Publiziert am: Freitag, 12. Dezember 2014

Wertschöpfung in drei Dimensionen

ROBERTO ARTAVIA – Der Präsident von Viva Trust aus San Jose, Costa Rica, ist von der Notwendigkeit eines nachhaltigen Unternehmertums überzeugt. Er ist Organisator des Leaders Symposium vom 5. bis 7. Februar an der Uni St. Gallen und im Impact Hub Zürich.

Schweizerische Gewerbezeitung: Was ist nachhaltiges Unternehmertum?

Roberto Artavia: Am besten kann man es als Wertschöpfung für die gesamte Gesellschaft verstehen. Es besteht aus verschiedenen Teilen: Erstens geht es um ein gutes Verhältnis zu Zulieferern und Kunden; zweitens um die Minimierung und Kompensation des ökologischen Fussabdruckes; drittens um eine hohe Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden, vor allem bezüglich ihrer ­Gesundheit, Sicherheit und Würde; viertens um die Einhaltung aller Gesetze und Normen; und fünftens um die Messung der unternehmerischen Wertschöpfung in drei Dimensionen: ökonomisch, ökologisch und gesellschaftlich.

Gibt es nicht Konflikte zwischen diesen Dimensionen?

Natürlich gilt es Abwägungen vorzunehmen. Zum Beispiel hat jeder Produktionsprozess klare Auswirkungen auf die Natur. Doch diese können minimiert werden. Sie können auch durch andere Massnahmen kompensiert werden. Ein anderes Beispiel: Kein Unternehmen kann langfristig in Konflikt zur lokalen Gesellschaft leben. Deshalb ist es wichtig, alle Gesetze einzuhalten und mit den Anspruchsgruppen im Dialog zu bleiben. Es ist auch hilfreich, die Auswirkungen der eigenen unternehmerischen Aktivität auf die Gesellschaft zu messen. Dies hilft, die notwendigen Abwägungen vorzunehmen. Doch das einfachste Prinzip, um die Konflikte zu lösen, ist, zu fragen, wie künftige Generationen die gleichen Chancen haben werden wie wir heute.

Was sind die genauen Unterschiede zwischen nachhaltigem und «klassischem» Unternehmertum?

Das wichtigste ist die umfassende Verantwortung gegenüber den drei Dimensionen: Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft. Wir leben auf ­einem Planeten mit mehr als genug Ressourcen, aber wir verwenden sie nicht adäquat. Wir holzen Urwald ab und Tiere sterben unsertwegen aus. Das Bewusstsein dieser Probleme zeigt, wie dringend es ist, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und die Zeichen stehen gut: Je mehr wir wissen, desto stärker verstehen wir, was wir ändern müssen. Nachhaltigkeit ist jetzt ein breites Thema, das in den Medien und Social Media rege diskutiert wird. Immer mehr Menschen nehmen ihre Verantwortung wahr.

In Kooperation mit dem Schweizer Philanthropen Stephan Schmidheiny haben Sie den Viva Trust ins Leben gerufen. Was ist das und was bezweckt es?

Der Viva Trust ist eine einmalige Organisation, die eng mit den Werten und Überzeugungen von Stephan Schmidheiny verbunden ist. Im Jahr 2003 errichtete Stephan Schmidheiny den Viva Trust und brachte alle seine Industriebeteiligungen in Lateinamerika im Wert von rund einer Milliarde US-Dollar unwiderruflich in den Viva Trust ein. Seither betreiben wir verschiedene Unternehmen auf Grundlage des nachhaltigen Unternehmertums, der Vision von Stephan Schmidheiny. Beispielsweise ist das grösste Holzunternehmen in Mexiko mit dem Viva Trust verbunden. In Wirklichkeit sind wir ein Instrument für nachhaltige Philanthropie. In den letzten zehn Jahren hat der Viva Trust eine wichtige Rolle in der Entwicklung und Nachhaltigkeit Lateinamerikas gespielt. Viva ist ein neues Modell für die Verbindung von Unternehmertum und Philanthropie. Es ist ein Experiment, das eine Allianz von wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftspolitisch erfolgreichen Unternehmen bildet. Das Ziel ist, in ganz Lateinamerika Führungsqualitäten und Innovation aufzubauen, um wettbewerbliche Unternehmensmodelle um die Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Der Fokus liegt dabei auf KMU. Wir wollen ein Modell oder ein Standard sein und freuen uns, wenn andere folgen.

Wie erfolgreich sind sie dabei?

