Publiziert am: 07.06.2019

«Tempo 30 löst keine Probleme»

STRASSENVERKEHR – Der Tessiner CVP-Nationalrat und Unternehmer Fabio Regazzi will Engpässe mit Innovation beseitigen. Langfristig bereite es ihm Sorgen, dass Unternehmer zu wenig Zeit für Milizaufgaben hätten. Eine hohe Anzahl an Berufspolitikern erachtet er als «problematisch».

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie setzen sich aktiv für Verkehrsfragen ein und als Tessiner liegt Ihnen der Gotthard-Tunnel am Herzen. Wie lange dürfen LKW noch gebührenfrei durch den Gotthardtunnel fahren?

Fabio Regazzi: Die Frage stellt sich nicht nur in Bezug auf LKW, sondern auch für Personenwagen. Aber ich würde die Frage anders stellen: Unter welchen Bedingungen wäre eine Maut für LKW am Gotthard sinnvoll? Es ist wichtig, das Ganze differenziert zu betrachten. Wenn wir bedenken, dass nur 27 Prozent der LKW zum Transitverkehr gehören und fast dreiviertel zum Ziel-, Quell- oder Binnenverkehr, dann merken wir, dass eine Maut – sofern diese überhaupt politische Mehrheiten finden sollte, was ich zum jetzigen Zeitpunkt stark bezweifle – schliesslich von unserer Wirtschaft und den Konsumenten getragen wird.

Eine Differenzierung zwischen Transit- und Binnenverkehr ist aufgrund des Landesverkehrsabkommen aber auch nicht möglich. Darum bin ich der Meinung, dass die Bedingungen für die Einführung einer LKW-Maut am Gotthard heute nicht gegeben sind. Der unerwünschte Transitverkehr wird bereits grösstenteils über die Schiene abgewickelt.

Die parlamentarische Initiative (17.462) von Gregor Rutz fordert, dass der Verkehrsfluss auf Hauptverkehrsachsen nicht durch unnötige Tempo-30-Zonen ­gebremst wird. Sie sagen, dass Städte und Gemeinden künstlich Überbelegungsprobleme verur­sachen. Was meinen Sie damit konkret?

Tempo-30-Zonen lösen kein Problem. Sie verschieben es einfach auf andere Strassen, die ohnehin schon überlastet sind, und zwar indem sie Anreize schaffen, nicht den kürzesten Weg zu fahren. Das ist ökologisch nicht unproblematisch. Tempo-30-Zonen stellen nur in spezifischen Fällen eine Lösung dar.

Wieso überlassen Sie die Lösung dieser Probleme nicht direkt den Gemeinden vor Ort?

Ich bin ein grosser Verfechter des Föderalismus. Man sollte den Kantonen und den Gemeinden in vielen Belangen wieder mehr Kompetenzen geben. Leider tendiert es heute – oft von linken Ansätzen getrieben – genau in die andere Richtung. In Verkehrsfragen ist es jedoch wichtig, dass die Kantone eine gewisse koordinative Funktion einnehmen. Es kann nicht sein, dass jeder Ort gemäss eigenen Prinzipien den Verkehr reguliert. Das wird für die Verkehrsteilnehmer zum Problem und mindert die Sicherheit.

Die Argumente der Gegner betreffen nebst der Sicherheit oftmals den Lärm. Wie kann der Verkehrslärm reduziert werden, ohne dass der Verkehrsfluss darunter leidet?

Der Verkehrslärm ist ein Thema, das uns seit Generationen beschäftigt. Allerdings muss man sagen, dass der Verkehrsträger Strasse in den letzten Jahren – getrieben durch Innovationen – grosse Fortschritte gemacht hat. Dank neuer Technologien für die Motoren, einer neuen Reifengeneration, aber auch mit Hilfe eines lärmabsorbierenden Belags wurden die Lärmemissionen deutlich reduziert. Auch Elektroautos werden in Zukunft zur Lärmminderung beitragen.

Gleiches gilt übrigens auch für schädliche Ausstösse: diese wurden in den letzten Jahren reduziert, trotz deutlich höherem Verkehrsaufkommen. Um diese Probleme zu lösen, muss weiter auf Innovation gesetzt werden. Sie dürfen nicht dazu missbraucht werden, Verkehrsbehinderungen gesetzlich zu verankern.

Bis die Nationalstrassen aus­gebaut sind, dauert es noch eine ganze Weile. Der Verkehr nimmt unterdessen stetig zu, die Staustunden ebenfalls. Welche kurzfristigen Massnahmen könnten der Wirtschaft helfen?

Kurzfristig gilt es, das Verkehrsproblem während der Stosszeiten zu lösen, was nicht zuletzt dank der heutigen Technologie einfacher geworden ist. Man denke nur an die verschiedenen Apps, die zur Verfügung stehen. Die Stosszeiten sind für den Grossteil der Staustunden verantwortlich. Hier kann sich die Wirtschaft zum Teil selber helfen, indem flexiblere Arbeitsmodelle ausgestaltet werden, die es ermöglichen, in Randzeiten zur Arbeit zu fahren oder von zu Hause aus zu arbeiten. Aber auch das geht nur bedingt und nicht bei allen Arbeiten. Deshalb ist ein Ausbau des Nationalstrassennetzes unumgänglich.

