA-Ausbildung.

Swiss Re zeichnet das langjährige Engagement von LIFT mit dem Milizpreis 2017 aus. Dieser Preis wird jährlich für gemeinnütziges Engagement auf professionellem Niveau verliehen. Die Preisverleihung fand im Juni in Rüschlikon statt. CR