Publiziert am: Freitag, 6. Juni 2014

Vom Wert der Wertschöpfung

WERTE SCHAFFEN – Seit fast 70 Jahren machen binnenorientierte Dienstleistungen etwa die Hälfte der BIP-Zuwachsraten aus – und übertreffen damit sogar die Industrie.

In den Diskussionen rund um die Ökonomie geht es immer wieder um Bruttowertschöpfung (BWS): Branchen, Sektoren, Unternehmenstypen stehen in Konkurrenz zueinander. Die bekannteste Masszahl für Wertschöpfung ist das Bruttoinlandprodukt BIP. Seine Veränderung wird von Politik, Wirtschaft und Medien mit Argusaugen verfolgt. Oft geht es dabei um die Frage, welcher Sektor der Wirtschaft wieviel zur Wertschöpfung beiträgt. Die weitverbreitete Meinung dabei: Die Exportindustrie sei der wichtigste Wachstumstreiber. Das scheint aber nicht zu stimmen.

Inländische Dienstleistungen ­liegen vorn

Im sehr umfangreichen Buch von Patrick Halbeisen und anderen Autoren «Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» (s. Nebenartikel auf dieser Seite) werden erstmals diesbezügliche Zahlen untersucht. Und das Ergebnis ist auf den ersten Blick überraschend: Die Dienstleistungen leisten einen grösseren Wachstumsbeitrag als die Industrie. Genauer sind es die binnenorientierten Dienstleistungen, die – notabene seit dem 2. Weltkrieg, also seit beinahe 70 Jahren – konsistent etwa die Hälfte der BIP-Zuwachsraten ausmachen. Ebenfalls konstant positive Beiträge leisten die exportorientierten Dienstleistungen. Die Industrie, egal ob export- oder binnenorientiert, kommt erst an dritter Stelle (allerdings ist die aussen­orientierte Industrie meist besser als die binnenwirtschaftliche).

Für die Zeitspanne von 1990 bis 2005 etwa betrug das durchschnittliche BIP-Wachstum 1,04 Prozent. Während die binnenorientierten Dienstleistungen 0,53 Prozent ausmachten, waren es 0,43 Prozent bei den export­orientierten Dienstleistungen und 0,15 Prozent bei der exportorientierten Industrie (bei leichten Negativzahlen in binnenwirtschaftlicher Industrie, Land- und Bauwirtschaft).

Auch auf dem zweiten Blick bleibt das Ergebnis interessant. Denn es ist zwar logisch, dass in einem Land, in dem Dienstleistungen etwa 70 Prozent des BIP ausmachen, sie auch einen hohen Anteil zum Wachstum beitragen. Man beachte aber, dass der Wachstumsbeitrag der Dienstleistungen überproportional zu ihrer Bedeutung ausfällt.

Das Mass aller Dinge?

Was bedeutet das alles? Wenig – und gleichzeitig viel! Viel bedeutet es deswegen, weil diese Zahlen einige Zusammenhänge entmystifizieren. Sie zeigen vor allem, dass die Schweizer Wirtschaft nicht einfach als «export­orientiert» abgetan werden kann. Sie ist auch nicht eine in sich geschlossene Einheit. Sie ist eben beides: ein starker Binnenmarkt mit einer guten Exportorientierung sowohl bei Industrie als auch Dienstleistungen.

«WERTSCHÖPFUNG IST BLOSS EIN INDIKATOR.»

Wenig bedeutet diese Erkenntnis, weil die Wertschöpfung lediglich ein Indikator ist. Eine Konzentration auf diese Zahl sagt nur Statistisches aus. Daraus lassen sich keine praktischen Erkenntnisse für die Wirtschaft gewinnen. Wertschöpfung sagt nichts über Innovation aus (zugespitzt ist die Forschungstätigkeit also das Gegenteil von Wertschöpfung). Sie kann auch keine Auskünfte über Cash-Flow, über den Arbeitsmarkt und über die distributive Wirkung von der Aufrechterhaltung von nicht allzu produktiven Arbeitsplätzen und so weiter geben. Diese Zusammenhänge müssen als Ganzes gesehen werden, als System Schweiz.

Eine Politik, die sich einseitig an Wertschöpfung orientiert, verkennt ökonomische Zusammenhänge und wird dem System Schweiz deshalb nicht gerecht.

Henrique Schneider, Ressortleiter sgv

 

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