Publiziert am: Freitag, 6. Februar 2015

Starke Währung – starke Wirtschaft

FRANKEN- und euroKURS – Der Euroraum jubelt, weil der Euro schwächelt. Dabei ist eine schwache Währung das klarste Zeichen einer schwachen Wirtschaft.

Die Schweizer Wirtschaft leidet unter dem starken Franken. Eine starke Währung ist aber das Zeichen einer starken Wirtschaft. Der Euroraum jubelt, weil der Euro schwächelt. Dabei ist eine schwache Währung das klarste Zeichen einer schwachen Wirtschaft. Ist das paradox? Nein!

Der Franken als «sicherer Hafen»

Die Ausgangslage täuscht – aber nicht nur sie, sondern auch die jeweilige Motivation der Zentralbanken. Als im Jahr 2011 der Franken-Euro-Kurs die Parität erreichte, handelte es sich um eine Euroschwäche. Wegen verschiedener Krisenländer wie Irland, Spanien und Griechenland war die europäische Währung schwer angeschlagen. Das Vertrauen in den Euro war am Boden – und so rettete man sich in den Franken als «sicheren Hafen».

Durch die Gelder, die in die Schweiz flossen, stärkte sich der Franken und die inländischen Preise kamen ins Rutschen (Minus-Teuerung). Im Rahmen ihres Mandates hat die Schweizerische Nationalbank SNB mit der Kursuntergrenze eingegriffen, damit keine Deflation aufkommen sollte. Gemäss Einschätzung der SNB wäre eine Defla­tion für die Schweizer Wirtschaft sehr problematisch. Weil das Deflationsszenario weiter bestehen blieb, blieb auch die Kursuntergrenze in Kraft.

Nun hat sich aber die europäische Wirtschaft in der Zwischenzeit nicht erholt. Im Gegenteil: Während einige Länder in der Krise stecken blieben, rutschten andere allmählich auch hinein. Die Regierungen der EU-Staaten gelangten spätestens 2014 zur Überzeugung, ein Konjunkturprogramm zu starten. Aber sie durften es nicht tun. Denn die Kohäsionskriterien setzen Grenzen für die Ausgabefreudigkeit der einzelnen Länder.

Mehr Schulden gegen Schulden

Doch dann kam ein neuer Gedanke auf: Die Staaten sollen sich zusätzlich verschulden, Konjunkturspritzen lancieren – und die Europäische Zentralbank EZB ihre Neuverschuldung aufkaufen. Das diesbezügliche Vorbild ist das von der US-Notenbank praktizierte «Quantitative Easing». Der einzige Haken dabei: Die Geldmenge muss massiv ausgeweitet werden und der Euro verliert weiter an Wert. Und so kam es im Januar 2015 zum Anleihekaufprogramm der EZB in der Höhe von 1140 Milliarden Euro. Die SNB, die wahrscheinlich vorher informiert wurde, konnte hier schlicht nicht mithalten. Denn sie hätte die Geldmenge mindestens im Gleichschritt erweitern müssen. Deshalb gab sie – noch vor der Aktion der EZB – den Mindestkurs auf.

Versteckte Konjunkturspritze

Über die Konsequenzen des SNB-Entscheids für die Schweizer Wirtschaft wurde schon viel spekuliert. Die andere spannende Frage ist, wie sich der Entscheid der EZB auf die europäische Wirtschaft auswirkt.

Das Anleihenkaufprogramm ist eine versteckte Konjunkturspritze: Statt dass sich die europäischen Länder auf nötige Strukturreformen konzentrieren würden, können sie jetzt Subventionen und fiskale Anreize verteilen und sich dafür neu verschulden. Das ist besonders beunruhigend, denn die Krise in der EU nahm gerade in der zu hohen Verschuldung der Länder ihren Anfang. Die EZB selbst ist nun von ihrer eigenen Ankündigung gefangen. Die genannte Billionen-Zahl wirkt sich wie ein Minimum aus: Sollte der gewünschte Wachstums­effekt nicht einsetzen, muss die EZB noch mehr Schuldverschreibungen aufkaufen. Wie lange wird das so weitergehen? Niemand kann es sagen. Aber die Geldmengenexpansion der EZB und damit die Frankenstärke kann sehr lange andauern. So lange, bis die EU ihre Probleme behebt.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv