Publiziert am: Freitag, 11. Dezember 2015

«Werkplatz Schweiz profitiert»

ULRICH FRICKER – Nach 16 Jahren gibt der Vorsitzende der Geschäftsleitung die Suva in neue Hände. Zum Nutzen der Kunden hat er den Dienstleister auf «Service total» getrimmt.

Schweizerische Gewerbezeitung: Seit 1999 leiten Sie die Geschicke der Suva. Wie hat sich die Versicherungslandschaft Schweiz in den vergangenen 16 Jahren entwickelt?

Ulrich Fricker: Was die Unfallversicherung betrifft, nahm die Anzahl Anbieter von 41 auf 29 ab. Für die Suva änderte sich dadurch wenig. Noch immer ist heute knapp jeder zweite Arbeitnehmende bei der Suva versichert. Der Marktanteil stagniert allerdings infolge des Wandels der Volkswirtschaft mit einer Verschiebung der Arbeitsplätze in den Dienstleistungssektor. An Bedeutung gewonnen hat das Thema der steigenden Heilkosten. Dies trifft sowohl ­Unfallversicherer wie auch Krankenkassen. Im Unfallversicherungsbereich sind die Heilkosten von 1 Milliarde 1999 auf 1,8 Milliarden Franken 2013 gestiegen.

«KNAPP JEDER ZWEITE ARBEITNEHMENDE IST heute BEI DER SUVA VERSICHERT.»

Welche Bedeutung misst die Suva der UVG-Revision bei, die im September 2015 von den eidgenössischen Räten verabschiedet worden ist?

Die Revision ist für die Suva zentral. Das UVG ist die Grundlage unseres Geschäfts. Es definiert die Aufgaben und den Handlungsspielraum. Nachdem das Parlament 2011 einen ersten Vorschlag an den Bundesrat zurückgewiesen hatte, erarbeiteten die Sozialpartner unter Einbezug der Suva und der privaten Versicherer einen Kompromiss. Die Suva sprach sich klar für diesen wohl austarierten Vorschlag aus. Die nun verabschiedete Revision beruht im Wesentlichen auf diesem Kompromiss. Dass die Revision nun abgeschlossen werden konnte, bringt Rechts­sicherheit für Versicherer und Versicherte.

Welche wichtigen Veränderungen hat die Suva seit 1999 durchlaufen?

Die Suva richtete sich in dieser Zeit klar auf ihre Kundinnen und Kunden aus. Der Anspruch war, die Suva zu einem serviceorientierten Dienstleistungsunternehmen zu formen. Durch einen fokussierten Ressourceneinsatz und das Management der Prozesse wird die Suva heute ergebnisorientiert gesteuert. Und wir wollen, dass die Kunden unsere Leistungen messen können. Denn ihr Nutzen ist unser übergeordnetes Ziel.

Welchen Nutzen hat die Suva für den Werkplatz Schweiz?

Die Suva bietet mit ihrem Modell aus Prävention, Rehabilitation und Versicherung einen effizienten Schutz für die Arbeitnehmenden gegen Unfall und Berufskrankheiten. Und ist ein Unfall doch nicht zu verhindern, sorgt sie für eine möglichst effektive und effiziente Heilung sowie für eine erfolgreiche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Vom Erfolg dieses Modells profitiert der Werkplatz Schweiz direkt: Mit Prämiensenkungen entlastete ihn die Suva in den letzten sieben Jahren um über 4 Milliarden Franken. Wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen hat die erfolgreiche Präventionsarbeit. Dies war aber nur möglich, dank des funktionierenden Zusammenspiels zwischen Suva, den Betrieben und deren Mitarbeitenden. Die Organisation der Suva hilft dieser ­Zusammenarbeit. In unserem Verwaltungsrat – künftig Suva-Rat – sind die Sozialpartner paritätisch vertreten. Das fördert das gegenseitige Verständnis. Und es hilft, veränderten Anforderungen Rechnung zu tragen.

Ein wichtiges Merkmal der vergangenen anderthalb Dekaden ist die Digitalisierung. Wie hat sich die Suva in diesem sich rasant verändernden Umfeld entwickelt?

Wir sind überzeugt, dass die digitale Transformation ein wesentlicher Baustein des zukünftigen Geschäftserfolgs ist, und wir haben das Thema sehr früh aufgenommen. Bereits werden 97 Prozent der Heilkostenrechnungen bei uns digital prozessiert und 96 Prozent der Unfallmeldungen werden elektronisch angeliefert. Entscheidend auch in dieser Entwicklung bleibt es, immer den Kunden im Auge zu behalten. Wir machen, was dem Kunden nützt, womit wir effizienter werden und die Kundenzufriedenheit erhöhen können.

Als «Mister Suva» waren Sie sich nicht zu schade, nötigenfalls persönlich Kunden aufzusuchen und Probleme zu besprechen. Wo stehen die Kunden in der Prioritätenliste der Suva?

Unsere «Serto»-Strategie ist auf den Kunden ausgerichtet: Wir wollen ihm Service total – «Serto» – bieten. Denn in einem Teilmonopol, wie es die Suva kennt, ist die Kundenzufriedenheit essentiell. Es ist wie in einer Ehe. Wollen sie diese langfristig weiterführen, müssen sie mehr aufeinander Rücksicht nehmen als in einer losen, kurzfristigen Zweckgemeinschaft. Und lassen Sie mich anfügen: Wie erwähnt leben wir in einer digitalen Zeit. Aber die persönliche Beziehung wird ihre Bedeutung behalten. Dies gilt nicht nur für den «Mister Suva», sondern auch für jede Kundenberaterin und jeden Kundenberater, bei der Revision, im Prämiengespräch oder in der Vermittlung einer Präventionsbotschaft.

«Die KUNDEN SOLLEN UNS AN UNSERER 
LEISTUNG MESSEN.»

Mit der «Vision 250 Leben» will die Suva 50 Prozent der tödlichen Berufsunfälle vermeiden helfen. Wie kann dies gelingen?

Wir setzen dort an, wo wir den grössten Hebel haben. Zentrales Element der Kampagne sind die lebenswichtigen Regeln. Diese haben wir branchenspezifisch erarbeitet. Im Moment stehen wir in der Halbzeit. Die Grundlage ist geschaffen. Nun gilt es, diese umzusetzen. Unsere Berechnungen zeigen, dass mit der Einhaltung dieser lebenswichtigen Regeln 60 Prozent der tödlichen Unfälle verhindert werden könnten. Dass die Unternehmen am gleichen Strick ziehen, zeigt auch die kontinuierlich steigende Zahl der Unternehmen, die die Sicherheits-Charta unterzeichnen. Sie bekennen sich explizit zur Sicherheit in ihrem Betrieb.

Wie werden sich die Prämien in den nächsten Jahren entwickeln?

Nach sieben Prämiensenkungen in Folge in den letzten Jahren hat die Suva heute ein neues finanzielles Gleichgewicht erreicht. Deswegen ist auch das Potenzial für Prämiensenkungen geringer geworden. Ausserdem sind auch die Aussichten für gute Renditen auf unseren Kapitalanlagen mit Vorsicht zu beurteilen.

«96 PROZENT DER 
UNFALLMELDUNGEN WERDEN ELEKTRONISCH ANGELIEFERT.»

Die Vermögenserträge spielen im System Suva eine wichtige Rolle. Was unternimmt die Suva, um weiterhin die notwendigen Renditen erzielen zu können?

Wir halten an unserer Anlagestrategie fest. Wir sind sehr breit diversifiziert und ein langfristig aktiver Investor. Aufgrund eines Kapitals von 46 Milliarden Franken und eines Deckungsgrads von rund 130 Prozent haben wir uns eine gewisse Risikofähigkeit erarbeitet. Wie bereits heute werden wir zudem auch weiterhin unsere treuhänderische Pflicht als verantwortungsvoller Investor wahrnehmen. Alles immer mit Blick auf unser primäres unverändertes Ziel: das Sichern der Renten mittels marktüblicher Renditen.

Sie waren auch Präsident der EKAS. Welche Bedeutung messen Sie der Arbeitssicherheit zu und was kommt hier in den kommenden Jahren an Neuem auf die Betriebe zu?

Der Kostendruck und die Veränderung der Arbeitswelt mit einer zunehmenden Roboterisierung in den Betrieben werden die Anforderungen weiter verändern. Um die Arbeits­sicherheit auch zukünftig effektiv zu gewährleisten, wird es immer wichtiger werden, dass die einfachen, aber lebenswichtigen Regeln in den normalen Arbeitsprozess integriert werden. Arbeitssicherheit darf nicht als etwas Störendes verstanden werden. Sie ist eine Investition in die Sicherheitskultur der Unternehmen, die sich auch auf die Qualität von Produkten und Dienstleistungen auswirkt.

Interview: Gerhard Enggist

DER NACHFOLGER

Felix Weber folgt
auf Ulrich Fricker

Am 1. Januar 2016 übernimmt Felix Weber den Vorsitz der Geschäftsleitung der Suva. Seit 2009 ist Weber Mitglied der Geschäftsleitung des Unfallversicherers. Er leitet das Departement Versicherungsleistungen und Rehabilitation. Zuvor war er für die Luzerner Kranken- und Unfallversicherung Concordia und den Versicherungskonzern Zurich tätig. Nachfolger von Felix Weber als Lei-ter des Departments Versicherungs-leistungen und Rehabilitation wird Daniel Roscher, der bisherige Direk-tor der Suva-Agentur Zürich.