Publiziert am: Freitag, 6. Oktober 2017

«Vom Tourismus abhängig»

Uhrenindustrie – Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH, zu den Themen Innovation, Exporte, Markenfälschungen und Bürokratie.

Schweizerische Gewerbezeitung: Was ist Ihre Definition von Innovation und wie wird sie in der Uhrmacherei umgesetzt?

Jean-Daniel Pasche: Innovation ist wichtig und sie ermöglicht der Branche, sich zu entwickeln. Ohne Innovation würde die Schweizer Uhrenindustrie höchstwahrscheinlich nicht mehr existieren. Innovation betrifft sowohl die technischen als auch die ästhetischen Aspekte: Verlässlichkeit, Präzision, Widerstandsfähigkeit, Originalität des Designs, Materialien, Beschaffenheit, Bestandteile, Herstellungsprozess... Es ist wichtig zu wissen, dass die Uhrmacherei eine Welt der Emotionen ist; die Innovation muss auch in diesem Bereich spielen. Die Uhrenmarken präsentieren regelmässig neue Produkte. Man muss attraktiv bleiben, den Konsumenten überraschen, ohne die DNA der Marke zu zerstören. Um den technischen Herausforderungen gerecht zu werden, arbeiten die Uhrenfabrikanten mit Hochschulen, Universitäten, ETH usw. zusammen. Ich erwähne auch das Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnologie CSEM in Neuenburg. Es wurde von der Uhrenindustrie gegründet und hat im Laufe der Jahre seine Aktivitäten auf andere Sektoren ausgedehnt. Die Uhrmacher sind aber weiterhin die Hauptaktionäre, und es werden dort regelmässig Forschungsarbeiten durchgeführt. Trotzdem kann ich keine konkreten Innovationsprojekte nennen, denn es ist Sache der Unternehmen und der Marken, über diese Fragen zu kommunizieren.

Ist die Schweiz in Sachen Uhrmacherei genügend innovativ?

 Die Schweizer Uhrenindustrie ist innovativ. Ob sie genug tut, ist eine Frage der Einschätzung. Jedenfalls ist sie ausreichend schöpferisch, um bis heute ihre globale Führungsposition beizubehalten; sie stellt die Benchmark für ihre Konkurrenten dar.

 

Worauf muss die Branche in den kommenden Jahren vorbereitet sein?

 Die Uhrenindustrie muss den Veränderungen in unserer Welt – und insbesondere in der Welt der Konsumenten – Rechnung tragen. Das E-Geschäft dringt mit Macht auch in unseren Sektor ein, und die Marken müssen auf diese Entwicklung reagieren. Obwohl immer mehr Menschen online einkaufen können wollen, sogar Luxusprodukte, ist es notwendig, eine traditionelle physische Struktur aufrechtzuerhalten, um den Reparaturservice geografisch so nahe wie möglich am Konsumenten zu gewährleisten. Schweizer Uhren werden repariert und nicht weggeworfen. Man muss auch auf den Konsumentengeschmack eingehen, der sich im Laufe der Jahre verändert. Ferner ist wichtig, dass unsere Produkte attraktiv genug bleiben, damit die Konsumenten Schweizer Uhren kaufen, auch wenn man heutzutage ohne Uhr leben kann. Es ist nicht mehr notwendig, eine Uhr zu besitzen, um die Uhrzeit zu kennen. Das ist eine ständige Herausforderung für unsere Uhrenhersteller.

 

Wie entwickelt sich die Situation aktuell auf den verschiedenen Exportmärkten?

 Die Schweizer Uhrenindustrie hat in den letzten zwei Jahren einen Exportrückgang hinnehmen müssen; die Geschäftszahlen für 2015 und 2016 waren negativ. Die Frankenstärke, der starke Rückgang in Hongkong, die chinesische Politik in Sachen Korruptionsbekämpfung sowie der Wachstumsrückgang und der Terrorismus in Europa haben stark auf die Entwicklung in unserer Branche gedrückt.