Sie führen das eigene Familienunternehmen seit 19 Jahren und sind stolz darauf, dass viele ehemalige Lernende noch heute im Betrieb arbeiten. Was machen Sie bei der Ausbildung besser als andere?

Ich denke nicht, dass mein Betrieb etwas besser oder schlechter macht als andere. Unser Vorteil ist jedoch, dass wir ein Familienunternehmen sind. Dieses ist naturgemäss auf Langfristigkeit und Zusammenhalt ausgerichtet, was sich auch in Personalfragen widerspiegelt. Unsere Mitarbeiter werden quasi zu einem Teil der Familie. Und eine Familie ist mehr als «nur» ein Arbeitsplatz.

Ihre Firma hat auch schon Stipendien vergeben, um auf die Berufslehre aufmerksam zu machen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Grundsätzlich gute. Zudem bilden wir jedes Jahr etwa 12 bis 13 Lehrlinge aus, was 10 Prozent der Belegschaft ausmacht. Leider hat das Tessin immer noch eine der höchsten Maturitätsquoten in der Schweiz. Die Berufslehre geniesst in der Südschweiz nicht den Stellenwert, den sie verdient. Wenn immer möglich werden die jungen Leute aufs Gymnasium geschickt, obschon die Wirtschaft heute vielversprechende(re) Berufskarrieren anbieten könnte. Diese jungen Fachkräfte und deren Kompetenzen fehlen dann in Unternehmen wie meinem. Daher rührt unser Engagement.

Obwohl Sie selber kein KMU, sondern ein Industrieunternehmen führen, haben Sie im KMU-Rating des sgv als bester CVPler abgeschnitten, aber hinter den meisten Vertretern von FDP und SVP. Ist die CVP gewerbefeindlicher als die FDP und die SVP?

Ich denke kaum, dass dies parteiabhängig ist. Aber ich bin natürlich sehr froh, dass auch die anderen bürgerlichen Parteien die Überzeugungen der KMU teilen. Leider gibt es im Parlament immer weniger davon, weil viele Unternehmer sich mit dem Tagesgeschäft beschäftigen müssen und keine Zeit mehr haben, Milizaufgaben wahrzunehmen. Langfristig wird das zu einem grossen Problem werden. Bei jeder Legislatur nimmt die Zahl von Berufspolitikern zu, was ich persönlich als sehr problematisch erachte. Die Entscheidungen werden sich so je länger je mehr vom Volk und von der Wirtschaft entfernen.

KMU und Grossunternehmen sind aufeinander angewiesen, sie bilden die Einheit der Wirtschaft. Politisch vermissen die KMU aber häufig die Unterstützung der Grossen, namentlich bei Regulierungsfragen. Ist die ­Solidarität den KMU gegenüber abhanden gekommen?

Grundsätzlich sehe ich das nicht so. Von den Rahmenbedingungen, welche die «Grossen» definieren, profitieren auch die KMU. Dass man insbesondere unter Wirtschaftsverbänden den Austausch mehr und vertiefter pflegen würde, wäre sicherlich zu begrüssen. In diesem Kon-text fühle ich mich als Mitglied des ­Vorstandsausschusses des Arbeitgeberverbandes und Mitglied der ­Gewerbekammer des sgv verpflichtet.

Wie können Sie sich als Präsident des Tessiner Unternehmer­verbands Associazione industrie ticinesi für KMU einsetzen?

Der Wind im Tessin gegenüber KMU ist in den letzten Jahren immer rauer geworden. Grenzgänger und italienische Firmen mit einer für uns fremden Firmenkultur haben die Gesellschaft massiv von der Wirtschaft entfernt. Die Situation ist höchst gefährlich und die Rahmenbedingungen verschlechtern sich zusehends. Da ist es die Aufgabe des lokalen Wirtschaftsverbandes, die Zusammenhänge aufzuzeigen und die Anliegen der Unternehmen – auch als Stellen- und Wohlstandserbringer – glaubwürdig zu vertreten. Eine nicht immer einfache Herausforderung.

Interview: Adrian Uhlmann

ZUR PERSON

Fabio Regazzi (56) hat an der Universität Zürich Jura studiert und war von 1992 bis 1999 Inhaber einer Anwaltskanzlei. Im Jahr 2000 übernahm er das 1946 von Roberto Regazzi gegründete Familienunternehmen Regazzi SA, welches er bis heute leitet. Die Regazzi Gruppe hat in seiner Geschichte weit über 100 Lernende ausgebildet. Einige der ehemaligen Lernenden haben heute eine leitende Funktion in der Firma inne.

Fabio Regazzi wurde 2011 als Vertreter der CVP in den Nationalrat gewählt. Er gehört der Kommissionfür Verkehr und Fernmeldewesen KVF an. Regazzi präsidiert den Tessiner Industrieverband Associazione indus-trie ticinesi AITI, das Cargo Forum Schweiz und das Swiss Shippers’ Council. Der sportbegeisterte Nationalrat sitzt zudem im Verwaltungsrat des HC Lugano.