Publiziert am: 23.02.2018

Unabhängiger vom Stromversorger

EIGENSTROM – 58 000 GWh Strom verbraucht die Schweiz pro Jahr. Leistungstarife können für produzierende KMU hohe Mehrausgaben bedeuten. Der Betrieb einer Grossbatterie kann die Lösung sein.

In der Schweiz werden jährlich über 58 000 GWh Strom verbraucht. Das Gewerbe bezieht einen beträcht­lichen Teil dieses Stromes. Mit einer neuen Berechnungsgrundlage wollen Stromanbieter die Netzkosten künftig nicht nur aufgrund des Verbrauchs, sondern auch der bezogenen Leistung erheben. Diese Leistungstarife können für produzierende KMU hohe Mehrausgaben bedeuten. Der Betrieb einer Grossbatterie kann die Lösung sein.

Pioniere im Berner Oberland

Vielen Unternehmern mit hohen Stromrechnungen bereiten die neuen Leistungstarife der Elektrizitätswerke Bauchschmerzen. Denn wer produziert, verursacht nicht selten auch Verbrauchsspitzen. Neu sollen die Stromkosten auch bei kleineren und mittleren Verbrauchern aufgrund dieser Spitzen und nicht wie bisher mit dem Total der bezogenen Energie als Grundlage berechnet werden. Das kann sich beispielsweise für Handwerks- oder Gastronomiebetriebe verheerend auswirken.

Eine Möglichkeit, Mehrkosten entgegenzuwirken, ist, eigenen Strom herzustellen. Eine andere ist, Grossbatterien einzusetzen, um Spitzen beim Energieverbrauch zu kappen. Dadurch kann ein Unternehmen mehrere tausend Franken Energiekosten im Jahr einsparen. Aktuell werden erste Kombinationen von beiden Systemen installiert. Als erstes KMU der Schweiz haben die Solarholzbauer aus Frutigen/BE einen Grossspeicher von Tesla in Betrieb genommen.

Praxiserfahrungen sammeln

Bei Allenbach Holzbau und Solartechnik will man die Energieversorgung noch stärker in die eigenen Hände nehmen als bisher. Zu diesem Zweck haben die Solarholzbauer in ein Tesla Powerpack investiert, das rund 100 Kilowattstunden Strom speichern kann. Diesen produziert Marc Allenbach mit seiner 53-Kilowatt-Photovoltaik-Anlage seit 2011 auf dem eigenen Dach. «Wir wollen unabhängiger werden vom Stromversorger und dessen Preispolitik», erklärt der Unternehmer die Hauptmotivation für diese Installation. Ein weiterer Hauptgedanke ist, das notwendige Wissen für die Installation solcher KMU-Speicher aufzubauen. Denn Allenbach ist überzeugt: Für KMU mit einem Verbrauch, der über 50 000 Kilowattstunden pro Jahr liegt, lohnt sich eine solche Investition.

Spitzen brechen

Wenn es in erster Linie darum ginge, den Eigenverbrauch zu optimieren, dann wäre der Speicher zu klein. «Wir wollen mit der Anlage in erster Linie ein sogenanntes ‹peak shaving› betreiben », erklärt Ueli Grossen, der als Projektleiter Solar bei den Solarholzbauern für die Umsetzung des Projektes verantwortlich ist. Es geht also darum, die Spitzen in der Stromproduktion und im Verbrauch zu brechen und so bei einem sich abzeichnenden Leistungstarif des Energie­versorgers günstiger wegzukommen. Dadurch könnten Allenbachs später auch mithelfen, Regelfunktionen im Stromnetz zu übernehmen, und am sogenannten Regelmarkt teilnehmen. Damit dies gelingt, ist die Steuerung der Anlage entscheidend. Für deren Entwicklung kann sich der Solarholzbauer auf einen lokalen Partner verlassen, auf die Firma Smart Energy Link von GLP-Nationalrat Jürg Grossen.

Autarkie vorerst zweitrangig

Stromkosten zu sparen, ist nicht das Einzige, was die Anlage kann: Sie soll zukünftig auch im Inselbetrieb funktionieren. Bei einem Stromausfall im Netz will der Betrieb mit dem eigenen Strom weiterarbeiten können. «Dazu waren viele Vorabklärungen mit der BKW und auch mit dem Eidgenössischen Starkstrominspektorat ESTI notwendig», erklärt Grossen.