Wir haben es geschafft, um die 
300 Millionen US-Dollar zu stiften. Aber unser wichtigster Erfolg war die Bildung eines Netzwerks von über 5000 Führungspersonen – unser Sozialkapital –, die wir vor allem in strategischen und operativen Belangen unterstützen. Dadurch haben wir eine wahre Austauschplattform für So­zialkapital etabliert. Unser Netzwerk ist verpflichtet, das Unternehmertum grundlegend zu verändern. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Durch den Viva Trust haben wir in der Amazonasregion eine der grössten Initiativen gegründet. Zusammen mit dem von uns geschaffenen Sozialkapital (den Führungskräften) haben wir den Trend der Waldrodung gedreht. Das ist nachhaltig, weil dies auf Unternehmensprinzipien und Werten gründet, die zur Stärkung der Nachhaltigkeit in der Amazonasregion eingesetzt wurden. Wir haben alle unsere unternehmerischen Aktivitäten auf strenge Weise unter dem Prinzip der Triple-Bottom-Line umgesetzt: Wir bewerten den ökonomischen, ökologischen und sozialen Gewinn der Initiativen. Durch die Unterstützung vieler innovativer Projekte haben wir viele Leben in Lateinamerika verbessert.

Was sind die Schwierigkeiten?

Am Anfang war die Frage, ob unsere Unternehmen wettbewerbsfähig seien, angesichts der Notwendigkeit, alle unsere Werte zu leben, und unserer Nervosität darüber, wie wir die Dimensionen der Nachhaltigkeit gegeneinander abwägen würden. Aber dank strategischem Denken und Kohärenz in der Umsetzung haben wir das gemeistert. Natürlich haben wir in einigen Bereichen höhere Kosten. Diese machen es schwieriger, in den Märkten tätig zu sein. Sie schmälern auch die Margen. Diesem Problem begegnen wir mit dem Mehrwert unserer Leistungen. Die vorhin genannte dreifache Dividende kompensiert die höheren Kosten gut. Zusätzlich zu unserem ökonomischen Gewinn schaffen wir auch ökologische und soziale Werte. Letztlich haben wir auch besondere Risiken, weil wir in Gebieten tätig werden, die politisch umstritten sind. Beispiele sind die Energiepolitik und Bildung. Auch das meistern wir, indem wir nicht Modelle bevorzugen, sondern lokale Führungspersönlichkeiten unterstützen, die Veränderungen bewirken. Manchmal stört dies Unternehmer und Politiker, die den Wandel nicht unterstützen. Das macht die Veränderungen immer viel schwieriger und herausfordernder.

Demnächst findet für die Führungspersönlichkeiten ein Symposium in der Schweiz statt. Was erwarten Sie davon?

Zum Leaders Symposium erwarten wir höchstrangige internationale Führungspersönlichkeiten. Wir werden analysieren, wie weit wir in Sachen Nachhaltigkeit gekommen sind, welche Trends aufkommen und wo die Herausforderungen liegen. Wir werden deren Sichtweisen auf wesentliche Punkte hören und diskutieren unsere Optionen für die nächsten zehn Jahre. Das Symposium ist ein herausragender Ort, um sich in ein wichtiges, internationales, vor Jahren von Stephan Schmidheiny gegründetes Netzwerk von Führungskräften einzubinden und von diesem zu lernen; ein Netzwerk von Global Leaders for Change.

Warum sollte ein Unternehmer ohne ausdrückliche Verpflichtung zur Nachhaltigkeit das Sympo­sium besuchen?

Es gibt zwei Gründe. Erstens ist es für alle Geschäftsmodelle wichtig, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Wir werden wichtige Informationen zu Geschäftsmodellen, Leistungen und Märkten zusammentragen. Wir werden auch Trends und Herausforderungen analysieren. Diese Art der Strategiearbeit ist für alle Firmen wichtig. Aber es gibt auch einen zweiten und persönlichen Grund: Jeder Anwesende kann persönlich über die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit lernen und wie diese in der individuellen Geschäftspraxis gelebt werden kann.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv

ZUR PERSON

Roberto Artavia ist der Präsident des Viva Trust. Daneben hat er viele strategische und Verwaltungsratsmandate inne, beispielsweise beim Weltressourceninstitut oder bei Copa, der Fluggesellschaft von Panama. Er verfügt über einen MBA (INCAE Business School) und einen DBA (Harvard Business School) und ist der Autor verschiedener Bücher zur Nachhaltigkeit. Sc

LEADERS SYMPOSIUM

Für mehr ­Nachhaltigkeit

Das «Leaders Symposium – Shaping the Global Sustainability Agenda» findet vom 5. bis 7. Februar 2015 statt. Am 5. Februar wird im Impact Hub Zürich ein Social Entrepreneur Workshop mit Sozialunternehmern aus Lateinamerika und Europa durchgeführt. Am 6. und 7. Februar findet an der Universität St. Gallen eine Konferenz im Stile fünfzehnminütiger Kurzpräsentationen statt.