Publiziert am: 23.04.2021

Vierbeinige Gipfelstürmer

Tierische Berggeschichten – Auf Wanderungen trifft man ab und zu auf Hunde – sogar im Hochgebirge. Hündin Tschingel hat im vorletzten Jahrhundert sogar eine Erstbesteigungen gemacht, und auf das Matterhorn hat sich eine Katze verirrt.

Rubia hält bis heute den Höhenweltrekord unter den Hunden. Am 19. Januar 2004 stand sie zusammen mit zwei Spaniern auf dem 6959 m hohen Aconcagua in Argentinien. Zu grosser Berühmtheit gelangte auch der Bernhardiner Barry (1800–1814), der angeblich über 40 Menschenleben gerettet hat und stets ein Fässchen mit Schnaps um seinen Hals trug. Während Barry heute ausgestopft im Naturhistorischen Museum Bern steht, erinnern die LVS-Geräte Barryvox an seine Heldentaten. Noch heute, trotz mo-dernster Technik, werden bei der Suche nach Lawinenverschütteten immer wieder Hunde eingesetzt.

Tschingel – der Megastar

Bis heute gilt die kleine Mischlingshündin Tschingel (1865–1879) als der erfolgreichste Vierbeiner der Alpingeschichte. Sie wurde Tschingel genannt, weil ihr erster Besitzer, der berühmte und erfolgreiche Bergführer Christian Almer aus Grindelwald, sie im zarten Alter von fünf Monaten über den vergletscherten Tschingelpass nach Grindelwald mitnahm. Offenbar hatte sie den Test bestanden und fand Gefallen an diesem Unternehmen, denn nachher folgten rund 70 grosse Bergtouren auf die höchsten Alpengipfel, darunter sogar elf Erstbesteigungen, auch im Winter. Kein Wunder, dass ihr der ehrwürdige britische Alpenclub die Ehrenmitgliedschaft verlieh.

Die meisten Touren machte Tschingel mit einer der merkwürdigsten und berühmtesten Seilschaften, die je in den Alpen unterwegs war: Meta Breevort und ihr 25 Jahre jüngerer Neffe William Augustus Breevort Coolidge, dem Bergführer Christian Almer und eben Tschingel. Auf gefährlichen Gletschern übernahm manchmal der Vierbeiner die Führung der Seilschaft, um verdeckte Spalten ausfindig zu machen. Das Aletschhorn war Tschingels erster Viertausender, nachher folgten der Grand Combin und das Breithorn. Sie schaffte sogar die Monte Rosa, den Eiger und die Jungfrau, und als letzte grosse Tour stand sie am 24. Juli 1875 zusammen mit Meta auf dem Montblanc, mit 4810 m Höhe das Dach der Alpen. Daneben war sie noch 34-fache Mutter!

Katzen im Höhenrausch

Aber auch Katzen sind zu alpinistischen Höchstleistungen fähig. Dies überrascht kaum, da ihre «grossen Schwestern», die Schneeleoparden, im Himalaja Höhen bis 5000 Meter bevorzugen. Bis in die Spalten der Weltpresse brachte es jene Katze, die Mitte August 1950 unbegleitet das Matterhorn bestieg. Sie folgte einer Seilschaft, übernachtete mit den Männern in der Solvayhütte auf 4003 m Höhe, stieg anderntags weiter und biwakierte in einem Couloir auf der Bergschulter. Am andern Tag schaffte sie es tatsächlich bis zum Gipfel, wo sie von Bergsteigern gefüttert wurde. Der Abstieg war dann doch zu schwierig für sie, sodass sie ein Bergführer im Rucksack sicher hinunterbrachte.

Bis in die Weltpresse, so die amerikanischen, japanischen und südafrikanischen Medien, schaffte es auch der 1988 geborene und 1993 frühzeitig an Leukämie verstorbene Kater Tomba im Hotel Schwarenbach am Gemmipass, benannt nach dem italienischen Skirennfahrer Alberto Tomba. Insgesamt 15- bis 20-mal begleitete er Bergsteiger auf die vergletscherten Gipfel des Balmhorns und Rinderhorns. Als Steigeisenersatz dienten ihm die scharfen Krallen. Am Vorabend beschnupperte er jeweils die Ankömmlinge, um dann am frühen Morgen mit der von ihm ausgewählten Seilschaft loszuziehen. Seine Auswahlkriterien waren allerdings nicht bekannt …

Ruedi Horber

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