Mit dem Batteriespeicher kann der Betrieb unter Volllast gut eine Stunde aufrecht erhalten werden. Scheint die Sonne, so ist der Speicher innert rund zwei Stunden wieder gefüllt. Stehen die vielen Maschinen beim Holz­bauer still und hängt nur das Büro an der Batterie, so kann dieses mehrere Tage mit Strom versorgt werden. «Die Speicherkapazität ist später ausbaufähig», hält Ueli Grossen fest. Eine grössere Autarkie sei im Moment noch nicht an erster Stelle gestanden. Dennoch wird der Betrieb seinen Eigenversorgungsgrad mit der Installation von heute 25 auf rund ­
50 Prozent steigern. Genügend Strom für noch mehr Selbstversorgung wäre vorhanden. Die rund 55 000 Kilowattstunden, die jährlich auf dem Dach produziert werden, entsprechen in etwa dem Jahresverbrauch auf dem gesamten Areal.

Bereit sein für den Markt

Für diese Pilot-Installation investiert Allenbach rund 100 000 Franken, also rund 1000 Franken pro Kilowattstunde. «Dieser Preis sollte bei 300 bis 400 Franken liegen », ist sich Allenbach bewusst. Mit dem Wissen, das man sich mit der Pilotanlage aneigne, und auch durch die sinkenden Preise bei den einzelnen Elementen der Anlage, werde dies aber möglich. Und schliesslich will das Unternehmen als Pionier auch profitieren können, wenn es seine Lösung anderen KMU anbietet und dadurch einen Wissensvorsprung hat. «Wir bieten nur Dinge an, die wir selber ausprobiert haben. Das haben wir schon bei den PV-Anlagen und den kleineren Einfamilienhausspeichern so praktiziert», erklärt der Unternehmer. Dass Allenbach nun beim KMU-Speicher auf Tesla setzt, hat einerseits mit seiner Faszination für dieses Unternehmen zu tun und andererseits auch damit, dass man vom positiven Image des innovativen Auto- und Batteriebauers ­profitieren kann. Allenbach ist überzeugt, dass insbesondere im KMU-Bereich das Interesse an einem höheren Eigenverbrauch für Energie ab dem eigenen Dach in naher Zukunft stark steigen wird.pd

INFO-ANLASS AM 19. MÄRZ IN FRUTIGEN

Eigenstrom in Gewerbebetrieben – 
technisch möglich und rentabel?

Am Montag, 19. März findet in Frutigen/BE ein Infoanlass zu den Themen Photovoltaik, Grossspeicher und Eigenverbrauch in Gewerbebauten statt. Ein Referent ist Daniel Klauser, Berner Grossrat, Spezialist für regenerative Energietechnik und Leiter Entwicklung bei Smart Energy Link.

Unabhängigkeit vom EW – machbar und sinnvoll?

Folgende Themen wird Klauser beleuchten:

n Wohin bewegen sich die Strompreismodelle der Elektrizitätswerke und wie wirkt sich dies auf den Strompreis für KMU aus?

n Wie kann ein KMU unabhängiger werden vom Stromversorger und dessen Preispolitik?

n Wie viel Autarkie und Eigenversorgungsgrad ist realistisch?

n Warum sind Gewerbebetriebe prädestiniert für den Eigenverbrauch von Solarstrom?

Marc Allenbach, Unternehmer und Spezialist für die Umsetzung von Photovoltaikanlagen, ist der zweite Referent am Infoanlass. Er betreibt seine Produktion in Frutigen zu einem grossen Teil mit eigenem Strom, indem er als erstes KMU im Kanton Bern einen Grossspeicher für Solarstrom in Betrieb genommen hat. Er wird den Verbrauch von Eigenstrom in der Praxis erläutern:

n Wie funktioniert ein System mit Photovoltaikanlage, Steuerung und Grossspeicher im Betrieb?

n Wie lässt sich der Eigenverbrauch von Solarstrom im Produktionsbetrieb technisch umsetzen?

n Ist der Verbrauch von Eigenstrom im produzierenden KMU wirtschaftlich?

n Wie können Leistungsspitzen gebrochen (peak shaving) und damit die Stromkosten reduziert werden?

Durchführung und Anmeldung

Montag, 19. März 2018, von 18 bis 20 Uhr, Allenbach Holzbau und Solartechnik AG, Hauptstrasse 220, 3714 Frutigen. Die Veranstaltung richtet sich an KMU mit einem Stromverbrauch ab 20 000 kWh und mit einem eigenen Firmengebäude. Die Teilnahme ist kostenlos – mit anschliessendem Apéro. Anmeldung erwünscht und empfohlen.