Publiziert am: 02.10.2015

Sie das Standbein – er das Spielbein

Tribüne

M  eine Frau hat nach der Hochzeit mit mir nie mehr im Büro gearbeitet. Während ich im Schnitt 12 bis 14 Stunden täglich arbeitete, zog sie die beiden Söhne auf, richtete unsere Wohnungen und Häuser ein, organisierte unser tägliches Leben mit Kirchenbesuchen, Konzerten und Reisen in alle Welt, übernahm die Kontrolle der Bankauszüge und stellte die Unterlagen für das Steueramt zusammen. Je älter wir wurden, desto mehr hatte sie zu tun. Heisst dies nun, sie sei für unseren Gewerbebetrieb, der Kommunikation verkauft, unwichtig gewesen? Auf keinen Fall. Während sie mich das berufliche Masshalten lehrte, denn als Jungunternehmer war ich stets voller Optimismus, stellte ich Männer und Frauen als Mitarbeiter an, ihnen vertrauend, sie würden den Kundenwünschen standhalten. Mein Optimismus hat mich manches Mal getäuscht. Die Warnungen meiner Frau: «Ich glaube nicht, dass diese Person geeignet ist» überhörte ich gerne, denn ohne Mitarbeiter ist kein Wachstum möglich.

D  araus entwickelte sich eine Lehre, die für viele Firmen gültig ist: Die Frau ist im Gewerbebetrieb das Standbein, der Mann das Spielbein. Dieser Ausdruck gefällt mir, denn er sagt: Das Vermögen ist besser bei der Frau aufgehoben als beim Mann, der eher etwas riskiert. In der Personalpolitik sind die Ehefrauen der Unternehmer sehr wichtig. Sie haben oft jenes Augenmass, das ein erfolgreicher Aufbau braucht. Eine Frau muss Menschen, vor allem Männer, genau einschätzen, denn sie dürfen auf keinen Fall das Risiko eingehen, den Falschen auszuwählen. Zu anderen Frauen haben die eigenen Frauen ohnehin ein distanziertes Verhältnis. Jede Frau ist eine potentielle Konkurrentin; dies richtig einzuschätzen, ist Frauensache.

I  ch kenne einige Unternehmer, die in der Firma gerne hübsche jüngere Frauen um sich haben. Manchmal steigert dies die berufliche Performance beider; oft, gerade in grösseren Firmen, ist der «dekorative Faktor» bedeutender. Ehefrauen lassen dann die Warnsignale aufleuchten.

I  n der Personalpolitik ist der klare Blick einer Ehefrau oft hilfreich. Das gilt, gerade im Gewerbe, auch für das Risikomanagement. Grosse Investitionen in neue Betriebsteile, ausgelagerte Niederlassungen oder Filialen richtet der erfolgreiche Gewerbler mit gutem Cashflow gerne grosszügig an. Die gute Ehefrau ist eher sparsam und achtet auf das wirklich Notwendige. Dem Optimismus des natürlichen Eroberers steht die instinktive Vorsicht der Frau gegenüber, die auch ihre Kinder gut versorgen will. Sie denkt bereits an die Nachfolge.

Ehefrauen sind in vielen Firmen wichtig im Bereich der Kommunikation, Während viele Männer ohnehin nicht mehr gerne schreiben und Informationen nur nach dem Prinzip «Need to know» weitergeben, sind Ehefrauen die Soft Power im Unternehmen. Sie verknüpfen, was sonst unbeachtet bleibt. Sie kümmern sich um Kunden und deren Bedürfnisse. Sie trösten Mitarbeiter, wenn es ihnen privat nicht gut geht. Sie schaffen eine kleine Heimat.

V  iele Gewerbebetriebe wären nicht über lange Zeit derart stabil, stünden neben dem Inhaber nicht starke Frauen, die ihm offen die Meinung sagen. Was sich kein Mitglied der Geschäftsleitung zu sagen traut, und schon gar nicht ein Mitarbeiter, kann die Ehefrau unter der Tür bestens anbringen: «Das machst du falsch.» Die meisten Unternehmer freuen sich, vor allem am Abend, nicht über derlei wenig charmante Hinweise. Sie fragen sich, warum die eigene Frau sich überhaupt in Dinge einmischt, von denen sie – vermeintlich – zu wenig versteht.

M  eine Erfahrung im eigenen wie in vielen anderen Unternehmen bestätigt, dass hinter vielen bekannten und erfolgreichen Männern noch stärkere Frauen stehen. Wenn «der Alte» ausrastet, dann beruhigen sie ihn; wenn er seine Gunst einseitig verteilt, dann sagen sie ihm, dass er die anderen Mitarbeiter nicht vergessen soll. Wenn er den Laden hinschmeissen möchte, dann führen sie ihn wieder an die Front.

Diese weiblichen Leistungen sind gerade im Gewerbe unersetzlich. Dafür gibt es keinen Stundenlohn, aber oft Prämien, die ganz individuell gestaltet sind. Diese Frauen arbeiten offiziell nicht, aber sie erbringen eine gros­se Leistung hinter den Kulissen des Erfolgs. Es braucht keine bürgerlichen Parteien und keinen Staat, welche diese Frauen beschützen. Geht es einmal schief, werden die Anwälte entscheiden, wem das gemeinsam erworbene Gut gehört.

D  iese unbekannten Frauen, denen ich bei vielen Anlässen begegne, haben eine grosse Stärke. Man erkennt sie an ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Ruhe und positiven Ausstrahlung. Im Gewerbe dürfen wir froh sein, dass es noch viele davon gibt.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH

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