Publiziert am: 05.04.2019

«Unternehmerische Freiheit stärken»

STANDORTFÖRDERUNG – hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig freut sich über die Möglichkeit, mehr touristische Leistungen zu einem reduzierten Mehrwertsteuersatz anbieten zu können. Und er fordert «ausreichende Mittel» für die touristischen Förderinstrumente.

Schweizerische Gewerbezeitung: Mit der Annahme der Motion Engler können mehr touristische Leistungen zum Mehrwertsteuer-Satz von 3,7 Prozent angeboten werden. Weshalb ist das wichtig?

Andreas Züllig: Gemäss geltendem Recht kann eine Leistungs- oder Produktkombination gesamthaft zu einem reduzierten MWST-Satz angeboten werden, wenn mindestens 70 Prozent des Packages aus Leistungen bestehen, die einem reduzierten MWST-Satz unterliegen. In der Praxis wird der 30-Prozent-Anteil wertmässig jedoch schnell überschritten, wenn zum Beispiel ein Skipass eingeschlossen wird. Mit einer Heraufsetzung der Grenze auf 45 Prozent könnten mehr nicht-touristische Leistungen eingeschlossen werden, und die Bildung eines Packages wird vereinfacht oder sogar erst möglich gemacht. Das erhöht den unternehmerischen Spielraum. Durch die Bündelung von verschiedenen Leistungen bekommen die Wirtschaftsakteure entlang der Wertschöpfungskette einen Anreiz, ihre Leistungen gemeinsam zu vermarkten. Durch diese Kooperationen wird die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft insgesamt erhöht.

Finanzminister Ueli Maurer lehnt einen tieferen MWST-Satz für Packages ab und spricht von einer «versteckten Subventionierung für die Tourismusbranche». Was halten Sie dem entgegen?

In erster Linie ist das eine Verein­fachung und trägt dem wachsenden Kundenwunsch nach Packages Rechnung und stärkt die unternehmerische Freiheit. Ein Hotelier soll nicht steuerlich bestraft werden, wenn er ein für den Gast attraktives Package schnürt. Im Übrigen profitieren viele Branchen davon, wie beispielsweise auch der Detailhandel, die Landwirtschaft, das Bäckerhandwerk oder die Floristen.

Mitte April berät die WAK-N und in der Sommersession der Nationalrat die Standortförderung 2020–2013. Was erwartet die Tourismusbranche hier konkret?

Wir erwarten ausreichende Mittel für die touristischen Förderinstrumente. Das heisst, eine leichte Anpassung für die Marketingorganisation Schweiz Tourismus auf jährlich 60 Millionen Franken, für Innotour gleichbleibende Mittel von 7,5 Millionen jährlich wie in den letzten vier Jahren und die Weiterführung des Zusatzdarlehens für die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit SGH, bis die Evaluation des Bundes zur bisherigen gesetzlichen Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative umgesetzt ist. Ausserdem muss der Wert des Fonds für regionale Entwicklung gesichert werden.

Sie fordern mehr Geld in der Standortförderung und begründen dies u.a. mit der Bedeutung der Randregionen. Läuft das nicht auf blosse Strukturerhaltung hinaus?

Im Gegenteil. Alle Instrumente funktionieren nach dem Subsidiaritäts- und Nachhaltigkeitsprinzip und müssen einen wirtschaftlichen Mehrwert bieten. Sie stellen den gesunden Strukturwandel sicher und sind deshalb wichtig für die Randregionen.

Ein paar Beispiele: Schweiz Tourismus erschliesst auch für die ­Randregionen neue Gästegruppen. Mit Innotour wurde ein neuer Beruf, Hotelkommunikationsfachfrau/-mann EFZ, geschaffen. Damit bekämpfen wir den Fachkräftemangel auch in den ländlich-alpinen Regionen.

«von attraktiven packages profitieren auch andere branchen als nur der tourismus.»

Die SGH vergibt subsidiär zu privaten Kapitalgebern nachgelagerte Darlehen an Beherbergungsbetriebe, deren Ertragslage gesund ist, das Eigenkapital für die Modernisierung des Betriebes aber nicht ausreicht. Und mit der Neuen Regionalpolitik NRP wurde im Engadin ein Inno­vationszentrum geschaffen, das mit neuen Modellen Wertschöpfung in die Region lockt.

Von aussen entsteht der Eindruck, die Branche verlasse sich zunehmend auf die helfende Hand des Staates. Trifft diese Wahrnehmung zu?

Diese Wahrnehmung ist falsch. Die Branche bekennt sich zum Unternehmertum, der Eigenverant­wortung und dem nachhaltigen ­wirtschaftlichen Handeln. Die ­Instrumente setzen alle dort an, wo Marktversagen herrscht, und sind demnach legitim.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Andreas Züllig (60) ist seit 1991 Gastgeber im Hotel Schweizerhof auf der Lenzerheide. Er hat am ­1. Januar 2015 das Präsidium von hotelleriesuisse übernommen und ist in dieser Funktion Mitglied des Vorstands des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv und des Vorstandsausschusses von economiesuisse. Weiter engagiert er sich in der Handelskammer & Arbeitgeberverband Graubünden, in der Tourismusorganisation Graubünden Ferien und der Hotelfachschule Passugg. Züllig kandidiert für die FDP Graubünden für den Nationalrat.