Anlässlich unserer Prognosen für 2017 haben wir eine Stabilisierung unserer Exporte für dieses Jahr angekündigt. Wir stellen mit Befriedigung fest, dass diese Stabilisierung früher als vorausgesehen eingetroffen ist, und können so nach acht Monaten eine leichte Exportzunahme vermelden. Die Entwicklung ist vor allem positiv in China, Grossbritannien, Südkorea, den Niederlanden, in Portugal, der Türkei, in Griechenland und Mexiko. Hingegen bleiben die Geschäfte in den USA, in Italien, Japan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Indien schwierig. Generell sind wir für die Zukunft unserer Branche zuversichtlich, so wie auch die Geschäftszahlen 2017 Anlass zu vorsichtigem Optimismus geben.

 

Womit ist auf dem inländischen Markt zu rechnen?

 Der Schweizer Markt ist in grossen Teilen vom Tourismus abhängig. Man denke an Orte wie Luzern, Zürich, Genf, Interlaken... In dem Masse, wie die asiatischen Touristen in die Schweiz zurückkehren, wird der inländische Markt davon profitieren und positive Zahlen schreiben. Allerdings verfügen wir über keine präzisen Statistiken des Schweizer Marktes.

 

Zum Thema Markenfälschungen: Was ist der Stand 2017?

 Die Fälschung von Schweizer Uhren verlangt nach einem starken und ständigen Engagement des Bundes und unserer Verbandsmitglieder. Die durch Kopien generierten Margen sind solcherart, dass der Kampf endlos ist. Ich betone: Markenfälschungen sind die Tat grosser krimineller Organisationen, welche die Schwächsten in illegalen Ateliers ausbeuten. Und sie dienen auch zur Finanzierung des Terrorismus, wie die französischen Behörden aufgedeckt haben. Jedermann, der eine Kopie kauft, muss wissen, dass er zu diesen kriminellen Aktivitäten beiträgt.

Ziel unserer Aktionen ist es, das Vertrauen der Konsumenten in die echten Produkte zu erhalten, indem wir versuchen, das Phänomen in einem gewissen Grad in den Griff zu bekommen. Man muss vermeiden, dass unsere Marken von Kopien total überschwemmt werden, denn sonst könnten sie verschwinden. Jedes Jahr vernichten wir weltweit rund eine Million falscher Schweizer Uhren allein durch unsere Datenerfassungen. 2016 konnten wir über 1,3 Millionen Online-Anzeigen für falsche Schweizer Uhren auf Verkaufsplattformen und in den Social Media stoppen. Um die Behörden zu sensibilisieren und in ihrem Kampf zu unterstützen, organisieren wir in der ganzen Welt Weiterbildungsseminare für die lokalen Autoritäten (Polizei, Zollbehörden usw.).

 

Welche anderen politischen Themen beschäftigen Sie besonders?

 Der freie Warenverkehr ist wichtig für unsere Branche, die fast 95 Prozent ihrer Produktion nach allen fünf Kontinenten exportiert. Für uns ist es notwendig, frei und ohne Einschränkung in alle Regionen exportieren zu können. In diesem Sinne ist es unabdingbar, benutzerfreundliche und offene Beziehungen zur EU und – nach Inkrafttreten des Brexit – zu Grossbritannien zu gewährleisten. Grossbritannien ist aktuell der führende europäische Markt für die Schweizer Uhrenindustrie.

 

Was sind Ihre Erfahrungen punkto Regulierungen und Bürokratie?

 Wie praktisch sämtliche Industriesektoren streben wir administrative Vereinfachungen an und reagieren mit Befürchtungen auf die Einführung neuer Direktiven und zusätzlicher Regulierungen. Auf dieser Ebene befindet sich die Uhrenindustrie in keiner anderen Lage als die übrigen Sektoren.

Interview: François Othenin-Girard

ZUR PERSON

Der 1956 im Val de Travers geborene Jean-Daniel Pasche arbeitete nach seiner Promovierung zum Doktor der Rechte an der Universität Neuenburg zunächst ab 1981 in verschiedenen Funktionen für das Bundesamt für geistiges Eigentum (Jurist, Sektionschef Marken, Vizedirektor). 1993 übernahm er den Posten des Direktors des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH, den er seit seiner Wahl 2002 als vollamtlicher Präsident und Direktor in Personalunion leitet. Jean-­Daniel Pasche ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er lebt in Biel.